Die bisher grösste Einzelausstellung des libanesisch-britischen Künstlers Lawrence Abu Hamdan zeigt Recherchen entlang wichtigster Themen der Gegenwart, geladen mit einer Aussagekraft, wie man sie im Kunstfeld – und fatalerweise auch in der Politik – selten zu sehen bekommt. Es sind die audio-visuellen Installationen eines Künstlers, der längst zum gefragten Spezialisten auf seinem Fachgebiet wurde: jenem der Praxis und Politik des Hörens. Titelgebend ist die «Taqiyya», ein religiöses, rechtliches und linguistisches Konzept der Drusen aus dem heutigen Gebiet um Syrien, Palästina und Israel. Die Taqiyya erlaubt es in Situationen äusserster Gefahr, worunter auch Staatenlosigkeit fällt, nicht die Wahrheit zu sagen, zu lügen, den Glauben zu verleugnen und Straftaten zu begehen.
Contra Diction.
Unaufrichtigkeit dem Leben zuliebe also, statt Martyrium einer Wahrheit zuliebe – zuerst kommt das Überleben, dann die Moral. Taqiyya fordert ein Recht auf Doppelzüngigkeit, auf ein Fliehen an Ort und Stelle. Sich selbst und der eigenen Überzeugung zu widersprechen, um der Tyrannei ein Schnippchen zu schlagen.
Was vermag ein Scharfrichter ohne sein fragiles Wahrheitswissen? Oder auf einer allegmeineren Ebene: Was sind die hässlichen Staatsapparate, entzaubert und nackt vor einem liegend – wenn nicht Maschinerien einer zutiefst fragwürdigen Wahrheitsproduktion? Gemessen an den Wucherungen des Lebens entpuppen sich Staatengebilde als veritable Unwahrheiten: Dies Fragen, die Taqiyya einen stellen lässt.
Beneath the Surface.
Eine Serie von Wellenbildern frei im Raum stehend, transversal angeordnet und dadurch eine arschkalte Kontinuität zeigend: Bilder von Unsicherheit, Stress, Lüge, Stimmmanipulation, Wahrheit, Ungenauigkeit, mögliche Lügen – ein Bullentraum. Denn stand das Wellenhafte in der Romantik noch für das Uneindeutige, Schwammige, Chaotische par excellence, wird darin heute das technisch perfekte Zuhören vermutet – samt Interpretationshoheit über das Unausgesprochene: ein Kartenlegen mit (macht-)wissenschaftlichem Unterbau. Der grosse Bruder Überwachungsstaat versteht dich bis ins tiefste Chaos deiner Gefühle. Er entwirrt dir deine von banalen Begehren durchzogenen Gedankenströme, um sie einem Cäsar gleich vor deinen Füssen zu scheiden. Orwells Albtraum.
Conflicted Phonemes.
Die Sprache bestimmt das Bewusstsein, behauptete die Linguistik Marx konterkarierend. Wird nun die einst so wichtige strukturalistische Revolution zum reduktionistischen Prinzip identitärer «Wahrheiten»? Dies ein sich aufdängendes Thema gegenüber Abu Hamdans Kartographien sprachanalytisch gefällter Asylentscheide in den Niederlanden. Existenzielle Übergriffe aufgrund minimster Dialektunterschiede: Widersprüchliche Phoneme die durch gelehrtes Machtwissen zum Sesshaftigkeitszwang am Nomadischen verkommen, eine herrschaftliche Rasterung der hybriden sprachlichen Wirklichkeit.
Musikalische Stolperfallen im anarchischen Kommunizieren, obwohl eigentlich die Geschichte Unzulässigkeit und Kontingenz solch willkürlicher Knotenpunkte aufzeigen könnte. Minimalste dialektale Einschläge als Kronzeugen zur Regierung der Ärmsten der Welt, wobei Regierung dann Einordnung, Identifizierung und Abschiebung heisst. Heimat heisst Geburtsrecht, heisst «Freiheit» zu bleiben und niemals zu werden.
Supplement Géricault.
Pferd, Landschaft, Waffe und Wetter bleiben gleich auf der Verfälschung von Théodore Géricaults «Chasseur de la garde». Der Befehlshaber der Kolonialmacht im Sattel (links) aber wurde durch den syrischen Rebellen und Befreiungskämpfer Al-Atrash ersetzt. Ein postkoloniales Ausloten der Taqiyya und ihrer politischen Spielräume.
Auch dies ein Wahrheitsspiel. Man muss die Regeln kennen, um sie brechen zu können. Man muss Sprachen lernen, um landschaftliche Akzente zu vertuschen. Man muss wissen, um Wissen zu manipulieren, um dem glatten Territorium des Empire Kerben beizufügen. Politische Kerben – um dem Leben Raum zu verschaffen.
تقيه (Taqiyya) – The Right to Duplicity: bis 13. September in der Kunsthalle St.Gallen.Infos: kunsthallesanktgallen.ch
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
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