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Eine Krankheit namens Identität

Hautfarbe, Geschlecht, Religion: In Robert Ickes Stück Die Ärztin jagen sich die aktuellen Identitätsdiskurse. Das Theater St.Gallen zeigt die Schweizer Erstaufführung – mit beklemmenden Bezügen zum jüngst aufflammenden Antisemitismus. Am Mittwoch war die Premiere.
Von  Peter Surber
Diana Dengler als Ärztin Ruth Wolff, hinter ihr das Klinikteam. (Bilder: Jos Schmid)

Sie rennt auf der Drehbühne und kommt keinen Schritt voran. Um sie herum zieht der Chor der Gegner:innen den Kreis immer enger. Rennend verteidigt sie sich und ihr Handeln, schlagfertig, kompromisslos. Aber «Im Ring», der TV-Show im zweiten Teil des Stücks, steht sie von vornherein auf verlorenem Posten.

Diana Dengler absolviert als Ärztin Dr. Ruth Wolff auf der grossen Bühne des Theaters St.Gallen eine grandiose schauspielerische Parforceleistung. Zwei Stunden lang behauptet sie sich im verbalen Bombenhagel, trägt das Stück und packt das Publikum. Ihre Ruth, das Opfer einer medialen Hexenjagd, ist eine, die sich zum Opfer ausdrücklich nicht eignet: gnadenlos freundlich, intellektuell überlegen, menschlich unnahbar, mit einer Verletzlichkeit, die sie vor den andern und vor sich virtuos geheimhält bis fast am Ende.

Ruth «im Ring», bedrängt von der Moderatorin: Diana Dengler, Tabea Buser. (Bilder: Jos Schmid)

Gleich drei drehende Bühnen, dazu sich hebende und senkende Wände und immer neue Türen haben sich Regisseurin Barbara-David Brüesch und Bühnenbildner Alain Rappaport als Schauplatz ausgedacht. Vom klinischen Weiss heben sich einzig die blassfarbigen Arztkittel (Kostüme: Sabine Fleck) beinah ironisch ab. Desinfektionsmittel und mal ein Stuhl oder Tisch sind das karge Mobiliar im antiseptischen Ambiente der Privatklinik namens Elisabeth-Institut, deren Gründerin Wolff ist – und deren Existenz sie gerade aufs Spiel setzt.

Wir sind Zeugen ihres Vergehens: Die 14-jährige Emily liegt mit einer Sepsis nach einem eigenhändigen Abtreibungsversuch im Sterben, und Dr. Wolff entscheidet, dass sie ohne Störung und in der Hoffnung, es gehe aufwärts, «friedlich» sterben soll. Drum hindert sie Pater Jacob (Nils Torpus), der Emily im Auftrag ihrer streng religiösen Eltern die letzte Ölung spenden will, am Betreten des Zimmers.

Pater Jacob (Nils Torpus).

Ihre Aktion ruft erst Kontroversen im Ärzteteam und dann einen rasch anschwellenden Shitstorm hervor. Die Fronten scheinen klar: hier die Wissenschaft in Person der atheistischen, jüdischen Medizinerin, dort der Glaube und die christlichen Sakramente des Paters. Auf diesen Gegensatz im Wien um 1900 hatte Arthur Schnitzler sein (von der Zensur verbotenes) Stück Professor Bernhardi zugespitzt, das Robert Icke «sehr frei» als Vorlage für Die Ärztin benutzt.

Mitten in den Identitätsdiskursen

Jetzt, gut 100 Jahre später, ist die Hauptfigur wiederum jüdisch, erfolgreich, ein Star ihrer Profession. Aber es ist eine Frau, und um sie herum packt der britische Erfolgsautor so ziemlich alle Identitätsdiskurse und Diskriminierungsklippen hinein, an denen sich die westlichen Gesellschaften gegenwärtig abarbeiten.

Der Pater: nicht nur katholisch, sondern schwarz. Wolffs Konkurrent Hardiman (Anja Tobler): ein brillanter Arzt, aber ein «antisemitisches Arschloch». An der Spitze des Gesundheitsministeriums: die opportunistische Ärztin Flint (Maya Alban-Zapata). Die jüdischen Kollegen Cyprian (Téné Ouelgo) und Copley (Tabea Buser) halten halbwegs zu Wolff, auf der Gegenseite hetzt Katholik Murphy (Julius Schröder), zwischen den Fronten lavieren Assistenzarzt Junior (Nancy Mensah-Offei) und PR-Frau Rebecca (Manuel Herwig).

Der St.Galler Cast folgt der Vorgabe des Autors, Rollen «mit und gegen die Identität der Figuren zu besetzen» und so die gängigen Identitäts-Gewissheiten zu unterminieren. Gender und Color flimmern. So wie die zwei «privaten» Figuren, der/die alte Charlie (Heidi Maria Glössner) und Ruths Untermieter:in Sami (Finn Nachfolger), eine wohltuende Unschärfe in den Hardcore-Diskurs einbringen.

