Seit 1993 sind weniger als eine Milliarde Sekunden verstrichen. Dennoch liegt dazwischen mehr als eine ganze Generation. 1993 war, verglichen mit 2023, eine völlig andere Welt. Frank Zappa starb, Freddie Mercury hatte uns bereits zwei Jahre zuvor verlassen, und Kurt Cobain sollte den beiden Exzentrikern im darauffolgenden Jahr im Himmel Gesellschaft leisten. MTV sendete tatsächlich noch Musik, Jurassic Park hatte sein Kino- und Akte X sein Fernsehdebüt. Ein eigenes Handy? Unerreichbare Science Fiction! Internet? Das ist doch dieses Computer-Zeugs für Freaks? «Innovativ» waren die meisten Menschen zu Beginn der 1990er-Jahre dafür im Umgang mit Musik. Wer etwas auf sich hielt, verramschte seine Schallplattensammlung und kaufte alle Titel nochmals neu mit noch mehr Plastik drumherum in Form der sogenannten Compact Disc.
Tote Hose war damals in der Stadt St.Gallen allerdings bezüglich der Ausgehmöglichkeiten. Neben der Grabenhalle und den beiden kommerziellen Diskotheken Ozon und Trischli gabs nicht viel. Für den St.Galler Pino Stinelli und seine Freunde war das kein Zustand. Sie überlegten sich, ein eigenes Konzert- und Partylokal zu eröffnen. Ein eigener Ort für Underground-Kultur, zum Abhängen, Musikhören und -machen.
Das Problem: Die Stadt St.Gallen hatte noch alte Regeln aus der Prohibitionszeit – neue Lokale durften in der Praxis nur an Orten eröffnet werden, an denen bereits zuvor Bars oder Ähnliches existierten. Die Behörden nannten es Bedürfnisklausel, sie gingen also tatsächlich davon aus, dass in der Öffentlichkeit kein Bedürfnis nach neuen Lokalen besteht. Stinelli und seine Freunde konnten sich aber weder teure Lokalitäten leisten, noch konnten sie den behördlichen Auflagen entgegenkommen. Ausserdem kontrollierten damals in der Stadt noch unerschrockene Rockergangs gewisse Quartiere.
Was also tun? «Um dieses restriktive Gesetz kreativ zu umgehen, hatten wir die Idee, eine Art Fake-Laden aufzumachen, in dem regelmässig Ausstellungen und Vernissagen stattfinden», erinnert sich Pino Stinelli. «Hauptsächlich verkauften wir Platten, Klamotten und andere Dinge, im Keller veranstalteten wir aber vor allem Konzerte und Partys.»
Rasch zum überregionalen Geheimtipp
Bereits zur Eröffnung von Klang und Kleid (KNK) an der Schwertgasse Ende 1993 rockten am ersten Abend im Keller des neuen Lokals die beiden Bands Halle K aus Bürglen sowie die Grunge-Band Former Franks aus Rorschach. Das erste Sortiment stellten die Improvisationskünstler um Pino Stinelli mehrheitlich aus Objekten aus eigenen Sammlungen zusammen. «Jemand aus dem Freundeskreis hat Platten mitgebracht, jemand anderes Klamotten oder Vintage-Möbel», so der KNK-Geschäftsführer. Ziemlich schnell entwickelte sich Klang und Kleid zu einem Geheimtipp. Nicht nur St.Galler:innen, auch Leute aus der weiteren Region merkten bald, dass es hier Dinge gibt, die sonst nur in London oder New York zu finden waren.
Während Secondhand-Kleidung heute ein Milliardenbusiness ist, bei dem auch global tätige Brands mitmischen, war diese Art der Wiederverwertung von Einzelstücken in den frühen 90er-Jahren noch ein relativ neues Phänomen, das Klang und Kleid von der grossen weiten Welt nach St.Gallen brachte. «Ich war damals regelmässig in London und anderen Städten unterwegs und habe ausgefallene Stücke gekauft und sie hier für denselben Preis weiterverkauft», erklärt Stinelli. Zu den «Evergreens» im Sortiment seit 1993 gehören neben Platten, Lavalampen oder Filmpostern auch Patches, die auf Kleidungsstücke aufgenäht werden oder originale Hawaii-Hemden, die Stinelli direkt von der Pazifik-Insel importiert, sowie handgefertigte Hüte des Schweizer Herstellers Risa.
