Angefangen hat der Berner als Schriftsetzer, damals noch ein Mangelberuf, auf Anraten des Berufsberaters. Für Brechbühl «ein Volltreffer». In der Folge arbeitet er als Setzer in Genf, Berlin und Zürich. Von 1961 bis 1963 gibt er die in Egnach erscheinende Zeitschrift für junge Leute «clou» heraus. Fünf Jahre lang wirkt er als Herstellungs-Leiter im Zürcher Diogenes Verlag, für weitere sieben Jahre leitet er den Zytglogge Verlag in Bern. Die Entdeckung als Dichter verdankt er Diogenes-Verleger Daniel Keel, laut Brechbühl mit diesem für ihn typischen Kommentar: «Ihre Gedichte gefallen mir sehr gut, ich habe nur leider nichts verstanden…».
1962 beginnt mit dem Lyrikband Spiele um Pan sein schriftstellerisches Schaffen. Brechbühls Werkliste umfasst bis heute rund 45 Lyrikbände, Romane (etwa Kneuss oder Nora und der Kümmerer), Kinderbücher (unvergessen für die ältere Generation die zwei Schnüff-Bücher), Erzählungen, die Fussreise mit Adolf Dietrich (1999) und Übersetzungen (Maurice Chappaz, Gustav Flaubert). 1980 gründet der bis heute mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Brechbühl im über 400 Jahre alten Bauernhaus «Waldgut» in Wald ZH seinen eigenen Verlag. Sieben Jahre später zieht der Waldgut Verlag, inzwischen um das Bleisatz- und Buchdruck-Atelier Bodoni erweitert, ins Frauenfelder Kulturzentrum Eisenwerk um.
Fast schon obsessiv
Was Brechbühl bis heute als Verleger geleistet hat, grenzt ans Unglaubliche und ist zudem eine Geschichte der Selbstausbeutung. Der aktuelle Gesamtkatalog listet über 200 lieferbare Werke auf, verteilt in verschiedene Reihen und unterschiedlich gestaltet. «Schöne Literatur», ursprünglich «Der Bärenreiter», präsentiert hochliterarische zeitgenössische Prosa und klassische Weltliteratur. Die Umschläge schmücken eigens für jeden Band angefertigte Linolschnitte des Grafikkünstlers Svato Zapletal. In der Broschur-Reihe «Gedächtnis der Völker» erscheint, häufig mit einem Bildteil ergänzt, Literatur mit ethnologischem Hintergrund, Geschichten, Sagen, Märchen, Mythen, Essays und Berichte.
Beat Brechbühl, 2014, fotografiert von Marianne Reiter
«Lektur» (und «sappho&hafis») heisst die Reihe, in der Essays, Reden, gestandene und experimentelle Lyrik, Prosa und Gespräche in preiswerter, schneller Kleinauflage erscheinen. Diese Publikationen sind broschiert, dabei werden neueste und älteste Herstellungstechniken kombiniert: Umschlag im Buchdruck des Ateliers Bodoni, Inhalt im Digital- oder Offsetdruck. Im Herbst sind in den «Lektur»-Reihen vier weitere Publikationen vorgesehen.
Bereits erschienen ist in der Abteilung «Anthologie» zum 750-Jahr-Jubiläum der Stadt Winterthur der Band 750 – Wörter, Zeichen, Jahre, der Texte von Autorinnen und Autoren aus Winterthur und Region vorstellt. «Sappho&hafis» widmet sich der Poesie und der Kultur vom Balkan bis Persien. Zu erwarten ist hier das Tagebuch von Giorgos Seferis Drei Tage bei den Höhlenklöstern von Kappadokien, übersetzt aus dem Griechischen von den beiden St.Gallern Evtichios Vamvas und Clemens Müller, illustriert mit Fotos des Autors und von Urs Walter. Unter dem Titel «Zwielicht» bringt der Verlag, herausgegeben von Monika Oertner und Judith Supper, fesselnde Romane in drei literarischen Genres und drei Umschlagsfarben heraus: blutrot für Krimis, giftgrün für dunkle Fantastik und stahlblau für Science-Fiction. Diese Publikationen sind edel gebunden, gestaltet in der «Twilight Factory» des Konstanzer Mediendesigners Jörn Bach. Zusätzlich gibt es jeweils 77 nummerierte Exemplare, versehen mit einem in Blei gesetzten und von allen Beteiligten signierten Zertifikat. Junge Literatur findet neu Platz in der Reihe «waldgut zoom». Den Auftakt macht Regula Wengers erster Roman Leo war mein erster.
Populäre Sach- und Fachbücher zu verschiedensten Themen erscheinen in der Reihe «Waldgut, logo». Kunst, Prosa und Lyrik verbinden sich in «Kunst & Text», Poesie und Prosa ausserhalb der Reihen sind in den Sparten «Lyrik und Aphorismen» und «Erzählen» zu finden. Sogenannte Hausautoren betreut Beat Brechbühl mit Werkausgaben. Zu ihnen gehört auch der in Basel lebende Wolfhaldner Werner Lutz, von dem mit Die Ebenen meiner Tage ein neuer Gedichtband in Vorbereitung ist. Mit bisher zwei Titeln, beide auch in gedruckter Form, wagt sich der Verlag ans eBook heran, und mit den Bildergeschichten Luftsack Luftseck von Peter Abegg legt er sein erstes Kinderbuch vor.
