Vor rund 20 Jahren hatte eine St.Galler Griechischklasse die Stadt nach antiken Spuren abgesucht und Apollo, Artemis, Helena, Poseidon, Herakles, Pan, Faune und Tritonen und das ganze sonstige olympische Personal porträtiert, das an Fassaden, an Säulen und auf Fenstern zu finden ist. Auf jener Suche baut die Publikation mit dem Titel Götter, Musen, Fabelwesen auf, die zum diesjährigen Lateinischen Kulturmonat erscheint, verfasst von Lateinlehrer Clemens Müller und ergänzt um stadtgeschichtliche «Fenster» von Peter Müller.
Protest gegen Lateinabbau
Das Buch zeigt: In der Stadt St.Gallen wimmelt es von Götterfiguren aus der Antike. Vor allem in der Zeit der städtischen Textilblüte im 19. und bis Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden klassizistische und Jugendstil-Bauten mit ihnen geschmückt. Wirtschaftlicher Aufschwung und humanistische Bildung gingen Hand in Hand – lange her.
Buch: Götter, Musen, Fabelwesen. Gestalten der griechischen Mythologie in der Stadt St.Gallen. Kantonsbibliothek Vadiana 2016.
Ausstellung: Die Sprache der Götter, bis 2. Dezember, Kantonsbibliothek Vadiana, Notkerstrasse 22, St.Gallen, Vernissage Samstag, 29. Oktober 17 Uhr
Die Juno: Freitag, 28. Oktober, 13 Uhr, Kantonsbibliothek Vadiana, Referat von Peter Müller und Sabina Carraro (Restauratorin).
Alle Veranstaltungen: ixber.ch
2000 Jahre lateinische Prägung haben ihre Spuren auch und in ausgeprägtem Mass in St.Gallen hinterlassen. Dies in Erinnerung zu rufen, sei das Hauptziel des Lateinischen Kulturmonats, sagte Clemens Müller heute Dienstag an der Medienkonferenz im Foyer der Kantonsbibliothek Vadiana. Im inzwischen zehnten IXber ist er zuversichtlich, dass die Veranstaltung einiges an «Bewusstseinsarbeit» geleistet und erreicht hat. Entscheidend, ergänzt Peter Müller, sei auch die Vernetzung all der Institutionen, die in der Stadt mit Latein zu tun haben, von der Archäologie bis zum Amt für Mittelschulen. Kantonsbibliothekarin Sonia Abun-Nasr und die Präsidentin des Vereins IXber, Regula Steinhauser Zimmermann, betonten ihrerseits die Lebendigkeit der Latein-Überlieferung.
Allerdings sei es nicht gelungen, mit dem Anlass den Sinkflug des Lateins an den Mittelschulen aufzuhalten, sagt Clemens Müller. Heute könne die Kantonsschule am Burggraben noch eine bis anderthalb Lateinklassen führen, vor zehn Jahren waren es noch zwei.
Das will der Lateinnovember nicht so einfach hinnehmen. Latein sei unverändert ein «wichtiges Fundament» fast aller europäischen Sprachen und Kulturen, und es habe zu Gegenwartsfragen durchaus etwas zu sagen – zu Globalisierung, Multikulturalität oder Werte-Diskussionen. «Gebt uns Lateiner!» ist denn auch die Podiumsdiskussion zur Stellung des Lateins in der bildungspolitischen Landschaft betitelt, die am 28. November stattfindet, unter anderem mit dem Zürcher Unirektor Michael Hengartner, dessen Institution am Latein nur noch in historischen und einigen philologischen Fächern festhält – oder festhalten kann.
Horticultura clandestina
Noch gibt es aber Lateiner: Der Übersetzungswettbewerb hat bereits zum achten Mal seinen Platz im Lateinmonat. Wer seine Kenntnisse testen will: Unter dem Stichwort certamen findet sich auf ixber.ch ein Übungstext. Daneben widmet sich das Jubiläumsjahr den genannten Göttern, Musen und Fabelwesen in Referaten, Diskussionen oder mit einem Stadtrundgang. Die Nischenveranstaltung Lateinmonat sei eine Art kulturelles «Guerilla gardening», sagte Peter Müller. Oder auf Lateinisch, von Gymilehrer Clemens Müller stante pede übersetzt: «horticultura clandestina».