Einer der ersten Onlineshops der Schweiz
In den Anfangsjahren bestand der Laden zur Hälfte aus gebrauchter Kleidung, heute macht Secondhand-Ware nur noch einen kleinen Teil aus. «Kleider sind sehr aufwendig, man muss ständig unterwegs sein, Aktionen machen und schauen, dass sie nicht zu lange im Laden bleiben», sagt Stinelli zum Grund für diesen Wandel. Seit einigen Jahren steht auch deutlich weniger Plastik-Kitsch in den Regalen, Dinge, die in den 90ern der letzte Schrei waren. «Solche Sachen mag ich nicht mehr sehen.»
Seit Beginn geblieben ist dagegen die grosse Auswahl an Schallplatten. Für die Suche nach LPs hat Stinelli schon damals das Internet genutzt, obwohl das Web in seiner heutigen Form noch gar nicht existierte. In sogenannten Newsgroups inserierte er bereits vor 30 Jahren gezielt, um an ganze Plattensammlungen zu kommen.
1997 eröffnete KNK seinen Onlineshop, einen der ersten in der Schweiz. «Das Internet war damals noch ziemlich klein, die Chance war also gross, dass die Leute auf unserer Seite landeten, wenn sie nach bestimmten Artikeln suchten», erklärt Stinelli. Nach der Jahrtausendwende verschickte Klang und Kleid monatlich tausende Pakete an Kund:innen. Aus ökologischen Gründen ist das heute undenkbar. «Der weltweite Online-Versandhandel verursacht Unmengen an Abfall, da wollen wir nicht mehr mitmachen.» Heute würden deshalb nur noch ausnahmsweise Pakete an Kund:innen verschickt.
Ausserdem ist das Einkaufen im Geschäft auch ein emotionales Erlebnis. Oft kommen junge Menschen in den Laden, deren Eltern früher bereits Kund:innen waren. Stinelli sagt: «Junge Leute kaufen zuerst vor allem oft Standardplatten von Künstlern wie Queen, Bob Dylan oder Pink Floyd, die sie auf ihren Wunschlisten haben.» Aber auch ältere Damen, die in den 70er- und 80er-Jahren zur Punk-Szene gehörten, würden sich nicht selten zuerst in der Hutabteilung umsehen, nur um dann am Schluss mit einer Punk-Platte aus dem Geschäft zu laufen.
Auch wenn Sortiment und Kundschaft über die Jahre Veränderungen unterworfen waren und der Standort des Geschäfts vom Rand der Altstadt wieder ins historische Stadtzentrum gerückt ist – seit 2020 mit zwei Eingängen an der Kugelgasse und der Brühlgasse –, gibt es 1993 wie heute noch immer Menschen, die sich nicht in den Laden hinein trauen, räumt Stinelli ein. «Wir sind von der Einrichtung her schon ein spezieller Laden, der mit Sofas und Sesseln auch zum Verweilen einlädt, vielleicht verunsichert das gewisse Leute.» Massgebend dafür, Hemmschwellen zu überschreiten, seien auch kleine Dinge, beispielsweise ob die Ladentüre offen stehe oder nicht.
Bestimmt weit offen steht die Türe im Dezember anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums, das mit verschiedenen Konzerten, Vernissagen und Performances gefeiert wird. Im frisch renovierten historischen Gewölbekeller unterhalb des Ladenlokals. Damit geht Klang und Kleid sozusagen back to the roots, wie damals 1993, als ebenfalls im Keller gefeiert wurde.
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9. Dezember: 30 Years KNK Birthday Bashes Bei der Eröffnung 1993 haben Halle K bei Klang und Kleid gespielt. 30 Jahre später kommt die Band wieder und gibt erneut eine Performance mit ihrem neuesten Programm «Kühlwasser». Halle K aus dem Thurgau sind seit den 1980er-Jahren bekannt für ihren Sound und schräge Projektionen.
14. Dezember: Ausstellung «Neoncore» Der Künstler Manuel Mooner verarbeitet Reste, Überbleibsel und Schrott zu Kunst. Seine «Objets trouvés» bestehen aus Neonröhren, die einst Reklametafeln zierten und verformten Karosserieteilen von Unfallfahrzeugen.
klangundkleid.ch
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