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Guter Journalismus unter Druck

Die Qualität der Schweizer Medien ist nicht schlecht – aber sie sinkt: Das war die Nachricht am ersten von zwei Podien zur Mediensituation im St.Galler Palace. Das Hauptproblem ist der ökonomische Druck.
Von  Peter Surber
Medienkonzentration schmälert die Vielfalt: im Bild CH-Media-Zeitungen. (Bild: Archiv)

Guter Journalismus entsteht mit Leidenschaft, er basiert auf Regeln – und er braucht förderliche Rahmenbedingungen. So bringt es Susan Boos, langjährige Redaktionsleiterin der «Wochenzeitung» und seit kurzem Präsidentin des Schweizer Presserats, auf den Punkt.

Guter Journalismus ordnet ein, gibt vielfältige Positionen wieder und hält professionelle Normen ein: Das ist die Kurzformel von Mark Eisenegger, Professor an der Uni Zürich und Herausgeber des «Jahrbuchs Qualität der Medien».

Die Ausgabe 2021 des Jahrbuchs hat untersucht, wie die Schweizer Medien über die Pandemie berichten und wie es um den angeblichen Boom von Fake News steht. Die Studie ergibt, dass vor allem zwei Qualitäten in den letzten Jahren unter Druck gekommen sind: Stimmenvielfalt und Einordnungsleistung.

Relativ resistent gegen Fake News

Eiseneggers gute Nachricht: Die Medien und mit ihnen die Schweizer Öffentlichkeit hätten sich bisher als «relativ resistent» gegenüber Desinformation erwiesen. Dies sei der noch weniger starken gesellschaftlichen Polarisierung hierzulande zu verdanken, im Vergleich zum Beispiel mit den USA. Auch der Vorwurf der «Hofberichterstattung» in der Pandemie, von Kritiker:innen der angeblichen «Mainstream-Medien» immer wieder erhoben, habe sich nicht bestätigt.

Problematisch sei hingegen die Dominanz des Covid-Themas: Phasenweise hätten sich bis zu 70 Prozent aller Medienbeiträge mit der Pandemie beschäftigt, mit der Klimakrise gerade noch 15 Prozent. «Diese Einseitigkeit grenzt für mich an Desinformation», sagt Eisenegger.

Negativ ins Gewicht fällt gemäss dem Jahrbuch der Verlust an Stimmenvielfalt – eine Folge der weiterhin anhaltenden Medienkonzentration. Und die Zahl einordnender Beiträge nimmt ab – eine Folge der Ressourcenknappheit. Heute dominiere, nicht nur in den Sozialen Medien, das rasche «Drauflosmeinen», kritisiert Moderator Hanspeter Spörri. Meinungstexte seien zwar schneller geschrieben als gründliche Recherchen – aber nicht zu verachten, finden Boos und Eisenegger, so lange daneben auch Zeit und Platz für Recherche bleibe. «Einordnen kann man nicht im Halbstundentakt.»

Eine Krise des Geschäftsmodells

Qualitätsjournalismus brauche aber nicht nur Zeit und Geld, sondern auch den Willen von Seiten der Verlage. Denn nicht der Journalismus selber sei in der Krise, wird am Podium betont, sondern das Geschäftsmodell der Medienhäuser. Die Werbeeinnahmen brechen ein, die Zahlungsbereitschaft der Leserschaft nimmt ab, Geld verdient wird vor allem noch mit journalismusfremden Geschäftsfeldern wie den hoch rentablen Online-Märkten.

Journalistischer Erfolg wird mehr und mehr mit Klickzahlen gemessen, geschrieben wird, was Quote bringt – auf Kosten der Qualität. Entsprechend habe die Zahl von skandalisierenden Geschichten und persönlichen Attacken auf politische Gegner:innen zugenommen, sagt Eisenegger. Mit solchen Verstössen gegen die journalistische Redlichkeit und den Persönlichkeitsschutz ist gemäss Boos auch der Presserat als Selbstregulierungsorganisation der Schweizer Medien in zunehmenden Mass beschäftigt.

Kommt hinzu: Die Welt wird komplexer. Verwickelte Themen wie der Strommarkt oder die AHV-Finanzierung seien aufwendig zu recherchieren und nicht leicht auf Allgemeinverständlichkeit «herunterzubrechen». Zudem fehle in den Redaktionen Spezialwissen – gefragt seien heute journalistische Allrounder, die erst noch alle «Vektoren» eines Medienhauses vom Printbeitrag bis zur Twittermeldung «bedienen» müssten, wie Eisenegger kritisiert.

Lob der starken Redaktionen

Was tun? Susan Boos setzt auf gründliches Handwerk, auf die Anerkennung des Journalismus als Profession, auf starke Redaktionen, die gemeinsam an Themen herangehen und wo sich Journalist:innen gegenseitig auf Qualitätsstandards verpflichten. Weniger als an einen selbsternannten und aller Kontrolle enthobenen «Bürgerjournalismus» in Blogs und Sozialen Medien glaubt sie an die jungen Journalist:innen, die entschieden besser ausgebildet sei als ihre Generation vor einigen Jahrzehnten.

Eisenegger pflichtet bei: Gerade kleinere Medienunternehmen zeigten, dass trotz beschränkten Ressourcen guter Journalismus möglich sei.

2. Podium zur Medienpolitik

Am kommenden Dienstag, 14. Dezember findet ein weiteres Podium zur Mediensituation statt. Zur Diskussion steht das Mediengesetz, das am 13. Februar zur Abstimmung kommt. Es diskutieren Franziska Ryser, (Nationalrätin Grüne), Corinne Riedener (Redaktorin Saiten), Stefan Schmid (Chefredaktor St.Galler Tagblatt) und Peter Weigelt (Präsident des Nein-Komitees) unter der Leitung von Woz-Redaktor Kaspar Surber.

palace.sg

Fake News seien im übrigen keine neue Erfindung: Es gebe sie seit Menschengedenken. Gefährlich werde es dann, wie im Fall Trump, wenn Falschinformation mit Macht zusammenfalle. Heute grassiere Desinformation am stärksten und unkontrolliertesten auf den digitalen Kanälen. Gefragt wäre daher eine Art Digitalrat, der analog zum Presserat auf Redlichkeit und Faktentreue von Beiträgen achtet.

Subtiler als plumper «Mist» (Eisenegger) ist die Meinungsbeeinflussung durch Sprache – wenn etwa aus Kriegsgebieten geflüchtete Menschen zu «Wirtschaftsflüchtlingen» degradiert würden. Dann gehe die Empathie für diese Menschen verloren, warnt Eisenegger.

Und ebenfalls unter die Räder komme, gerade in Pandemiezeiten, die Differenzierung. Viele Fragen seien weder mit Ja noch mit Nein zu beantworten – solche Zwischentöne inklusive dem Zugeständnis, auch als Journalist:in manchmal keine klare Antwort zu haben, wären auch ein Beitrag zur Qualitätssteigerung und zur Entschleunigung des News-Betriebs.

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