Die Ausstellung in der Vadiana lässt ihrerseits den St.Galler «Olymp» Revue passieren. Die Ausstellungsgestalter Johannes Stieger und Michael Schoch stellen die Götter auf Säulen, versammeln die Musen auf langgezogenen Bildfriesen an den Wänden und verbannen die «Fabelwesen» in ein Labyrinth.
Ein Highlight der Ausstellung sei der aufgefrischte Monumentalkopf der Juno Ludovisi. Dessen Geschichte beweist noch einmal, wie eng ineinander Vergangenheit und Gegenwart verschränkt sind. Diese Geschichte erzählt Peter Müller im Buch Götter, Musen, Fabelwesen (und am Freitag, 28. Oktober live in der Vadiana). Sie geht, hier leicht gekürzt, so:
Juno in Reparatur. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen)
Ein Gipskopf mit Vergangenheit
Im Jahr 1954 kam die Vadiana zu einem merkwürdigen Geschenk: einem Abguss der monumentalen Porträtbüste der Juno Ludovisi, der angeblich einmal in Goethes Atelier in Rom gestanden hat. Alfred Breslauer (1866–1954), ein bedeutender deutscher Architekt jüdischer Herkunft, hatte den 1,16 m hohen Gipskopf in Berlin von einem Möbelfabrikanten erworben. Als er und seine Frau 1939 vor den Nationalsozialisten in die Schweiz flohen, nahmen sie ihn mit. In St.Gallen fanden sie dank der Unterstützung von Stadtammann Konrad Naegeli eine neue Bleibe.
In mehrjähriger Kleinarbeit trug Breslauer ein ganzes Dossier über die Herkunft der Juno zusammen: Das musste einfach jener Abguss sein, den Goethe 1787 in Rom gekauft und im April 1788, vor seiner Abreise, an die Malerin Angelika Kauffmann weiterverschenkt hatte. Breslauers Versuch, dies zu beweisen, hatte im Durcheinander der Nachkriegszeit etwas Heroisches. Archive waren zerstört, Einwohnerregister verschwunden, das Alltagsleben beeinträchtigt. Breslauer korrespondierte mit Weimar, Rom, Bregenz, Wien, Berlin… Er fand einiges heraus, der Beweis gelang ihm aber nicht. Über das Motiv seiner Forschung kann man mangels Quellen nur spekulieren. Marianne Feilchenfeldt-Breslauer – eine berühmte Fotografin und Kunsthändlerin – erzählt in ihren Lebenserinnerungen, ihr Vater habe Italien und die Antike über alles geliebt. Ebenfalls kein Zufall dürfte sein, dass Breslauer mit seinen Recherchen 1949 begann, im Jahr von Goethes 200. Geburtstag. Die Feierlichkeiten waren vom Gedanken eines zivilisatorischen Neuanfangs geprägt. Nach den Jahren von Faschismus und Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust sollte die Welt zur Humanität (zurück-)finden, zu einer wahren Gemeinschaft der Menschen und Völker. Goethe betrachtete man dafür als wichtigen Wegweiser. Breslauer selbst hatten diese Ereignisse mit aller Wucht getroffen: beruflich und privat, geistig und seelisch. Seine Juno-Ludovisi-Recherche wirkt aus dieser Perspektive wie ein obsessiver Versuch, an die zerstörte humanistische Kultur der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Diese Juno Ludovisi konnte nur Goethes Exemplar aus Rom sein, die alte humanistische Kultur durfte für die Gegenwart nicht verloren sein. (…)
Grosse Verehrung genoss die Juno Ludovisi bereits Ende des 18. Jahrhunderts. Der Kolossalkopf, Teil der Sammlung des Kardinals Ludovico Ludovisi (1595–1632), galt als Inbegriff der «griechischen Idealität». Später betrachtete man ihn nüchterner und bezweifelte auch die Deutung als Juno. War sie nicht eher eine Angehörige des julisch-claudischen Kaiserhauses? Als wahrscheinlichste Kandidatin gilt heute Antonia die Jüngere, Nichte von Kaiser Augustus, Mutter von Kaiser Claudius, die sich hier als idealisierte Juno darstellen liess. Für St. Gallen ist das nicht ohne Reiz. Zum Tod von Kaiser Claudius veröffentlichte der Philosoph Seneca nämlich die Satire Apocolocyntosis, die heute weltberühmt ist. Und die wichtigste Abschrift des Textes liegt, jawohl: in der Stiftsbibliothek St.Gallen.
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