«Sie ist gelebtes Kulturerbe und weit mehr als die Gründerin der Grubenmann-Sammlung. Sie ist in ganz vielem eine Pionierin.» So lobte Matthias Tischhauser, der Präsident der Stiftung Grubenmann-Sammlung, Rosmarie Nüesch-Gautschi. Sie war das erste Mädchen an der Kantonsschule in der technischen Abteilung, sie war eine der ersten Architekturstudentinnen an der ETH, sie war die erste Denkmalpflegerin und die erste Kantonsrätin in Appenzell-Ausserrhoden. Sie war eidgenössische Denkmalpflegerin und Kulturpreisträgerin und sie setzt sich seit den 1960er-Jahren und bis heute aktiv für die Chancengleichheit der Frauen ein.
Rosmarie Nüesch in der Kirche Trogen. (Bilder: pd)
Auch mit Neunzig hält sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Die Geschichten aus ihrem reichen Erfahrungsschatz in so vielen Kulturbereichen erzählt Rosmarie Nüesch mit Engagement, Charme und Witz.
Konservative Revolutionäre
Die Grubenmannen – so nennt sie die Dynastie der Baumeister und Künstler des 18. Jahrhunderts – seien im Grunde konservativ gewesen. Sie bauten neben vielen Brücken, von denen nur drei kleine erhalten sind, fünfzig oder mehr Kirchen in der traditionellen Form, mit Schiff und Chor. Die Stuck-Dekorationen stammen meist von der Vorarlberger Moosbrugger-Dynastie, auch jene in der Kirche von Trogen, wo Rosmarie Nüesch-Gautschi im Vorfeld ihres Geburtstags Erkenntnisse aus ihrer jahrzehntelangen Forschung vorstellte.
Die 1779-1782 erbaute reformierte Kirche in Trogen ist das letzte Werk von Hans Ulrich Grubenmann (1709–1783). Hier präsentieren sich Deckengemälde und Stuck so farbig wie in der St.Galler Kathedrale – eine Seltenheit in einer evangelischen Kirche. Besonders an der Kirche von Trogen ist auch ihre Sandsteinfassade und der im Dachgeschoss vorbereitete Kornspeicher mit einem mächtigen Lastenaufzug, der bis heute zwischen den Dachbalken steht. Um die Kirche Trogen gibt es aber auch eine tragische Grubenmann-Geschichte: Der Neffe des Baumeisters, der die Arbeiten leitete, stürzte vom Turm zu Tode.
Der Lastenaufzug im typisch Grubenmann’schen, brückenartigen Dachstuhl der Kirche.
Grund für die aussergewöhnliche Gestaltung dieser Kirche war der Einfluss der reichen Textilhandelsfamilie Zellweger. Diese liess sich, noch vor dem Kirchenbau, ihre Paläste am Trogener Dorfplatz von den Grubenmannen bauen, die ihrerseits überaus reich mit Stuck der Moosbruggers dekoriert sind. Das Rathaus, die Kirche und das Waschhaus sind Teil der Dauerausstellung «Jahrhundert der Zellweger».
Rosmarie Nüesch-Gautschi erinnerte daran, dass die inzwischen rund 300 Jahre alten Bauten lange vergessen waren und erst aufgrund einer Dissertation 1941 wieder bekannter wurden. Seit inzwischen sechzig Jahren hat sie sich selbst diesem Kulturerbe verschrieben, Sie dokumentiert und sammelt alles rund um die Grubenmann-Dynastie, und seit 2012 hat die Stiftung Grubenmann-Sammlung im Dachstock des Zeughauses Teufen, dem Heimatort der Grubenmannen, ihren festen Platz.
Sie bauten mit Intuition
«Immer wieder besuchen Fachleute die Ausstellung und wundern sich über das bautechnische Können aus dem 18. Jahrhunderts», stellt Zeughaus-Kurator Ueli Vogt fest. Faszinierend bleibe, dass damals ohne die Möglichkeit von statischen Berechnungen Konstruktionen mit so grossen Spannweiten gebaut werden konnten. Grubenmann-Kirchen, die breiteste misst 22 Meter, sind mit relativ kleinen aber vielen Balken im Spannwerk des Dachs konstruiert, Balken nur so schwer, dass sie zwei Zimmerleute tragen konnten. Der Estrichboden und die darunterliegende Kirchendecke sind an diesen Dachstuhl angehängt. Aktuelle Modellrechnungen zeigen, dass damals optimale Lastenverteilungen gebaut wurden.
«Die Grubenmanns verliessen sich auf ihre Intuition», stellt Rosmarie Nüesch-Gautschi fest. Sie selbst aber hält sich an Fakten. Eben hat sie erfahren, dass in St.Margrethen, wo sie aufgewachsen ist, eine neue Ortsgeschichte geschrieben wird. «Ich habe mich schon gemeldet und will denen ein paar Dinge erzählen, wie das Leben von uns Jugendlichen in den Jahren des Zweiten Weltkriegs war – schliesslich gibt es nicht mehr so viele, die das alles erlebt haben.» Kein Zweifel, dass sie viele Geschichten auf Lager hat.
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