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Dazwischen das unbändige Leben

«Mich interessiert nicht, wie alt ich bin. Mich interes­siert, was ich mache», sagt der Schriftsteller und Verleger Beat Brechbühl zu seinem 75. Geburtstag und kündigt frisch-fröhlich neue Bücher an. Ein Porträt von Richard Butz.
Von  Gastbeitrag , 
Bilder: pd

Angefangen hat der Berner als Schriftsetzer, damals noch ein Mangelberuf, auf Anraten des Berufsberaters. Für Brechbühl «ein Volltreffer». In der Folge arbeitet er als Setzer in Genf, Berlin und Zürich. Von 1961 bis 1963 gibt er die in Egnach erscheinende Zeitschrift für junge Leute «clou» heraus. Fünf Jahre lang wirkt er als Herstellungs-Leiter im Zürcher Diogenes Verlag, für weitere sieben Jahre leitet er den Zytglogge Verlag in Bern. Die Entdeckung als Dichter verdankt er Diogenes-Verleger Daniel Keel, laut Brechbühl mit diesem für ihn typischen Kommentar: «Ihre Gedichte gefallen mir sehr gut, ich habe nur leider nichts verstanden…».

1962 beginnt mit dem Lyrikband Spiele um Pan sein schriftstellerisches Schaffen. Brechbühls Werkliste umfasst bis heute rund 45 Lyrikbände, Romane (etwa Kneuss oder Nora und der Kümmerer), Kinderbücher (un­vergessen für die ältere Generation die zwei Schnüff-Bücher), Erzählungen, die Fussreise mit Adolf Dietrich (1999) und Übersetzungen (Maurice Chappaz, Gustav Flaubert). 1980 gründet der bis heute mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Brechbühl im über 400 Jahre alten Bauern­haus «Waldgut» in Wald ZH seinen eigenen Verlag. Sieben Jahre später zieht der Waldgut Verlag, inzwischen um das Bleisatz- und Buchdruck-Atelier Bodoni erweitert, ins Frauenfelder Kulturzentrum Eisenwerk um.

Fast schon obsessiv

Was Brechbühl bis heute als Verleger geleistet hat, grenzt ans Unglaubliche und ist zudem eine Geschichte der Selbstausbeutung. Der aktuelle Gesamtkatalog listet über 200 liefer­bare Werke auf, verteilt in verschiedene Reihen und unter­schiedlich gestaltet. «Schöne Literatur», ursprünglich «Der Bärenreiter», präsentiert hochliterarische zeitgenössische Prosa und klassische Weltliteratur. Die Umschläge schmücken eigens für jeden Band angefertigte Linolschnitte des Grafik­künstlers Svato Zapletal. In der Broschur-Reihe «Gedächtnis der Völker» erscheint, häufig mit einem Bildteil ergänzt, Literatur mit ethnologischem Hintergrund, Geschichten, Sagen, Märchen, Mythen, Essays und Berichte.

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Beat Brechbühl, 2014, fotografiert von Marianne Reiter

«Lektur» (und «sappho&hafis») heisst die Reihe, in der Essays, Reden, gestandene und experimentelle Lyrik, Prosa und Gespräche in preiswerter, schneller Kleinauflage erscheinen. Diese Pub­likationen sind broschiert, dabei werden neueste und älteste Herstellungstechniken kombiniert: Umschlag im Buchdruck des Ateliers Bodoni, Inhalt im Digital- oder Offsetdruck. Im Herbst sind in den «Lektur»-Reihen vier weitere Publika­tionen vorgesehen.

Bereits erschienen ist in der Abteilung «Antholo­gie» zum 750-Jahr-Jubiläum der Stadt Winterthur der Band 750 – Wörter, Zeichen, Jahre, der Texte von Autorinnen und Autoren aus Winterthur und Region vorstellt. «Sappho&hafis» widmet sich der Poesie und der Kultur vom Balkan bis Persien. Zu erwarten ist hier das Tagebuch von Giorgos Seferis Drei Tage bei den Höhlenklöstern von Kappadokien, übersetzt aus dem Griechischen von den beiden St.Gallern Evtichios Vamvas und Clemens Müller, illustriert mit Fotos des Autors und von Urs Walter. Unter dem Titel «Zwielicht» bringt der Verlag, herausgegeben von Monika Oertner und Judith Supper, fesselnde Romane in drei literarischen Genres und drei Umschlagsfarben heraus: blutrot für Krimis, giftgrün für dunkle Fantastik und stahlblau für Science-Fiction. Diese Publikationen sind edel gebunden, gestaltet in der «Twilight Factory» des Konstanzer Mediendesigners Jörn Bach. Zusätzlich gibt es jeweils 77 nummerierte Exemplare, versehen mit einem in Blei gesetzten und von allen Beteiligten signierten Zertifikat. Junge Literatur findet neu Platz in der Reihe «waldgut zoom». Den Auftakt macht Regula Wengers erster Roman Leo war mein erster.

Populäre Sach- und Fachbücher zu verschiedensten Themen erscheinen in der Reihe «Waldgut, logo». Kunst, Prosa und Lyrik verbinden sich in «Kunst & Text», Poesie und Pro­sa ausserhalb der Reihen sind in den Sparten «Lyrik und Aphorismen» und «Erzählen» zu finden. Sogenannte Haus­autoren betreut Beat Brechbühl mit Werkausgaben. Zu ihnen gehört auch der in Basel lebende Wolfhaldner Werner Lutz, von dem mit Die Ebenen meiner Tage ein neuer Gedicht­band in Vorbereitung ist. Mit bisher zwei Titeln, beide auch in gedruckter Form, wagt sich der Verlag ans eBook heran, und mit den Bildergeschichten Luftsack Luftseck von Peter Abegg legt er sein erstes Kinderbuch vor.