Dichtung und traditionelles Handwerk
Der Schriftschneider und Buchdrucker Giambattista Bodoni (1740–1813) aus Parma ist der Namensgeber der Reihe «Bodoni Drucke», in der anspruchsvolle Lyrik oder Kurzprosa in bibliophiler Heftbroschur verlegt werden. Diese Drucke sind von Hand in Blei gesetzt oder entstehen in Zusammenarbeit mit Paul Wirth vom Typorama in Bischofszell, der die Texte im Zeilenguss auf einer seiner vielen Blei-Setzmaschinen giesst. Gedruckt und gebunden wird von Hand. Ab und zu sind diese Publikationen mit typografischen Zeichen oder mit Holz- oder Linolschnitten illustriert. Inzwischen ist der Verlag in der Lage, diese Heft-Broschuren komplett selber im Hause herzustellen. Bisher liegen 87 Bodoni-Drucke vor, deren Preise trotz der Handarbeit und der edlen Materialien nicht exklusiv sind. Fünf neue Drucke sind für den Herbst versprochen, darunter mit Nummer 89 von einem unbekannten Autor aus der Han-Zeit Neunzehn Gedichte aus alter Zeit – Gushi shijiu shou, übersetzt vom St.Galler Japanologen, Sinologen und Bibliothekar Raffael Keller.
Stefan Ineichen, «Die verzauberten Schweine», Waldgut Verlag, ca. 42 cm x 62 cm
Den Begriff «bibliophil» mag Beat Brechbühl eigentlich nicht. Er sei ihm zu formalistisch, meint er in einem Interview mit der Zeitschrift «Das Gedicht», und argumentiert: «Die meisten bibliophilen Sammler interessiert der Inhalt eines Buches nicht.» Gegen den Begriff «edel», angewandt auf das Schmuckstück des Verlages, die seit 1988 im Atelier Bodoni entstehenden «Bodoni Blätter» mit Texten aus Waldgut-Büchern und «Bodoni Poesie Blätter» mit ausgewählten Texten aus verschiedensten Sprachen und Kulturen, würde er sich wohl nicht wehren. Sie sind in Blei-Handsatz und Handpressendruck auf interessante Papiere gearbeitet und zum Teil illustriert durch Linol- und Holzschnitt. Die ersten 150 Blätter, im Original im Format bis 50 x 70 cm, werden jetzt in einem A4-Buch zusammengefasst. Die Kantonsbibliothek Vadiana besitzt neu sämtliche Blätter und präsentiert sie im Oktober in einer Ausstellung.
Zum Geburtstag: eigene Lyrik
Als Idealist will sich Brechbühl selber nicht sehen, er will einfach Bücher setzen, drucken, Linol schneiden. Aber an Feuerwehrübungen und Durchhalteaktionen ist er sich längst gewohnt. Und auch daran, dass die Waldgut-Crew klein ist und er vieles, vor allem im Umgang mit den Autoren, selber machen muss. Er betrachtet sich als einen, der «auf der Suche nach Noch-Lesenden» ist, und hofft, dass «die derzeitige Abwärtswelle demnächst, wenn auch kleiner als früher, wieder aufwärts schwingt». Ein Leben ohne eigenes Schreiben ist für den Verleger undenkbar: «Ich will nicht über Lyrik schreiben und wie sie auszusehen hätte, ich will Lyrik schreiben oder lesen, hören, sehen.»
Darum erscheint es als folgerichtig, dass er sich nach dem in diesem Jahr im Zürcher Wolfbach Verlag erschienenen Lyrikband Böime, Böime! Permafrost & Halleluia und einem schmalen Haiku-Bändchen aus dem Vorjahr ein Lyrik-Geschenk im eigenen Verlag macht. Es ist der Bodoni Druck Nr. 92. Er wird vom Dichter zum Buch gestaltet, gesetzt und gedruckt, enthält ein Nachwort von Franz Wurm und trägt den Titel: Farben, Farben! Schwarz mit Ohren, Weiss und alles; dazwischen das unbändige Leben.
Stellvertretend für die rund zwanzig neuen Gedichte hier Die Farben, geschrieben zum Jahresübergang 2005/2006:
Die Farben sind meine Kleider, meine Raumtemperatur. Als Menschen kommen sie daher und als Töne gehn sie vorbei. Immer wieder fliessen sie in meinem Blut, sie rennen durchs Hirn und flüstern mir Wörter von denen ich lebe und die ich mitbringe wenn ich zu dir zum Wein oder zu euch in den Garten komm.
Ausstellung: «Bodoni Blätter»: 8.–18. Oktober, Kantonsbibliothek Vadiana St.Gallen. Infos: kb.sg.ch oder waldgut.ch
Lesung: «Waldgut-Abend»: Freitag 10. Oktober, 19 Uhr im Keller der Rose St.Gallen. Infos: klosterplatz.ch
Neues von Beat Brechbühl:
Bilder: Marianne Rieter
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.