Ein runder Geburtstag, und was für einer! Einer, der sich sehen lassen kann, weil sich der Jubilar sehen lassen kann. Beat Brechbühl, geboren am 28. Juli 1939 im Kanton Bern, Schriftsetzer, Hersteller, Redaktor, Herstellungsleiter bei Diogenes, Leiter beim Zytglogge Verlag. Drucker, Grafiker, Typograph, Lyriker, Prosaist, Autor von Kinderbüchern, Autor des Schnüff und des Kneuss, Verleger seines Waldgut Verlags, Literaturvermittler und und und. Ein Allrounder, beinahe so etwas wie ein aus der Zeit gefallener Renaissance-Mensch.
Bei seiner Rückkehr in den Thurgau sassen wir 1988 in seiner Küche bereits bei der zweiten Flasche Wein, weil Beat darauf bestand, den Pesto für die Pasta selber zuzubereiten. Wir haben dann doch noch gegessen und beinahe die Frauenfelder Lyriktage erfunden. Das geschah dann wenig später: 1991 legten wir mit Hilfe der Kulturstiftung des Kantons los und führten sie ein Jahrzehnt lang alle zwei Jahre mit Lyrikern und Poetinnen aus aller Welt durch. Zu jener Zeit waren sie das erste Poesiefestival der Schweiz, entsprechend gross waren Medienecho und Publikumszuspruch.
Neuerscheinung zum 80. Geburtstag: Flügel der Sehnsucht. Alte und neue Gedichte, Wolfbach Verlag, Zürich 2019, Fr. 26.90
Ich erinnere mich noch, wie der unterdessen verstorbene Lyriker Izet Sarajlic aus Sarajevo 1995 beim gemeinsamen Mittagessen der Autoren sagte: «Überall auf der Welt ist September, nur in meinem Land ist Krieg». Wir hatten ihn nach mehreren Anläufen endlich in die Schweiz holen können. Auch der Autor Mircea Dinescu, der eine prominente Rolle beim Sturz Ceaucescus gespielt hatte, war hier und viele andere.
Heutzutage gibt es in jedem Kaff ein Literaturfestival. Das gehört inzwischen zum guten Ton, zum Image eines Orts, der etwas auf sich hält und ist ein touristischer Standortvorteil geworden.
Ich erinnere mich auch, dass der Saal des VorStadttheaters im Eisenwerk prall gefüllt war und ich Beat zur Eröffnung aus seinem Büro holen musste, wo er noch an Einführungen feilte. Beat, immer ein Mann der letzten Minute und mitunter der Improvisation.
Beat Brechbühl hat in Bern gelebt und gearbeitet, in Genf und in Zürich. Aber etwa die Hälfte seines Lebens hat er, in zwei Etappen, einer kürzeren und einer längeren, im Thurgau verbracht. Und das war und ist ein Segen für unseren Kanton und seine Literaturlandschaft. Ich erinnere mich, dass wir in einer Beiz beim Essen sassen und er, der Berner mit seinen wunderbaren Flüchen, dass em Düfel gruust, laut den Thurgauer Dialekt nachmachte, namentlich einen bekannten Velorennfahrer, wenn ich mich richtig erinnere. Ich sagte, die verstehen Dich sehr gut, und wir fliegen hier raus.
Vor allem aber erinnere ich mich immer an sein grosses Herz. Wie er, der mit weltlichen Reichtümern auch nicht gerade überreich gesegnet war und ist, Izet Sarajlic aus Sarajevo spontan einen teuren Stich mit einer Ansicht der Stadt Frauenfeld kaufte, der ihm gefiel, weil hier kein Krieg war. Frauenfeld, sagte er, ist besser als jedes Belgrad. Und wie er der ganzen Familie für die Heimfahrt per Bus von Zürich über Kroatien einen ganzen Korb mit allerbesten Eingeklemmten zubereitete.
Ein grosses Herz. Das möge der Schweizer Literatur, dem Thurgau und uns allen noch viele Jahre erhalten bleiben.
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