Dichtung und traditionelles Handwerk

Der Schriftschneider und Buchdrucker Giambattista Bodoni (1740–1813) aus Parma ist der Namensgeber der Reihe «Bodoni Drucke», in der anspruchsvolle Lyrik oder Kurzprosa in bibliophiler Heftbroschur verlegt werden. Diese Drucke sind von Hand in Blei gesetzt oder entstehen in Zusammenarbeit mit Paul Wirth vom Typorama in Bischofszell, der die Texte im Zeilenguss auf einer seiner vielen Blei-Setzmaschinen giesst. Gedruckt und gebunden wird von Hand. Ab und zu sind diese Publikationen mit typografischen Zeichen oder mit Holz- oder Linolschnitten illustriert. Inzwischen ist der Verlag in der Lage, diese Heft-Broschuren komplett selber im Hause herzustellen. Bisher liegen 87 Bodoni-Drucke vor, deren Preise trotz der Handarbeit und der edlen Materialien nicht exklusiv sind. Fünf neue Drucke sind für den Herbst versprochen, darunter mit Nummer 89 von einem unbekannten Autor aus der Han-Zeit Neunzehn Gedichte aus alter Zeit – Gushi shijiu shou, übersetzt vom St.Galler Japanologen, Sinolo­gen und Bibliothekar Raffael Keller.

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Stefan Ineichen, «Die verzauberten Schweine», Waldgut Verlag, ca. 42 cm x 62 cm

Den Begriff «bibliophil» mag Beat Brechbühl eigentlich nicht. Er sei ihm zu formalistisch, meint er in einem Interview mit der Zeitschrift «Das Gedicht», und argumen­tiert: «Die meisten bibliophilen Sammler interessiert der Inhalt eines Buches nicht.» Gegen den Begriff «edel», angewandt auf das Schmuckstück des Verlages, die seit 1988 im Atelier Bodoni entstehenden «Bodoni Blätter» mit Texten aus Waldgut-Büchern und «Bodoni Poesie Blätter» mit ausgewähl­ten Texten aus verschiedensten Sprachen und Kulturen, würde er sich wohl nicht wehren. Sie sind in Blei-Handsatz und Handpressendruck auf interessante Papiere gearbeitet und zum Teil illustriert durch Linol- und Holzschnitt. Die ersten 150 Blätter, im Original im Format bis 50 x 70 cm, werden jetzt in einem A4-Buch zusammengefasst. Die Kantonsbibliothek Vadiana besitzt neu sämtliche Blätter und präsentiert sie im Oktober in einer Ausstellung.

Zum Geburtstag: eigene Lyrik

Als Idealist will sich Brechbühl selber nicht sehen, er will einfach Bücher setzen, drucken, Linol schneiden. Aber an Feuerwehrübungen und Durchhalteaktionen ist er sich längst gewohnt. Und auch daran, dass die Waldgut-Crew klein ist und er vieles, vor allem im Umgang mit den Auto­ren, selber machen muss. Er betrachtet sich als einen, der «auf der Suche nach Noch-Lesenden» ist, und hofft, dass «die derzeitige Abwärtswelle demnächst, wenn auch kleiner als früher, wieder aufwärts schwingt». Ein Leben ohne eigenes Schreiben ist für den Verleger undenkbar: «Ich will nicht über Lyrik schreiben und wie sie auszusehen hätte, ich will Lyrik schreiben oder lesen, hören, sehen.»

Darum erscheint es als folgerichtig, dass er sich nach dem in diesem Jahr im Zürcher Wolfbach Verlag erschienenen Lyrik­band Böime, Böime! Permafrost & Halleluia und einem schmalen Haiku-Bändchen aus dem Vorjahr ein Lyrik-Ge­schenk im eigenen Verlag macht. Es ist der Bodoni Druck Nr. 92. Er wird vom Dichter zum Buch gestaltet, gesetzt und gedruckt, enthält ein Nachwort von Franz Wurm und trägt den Titel: Farben, Farben! Schwarz mit Ohren, Weiss und alles; dazwischen das unbändige Leben.

Stellvertretend für die rund zwanzig neuen Gedichte hier Die Farben, geschrieben zum Jahresübergang 2005/2006:

Die Farben
sind meine Kleider,
meine Raumtemperatur.
Als Menschen kommen sie daher
und als Töne gehn sie
vorbei.
Immer wieder fliessen sie in
meinem Blut, sie rennen durchs Hirn
und flüstern mir Wörter von
denen ich lebe
und die ich mitbringe wenn ich
zu dir zum Wein
oder zu euch in den Garten
komm.

 

Ausstellung:
«Bodoni Blätter»: 8.–18. Oktober, Kantonsbibliothek Vadiana St.Gallen.
Infos: kb.sg.ch oder waldgut.ch

Lesung:
«Waldgut-Abend»: Freitag 10. Oktober, 19 Uhr im Keller der Rose St.Gallen.
Infos: klosterplatz.ch

 

Neues von Beat Brechbühl:

  • «Farben, Farben! Schwarz mit Ohren, Weiss und alles, dazwischen das unbändige Leben.» Gedichte. Bodoni Druck Nr. 92, Waldgut Verlag, Frauenfeld 2014.
  • «Böime, Böime! Permafrost & Halleluia.» Gedichte. Wolfbach Verlag, Zürich 2014.
  • «Weit hinaus, uns brennt Haut & Wort. 25 Haiku Tanka Stufen in die Endlichkeit.» Alla chiara fonte editore, Lugano 2013.

 

Bilder: Marianne Rieter

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Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

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Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

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Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

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Von Jeremias Heppeler,
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Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover