Die Häuser scheinen sich zu ducken unter der «Tangentiale», der Hochstrasse von Neapel. Der Anblick ist brutal und ästhetisch zugleich. Das sieht auch die Künstlerin Katalin Deér ähnlich. Bei ihren fotografischen Exkursionen in Neapel habe sie sich aber bemüht, nicht wertend an die Stadt heranzugehen. Prunkvoller Barock steht neben heutiger Betonarchitektur, ein vergessener Winkel der Stadt neben wuselnden Strassenbildern.
«Paradies Neapel»
In mehreren längeren Besuchen hat sich die im Sitterwerk tätige Fotografin der Stadt angenähert und dabei davon profitiert, dass ihr Neapel und die Region bereits seit langem vertraut war. Den Anlass zur Fotoserie bot die Ausstellung «Vedi Napoli e poi muori» über die Grand Tour der St.Galler Mönche der Barockzeit. Die Benediktiner der Klöster St.Gallen oder Einsiedeln waren durchaus reisefreudig, und Italien war für sie wie für die gebildeten Schichten überhaupt das Reiseziel Nummer eins, nach Rom vor allem das auf halbem Weg nach Neapel gelegene Kloster Montecassino, das Mutterkloster der Benediktiner. «Si Italia hortus Europae est, Neapolis Paradysum Italiae est», schrieb der St.Galler Pater Lukas Grass am 25. Oktober 1700 lateinisch in sein Tagebuch.
Neapel, sagt Katalin Deér, sei damals die drittgrösste Stadt Europas gewesen, und damals wie heute die am dichtesten besiedelte. Die St.Galler Patres Lukas und Jodok waren entsprechend beeindruckt, aber auch zwiespältig, wie man aus ihrem Tagebuch erfährt: «Man müsste geradewegs befürchten, dass Neapel durch Müssiggang und Nahrungsüberfluss Sodom und Gomorrha ähnlich würde, wenn Gott ihnen nicht dauernd zwei wachsame Ruten vor Augen gestellt hätte» – gemeint waren die häufigen Erdbeben und der Vesuv, «der nie zu rauchen aufhört».
Damals und Jetzt im Dialog
Die Spuren dieses barocken Neapel hat Katalin Deér gesucht und sich dabei vorzustellen versucht, wie es auf die Mönche damals wohl gewirkt haben könnte – zum Beispiel eine 1691 erbaute Kirche, für uns ein «Altertum», für die Besucher des Jahres 1700 aber allerneuste Architektur… Die Barockzeit ist in den Fotos gegenwärtig, teils im Zerfall, teils in perfekt erhaltener Schönheit; die Majolika-Fliesen in S. Giovanni a Carbonara, das gewaltige Treppenhaus im Palazzo Reale oder der Kreuzgang des Klosters SS Severino e Sossio etwa.
Manche stehen ruhig fotografiert für sich. Zur Mehrzahl aber sind aber belebt, als Stadtraum gebraucht, von Leben durchpulst. Und der architektonisch erprobte Blick der Fotografin nimmt mit gleicher Neugier die Zeugen der Jetztzeit in den Sucher: den Beton-Wohnblock aus den Siebzigerjahren, die bizarre Casa del Portuale, das Quartier Poggioreale, die Wandzeichnungen im Universitätsquartier.
Auf dem St.Galler Klosterplatz kommt mit den grossformatig aufgezogenen und auf Storchenständern präsentierten Bildern noch ein ganz anderer Dialog in Gang: jener zwischen dem barocken wie modernen Neapel und der barocken St.Galler Klosteranlage. Wer sich diesem Dialog aussetzt, erlebt ihn, durch den Weihnachtsbaum noch verstärkt, der seit kurzem den Fotos den Platz streitig macht, als heftigen Kontrast: zwischen urbaner Realität dort und kleinstädtischer Idylle hier. Dazu passt, dass die Fotos von Katalin Deér seit Beginn der Ausstellung im Freien Tag und Nacht unbehelligt da stehen. Unbehelligt, aber stark beachtet, sagt die Künstlerin und freut sich über all die Reaktionen von Passanten: «Bilder an einem so öffentlichen Ort: Das lockt die Leute aus dem Häuschen.»
Ausstellung «Vedi Napoli e poi muori – Die Grand Tour der Mönche», Kulturraum und Klosterplatz St.Gallen: bis 30. November, ab 8. Januar bis Ende 2015 in der Stiftsbibliothek Einsiedeln. Zu den Fotos von Katalin Deér erscheint die Publikation«Napoli e poi» mit Beiträgen auf deutsch, lateinisch, italienisch und napoletanisch. Sie ist in der Ausstellung und im Buchhandel erhältlich.
Veranstaltungen: Donnerstag, 27. November, 19.30 Uhr: «Live aus Rom – Ernten der Atelierwohnung» mit Erica Engeler (Texte) und Karl Fürer (Skizzen). Sonntag 30. November 15 Uhr: Finissage.
Übrigens: Katalin Deér und andere Fotografinnen und Fotografen kommen auch im Dezemberheft von Saiten (Thema: Fotoarchive) zu Wort und ins Bild.
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