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Geld und Geist, geerbt und vererbt

Am 2. und 3. Mai findet die Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde statt. Im Kursaal Heiden geht es um das Erben und Vererben - materiell und kulturell. Das Publikum kann ein Erbstück mitbringen.
Von  Gastbeitrag

Das Timing für das Thema der diesjährigen Kulturlandsgemeinde könnte nicht besser sein – einen guten Monat dauert es nur noch bis zur nationalen Abstimmung über die Erbschaftssteuer-Initiative. Und noch nie wurde so viel vererbt wie heute: 61 Milliarden Franken waren es im Jahr 2011. Auf diese Zahl kommt eine Studie der Universität Lausanne. Hochgerechnet auf das Jahr 2015 sind es sogar 76 Milliarden Franken.

«Das letzte Familiengeheimnis»

Erben ist aber seit Menschengedenken ein existentielles Thema. Laut dem Soziologen Kurt Lüscher handelt es sich dabei um ein Geschehen, «das über die Jahrhunderte hinweg auf eine beinahe selbstverständliche Weise wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt», aber auch um «das letzte Familiengeheimnis». Lüscher, emeritierter Soziologe der Universität Konstanz, der in Heiden mitdiskutieren wird, sieht im Vorgang des Erbens und Vererbens zahlreiche Ambivalenzen, unauflösbare Widersprüche, polare Gegensätze, die es auszuhalten gelte.

Dies ruft nach Vertiefung und Reflexion aus unterschiedlichsten Blickwinkeln. Was haben wir an Geld und Geist, an Werten und Wissen, an Können und Kultur übernommen; wie gehen wir damit um – und was geben wir selbst weiter, wenn wir nicht mehr da sind?

In den Plattformen mitdiskutieren werden u.a. der scheidende Gemeindepräsident von Heiden, Norbert Näf, die in Zollikon lebende Kulturjournalistin und Autorin Franziska Schläpfer, der in Zürich arbeitende Urnäscher Künstler Ueli Alder, der Herisauer Klinikseelsorger Norbert Hochreutener, die Züricher Philosophin Maja Wicki-Vogt, die Kulturwissenschaftlerinnen Ulrike Langbein aus Freiburg im Breisgau und Franziska Schürch aus Binningen und die Journalistin Agnes Hirschi, deren Vater Carl Lutz als Retter von 62 000 ungarischen Juden in die Geschichte einging.

Geschichten um Erbstücke

Begleitend gibt es Tanz (ein bewegtes Erbstück), juristische Beratung rund ums Erben und eine Ausstellung mit Ausserrhoder Kunst, aus der am Sonntag ein Erbstück erwählt wird. Anita Zimmermann lässt aus ihrer künstlerischen Pistole einen Stammbaum wuchern, Gallus Knechtle rührt in den Töpfen des kulinarischen Erbes. Hauptredner am Sonntag ist der Filmemacher Fredi M. Murer («Höhenfeuer», «Vitus»).  Zudem wird die Sendschrift verlesen – die Essenz, das Erbstück der Kulturlandsgemeinde.

Vererben heisst auch, sich einzuschreiben in die nächste Generation; Geschichte und Geschichten weiter zu reichen. Daher ruft die Kulturlandsgemeinde die Besucherinnen und Besucher dazu auf, am Samstag mit einem Erbstück im Gepäck oder einer Fotografie davon nach Heiden zu kommen. Die beiden jungen, aus dem Appenzellerland gebürtigen Autorinnen Laura Vogt und Julia Sutter werden die Geschichten dazu von 10.30 bis 19 Uhr auf Papier festhalten.

Zum Auftakt erzählen die Autorinnen gleich selber eine.

 

Julia SutterJulia Sutter: Kristallgläser

Im Frühling meines ersten Studienjahrs bezog ich mit einer Freundin eine Wohnung, deren Vormieter kurz zuvor gestorben war. Ein alter Mann, beschwichtigte uns der Verwalter, während er uns durch die sauber aufgeräumten Räume führte; nur einige Kisten und Möbel standen noch herum. Bald würden sie abgeholt werden, man würde die Teppiche herausreissen und das Parkett freilegen. Ich weiss nicht mehr, ob wir darum baten oder ob der Verwalter von selbst anbot, wir könnten vom Hausrat behalten, was wir wollten, er lasse uns den Schlüssel hier.