Charlie (Heidi Maria Glössner) Ruth, im Hintergrund Sami (Finn Nachfolger).

Regisseurin und Schauspielchefin Barbara-David Brüesch nimmt die Debatten ernst – so ernst, dass bis zur Pause theatralische Elemente fast keinen Platz haben. Über weite Strecken folgt man einem Hörspiel, dem virtuosen Schlagabtausch der Argumente. Bewegung schaffen einzig die Drehbühnen beim Szenenwechsel. Nach der Pause sorgt die TV-Show «Im Ring» hingegen für Rasanz und starke Chor-Auftritte.

Und plötzlich sind sie wieder da

Man ahnt den Ausgang: Dr. Ruth Wolff verliert ihre Approbation, im Namen einer sich elite-kritisch und volksnah gebenden Mehrheitsgesellschaft, die ihren Antisemitismus kaum kaschiert, allen voran Emilys Vater, von Nils Torpus als religiöser Wutbürger der beängstigenden Sorte gespielt.

So hart will der Autor seine Zeitdiagnose dann aber doch nicht stehen lassen. Er hängt einen langen Dialog zwischen Pfarrer und Ärztin an, in dem unversehens das Gemeinsame über dem Trennenden steht. Und obendrauf pfropft er noch Charlies Alzheimer-Tragik und Suizid – eine Kehre ins Sentimentale, die mehr ablenkt als erhellt.

Der Chor der Besserwisser: Anja Tobler, Nancy Mensah-Offei, Téné Ouelgo, Tabea Buser, Manuel Herwig, Julius Schröder (von links).

In einer idealen Welt behielte Ruth Wolff recht, wenn sie im «Ring» mehrfach beteuert: «Ich mache mir nichts aus Gruppen.» Gelten soll einzig ihre Funktion als Ärztin. Dafür kämpft sie mit allem Elan und der Überzeugung, «dass wir heute entscheiden können, wer wir sind» – im Gegensatz zu ihren Grosseltern, die von den Nazis umgebracht wurden.

Aber in der realen Welt anno 2023 dominieren wieder all die Identitätspolitiken, mit denen Wolff nichts zu tun haben will. Das macht die Tagesaktualität des Stücks aus, das mit den jüngsten antisemitischen Eskalationen auch in der Schweiz noch an Dringlichkeit gewonnen hat.

Nächste Vorstellungen:
10., 12., 19., 20., 22., 23. November, Theater St.Gallen

Talk im Studio zum Stück:
16. November und 7. Dezember

konzertundtheater.ch

Copley, der junge jüdische Arzt, warnt treffend davor, dass plötzlich wieder «Biographie ins Spiel kommt». Dass christliche Patienten von christlichen Ärzten operiert werden sollen, dass Menschen überhaupt in Schubladen gesteckt werden: «Nicht umsonst gibt es wirklich niemanden, keinen einzigen Menschen auf dieser Welt, dessen strahlende, facettenreiche Komplexität sich diesem eindimensionalen Bullshit nicht widersetzt.»

In der eigenen Falle

Allerdings lässt Autor Icke mit seiner Hauptfigur seinerseits (und vermutlich mit Absicht) die Falle zuschnappen, die Copley «Biographie» nennt. Ruth Wolff ist Ärztin, brillant, erfolgreich, schlagfertig, arrogant gegenüber ihrem Team, empathisch nur für ihre Patient:innen – und jüdisch. So werden Klischees bedient, und entsprechend erwartbar sind die Reaktionen im Stück. Bis zum Stein, der nachts Ruths Fenster zersplittert und Pogrom-Ängste weckt.

Es fliegen wieder Steine: Sami (Finn Nachfolger) und Ruth in Angst.

Während Gender und Color im Stück zeittypisch, vielleicht auch: modisch fluid gehandhabt werden, setzt der Autor Judentum und Christentum absolut. Und ist damit am Ende im gleichen Spital krank wie die Identitären aller Art, deren einengendes Weltbild sein Stück mit gutem Grund und virtuosen Argumenten entlarvt.

Bleibt, mit posttheatralen, von der Ärztin verschriebenen Selbstzweifeln befeuert, die Frage: Wer bin ich, als weisser alter Mann, als Nichtjude, als medizinischer Laie und zu allem Elend noch als Protestant, mir ein Urteil über dieses Stück zu erlauben? Die Legitimation ist am Ende vielleicht dieselbe, die Schnitzler für seinen Professor Bernhardi in Anspruch nahm: einzustehen für «die Vielfältigkeit der Welt».

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