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Gedanken zu Abu Hamdan

Lawrence Abu Hamdan stellt derzeit in der Kunsthalle St.Gallen aus. Seine sehr konkreten Arbeiten führen schnell auf die Metaebene, wo ihre Relevanz eindrücklich erfahrbar wird. Dazu ein paar theoretische Aufnahmen.
Von  Michael Felix Grieder

Die bisher grösste Einzelausstellung des libanesisch-britischen Künstlers Lawrence Abu Hamdan zeigt Recherchen entlang wichtigster Themen der Gegenwart, geladen mit einer Aussagekraft, wie man sie im Kunstfeld – und fatalerweise auch in der Politik – selten zu sehen bekommt. Es sind die audio-visuellen Installationen eines Künstlers, der längst zum gefragten Spezialisten auf seinem Fachgebiet wurde: jenem der Praxis und Politik des Hörens. Titelgebend ist die «Taqiyya», ein religiöses, rechtliches und linguistisches Konzept der Drusen aus dem heutigen Gebiet um Syrien, Palästina und Israel. Die Taqiyya erlaubt es in Situationen äusserster Gefahr, worunter auch Staatenlosigkeit fällt, nicht die Wahrheit zu sagen, zu lügen, den Glauben zu verleugnen und Straftaten zu begehen.

 

abu Contra Diction.

Unaufrichtigkeit dem Leben zuliebe also, statt Martyrium einer Wahrheit zuliebe – zuerst kommt das Überleben, dann die Moral. Taqiyya fordert ein Recht auf Doppelzüngigkeit, auf ein Fliehen an Ort und Stelle. Sich selbst und der eigenen Überzeugung zu widersprechen, um der Tyrannei ein Schnippchen zu schlagen.

Was vermag ein Scharfrichter ohne sein fragiles Wahrheitswissen? Oder auf einer allegmeineren Ebene: Was sind die hässlichen Staatsapparate, entzaubert und nackt vor einem liegend – wenn nicht Maschinerien einer zutiefst fragwürdigen Wahrheitsproduktion? Gemessen an den Wucherungen des Lebens entpuppen sich Staatengebilde als veritable Unwahrheiten: Dies Fragen, die Taqiyya einen stellen lässt.

 

Beneath the Surface.

Eine Serie von Wellenbildern frei im Raum stehend, transversal angeordnet und dadurch eine arschkalte Kontinuität zeigend: Bilder von Unsicherheit, Stress, Lüge, Stimmmanipulation, Wahrheit, Ungenauigkeit, mögliche Lügen – ein Bullentraum. Denn stand das Wellenhafte in der Romantik noch für das Uneindeutige, Schwammige, Chaotische par excellence, wird darin heute das technisch perfekte Zuhören vermutet – samt Interpretationshoheit über das Unausgesprochene: ein Kartenlegen mit (macht-)wissenschaftlichem Unterbau. Der grosse Bruder Überwachungsstaat versteht dich bis ins tiefste Chaos deiner Gefühle. Er entwirrt dir deine von banalen Begehren durchzogenen Gedankenströme, um sie einem Cäsar gleich vor deinen Füssen zu scheiden. Orwells Albtraum.

 

Conflicted Phonemes.

Die Sprache bestimmt das Bewusstsein, behauptete die Linguistik Marx konterkarierend. Wird nun die einst so wichtige strukturalistische Revolution zum reduktionistischen Prinzip identitärer «Wahrheiten»? Dies ein sich aufdängendes Thema gegenüber Abu Hamdans Kartographien sprachanalytisch gefällter Asylentscheide in den Niederlanden. Existenzielle Übergriffe aufgrund minimster Dialektunterschiede: Widersprüchliche Phoneme die durch gelehrtes Machtwissen zum Sesshaftigkeitszwang am Nomadischen verkommen, eine herrschaftliche Rasterung der hybriden sprachlichen Wirklichkeit.

Musikalische Stolperfallen im anarchischen Kommunizieren, obwohl eigentlich die Geschichte Unzulässigkeit und Kontingenz solch willkürlicher Knotenpunkte aufzeigen könnte. Minimalste dialektale Einschläge als Kronzeugen zur Regierung der Ärmsten der Welt, wobei Regierung dann Einordnung, Identifizierung und Abschiebung heisst. Heimat heisst Geburtsrecht, heisst «Freiheit» zu bleiben und niemals zu werden.

 

thechargingchasseur-(41838)Supplement Géricault.

Pferd, Landschaft, Waffe und Wetter bleiben gleich auf der Verfälschung von Théodore Géricaults «Chasseur de la garde». Der Befehlshaber der Kolonialmacht im Sattel (links) aber wurde durch den syrischen Rebellen und Befreiungskämpfer Al-Atrash ersetzt. Ein postkoloniales Ausloten der Taqiyya und ihrer politischen Spielräume.

Auch dies ein Wahrheitsspiel. Man muss die Regeln kennen, um sie brechen zu können. Man muss Sprachen lernen, um landschaftliche Akzente zu vertuschen. Man muss wissen, um Wissen zu manipulieren, um dem glatten Territorium des Empire Kerben beizufügen. Politische Kerben – um dem Leben Raum zu verschaffen.

 

تقيه (Taqiyya) – The Right to Duplicity: bis 13. September in der Kunsthalle St.Gallen.
Infos: kunsthallesanktgallen.ch

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