Bereits am nächsten Tag kamen wir wieder. Es war ein Fest. Wir wühlten in Kisten mit hoffnungslos veralteter Elektronik und wickelten vorsichtig Porzellan aus Zeitungspapier. An den toten Mann dachten wir nicht, bis wir unsere Beute beisammen hatten: Stühle, einen roten Tisch und einiges an Geschirr, darunter drei Gläser mit wunderschönen Verzierungen. Wir tranken nur zu besonderen Gelegenheiten aus ihnen. Irgendwann zerbrach eines beim Abwasch. Als die Freundin einige Jahre später in eine andere Stadt zog, teilten wir unser gemeinsames Erbe untereinander auf, wobei sie mir grosszügig das meiste überliess. Auch die Gläser blieben. Seither habe ich sie in die Küchen drei weiterer Wohnungen getragen, wo sie jeweils zuhinterst im Regal standen, weil sie so kostbar sind. Bald ziehe ich erneut um. Wieder wird der rote Tisch in der Küche stehen, und wieder werden wir zur Feier des Einzugs aus den hohen Gläsern trinken und ich werde einen kurzen Moment an den unbekannten Vorbesitzer denken, den ich mir gern als vornehmen alten Herrn vorstelle, der das Leben sehr genoss.

 

Laura Vogt 1Laura Vogt: Silberlöffel

Meine Grossmutter starb am 28. März 2015; friedlich schlief sie ein. Als ich einige Stunden später an ihrem Bett sass, war ihr Körper schon kalt, die Haut sah jedoch noch immer frisch aus, fast faltenlos. Mir gingen Erinnerungen an unsere gemeinsamen Stunden durch den Kopf: Ich dachte an den einen langen Spaziergang, den wir einst zu zweit über die Hügel von Schwellbrunn gemacht hatten, dachte an Grossmutters Batzen, den sie uns nach jedem Treffen zusteckte, und wie sie uns früher, als sie noch Lust aufs Kochen und Bewirten hatte, stets Kartoffelstock mit Buvärli und Brätchügeli servierte.

Grossmutter schöpfte ihr Menu in einfaches Geschirr. Ihre alten schweren Silberlöffel hielt ich erst eine Woche vor ihrem Tod als frühzeitiges Erbstück das erste Mal in den Händen. Die Löffel glänzten wie neu und wiesen nur wenige Kratzspuren auf; nicht einmal meine Mutter, die älteste Tochter meiner Grossmutter, erinnerte sich an sie. Wahrscheinlich hatte sie Grossmutter jahrzehntelang in ihrer Stube aufbewahrt, im Buffet, beim teuren Geschirr, das noch von der Hochzeit her stammte. Wahrscheinlich hatten die Silberlöffel nur selten Grossvaters grossen Hunger nach der Stallarbeit oder dem Heuen gestillt, hatten im Winter kaum einmal die wärmende Suppe zum Mund geführt, hatten die Milch von Grossvaters Kühen bloss ab und zu umgerührt. Die Silberlöffel waren für aussergewöhnliche Anlässe gedacht, und diese waren im Bauernleben meiner Grosseltern eher selten.

Seit die Silberlöffel in meinem Besitz sind, liegen sie auf dem Küchentisch in meiner Bieler Wohnung. Es kommt mir vor, als müsste ich ein ganz spezielles Gericht zubereiten, um die Grossmutterlöffel in (m)einen Alltag einzubeziehen – wahrscheinlich müsste ich dafür Kartoffelstock mit Buvärli und Brätchügeli zubereiten.

Kulturlandsgemeinde 2015: Wir erben – wir Erben. Samstag 2. Mai ab 10 Uhr und Sonntag 3. Mai 11 Uhr, Kursaal Heiden. Mehr Infos hier.     

 

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