War das der Lauf einer Waffe im Gestrüpp? Und ist das wenig entfernt davon im Gras liegend eine Leiche? In Michelangelo Antonionis Meisterwerk «Blow-Up» glaubt der Fotograf Thomas (David Hemmings) auf Vergrösserungen seiner Aufnahmen («Blow-ups») Hinweise auf einen Mord zu erkennen. Augenzeuge war er nicht, rein zufällig hat er mit der Kamera ein vermeintliches Rendezvous fotografiert. Mit extremer Vergrösserung der Bilder verlieren sich die Konturen des Verbrechens; statt Klarheit zu schaffen bleibt nichts als grobkörnige Rätselhaftigkeit.
Don McCullin, Thomas’ „blow-ups“ aus dem Park, 1966. Silbergelatine-Abzug, Courtesy Philippe Garner © Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner
«Looks like one of these paintings», meint darauf die Freundin eines benachbarten Malers und liefert einen Hinweis auf Antonionis Nähe zur Malerei. Die Hauptrolle in «Blow-Up» jedoch spielt die Fotografie, und auf ihr liegt auch der Fokus in der gleichnamigen Schau, die das Fotomuseum in Zusammenarbeit mit dem Museum Albertina in Wien konzipierte. Ab dem 13. September lassen sich in Winterthur Originalaufnahmen aus dem britischen Spielfilm betrachten, der zu den wichtigsten Filmen der 1960er-Jahre zählt.
Die Vielschichtigkeit der Fotografie
Auf differenzierte und zeitlose Weise versucht Antonionis Film, die Bereiche der Fotografie zu ergründen. Das Spektrum ist entsprechend breit gefächert und reicht von der Modefotografie über Pop-Art und Sozialreportage bis hin zur abstrakten Fotografie. Neben ihrer Objektfunktion hat die Fotografie weitere Rollen inne: Sie ist (vermeintliches) Fenster zur Wahrheit ebenso wie voyeuristisches Medium. Eine weitere Perspektive eröffnet die Geschichte des Kriminalfalls. Auf einer ‹realistischen› Ebene wird damit der Arbeitsalltag des Protagonisten geschildert: Ein Fotograf, der über Models verfügt, umgeben von Gegenständen, die zu Zeiten Andy Wahrhols Kultstatus erreichten.
Währen des gesamten Films schwingt die Atmosphäre des Swinging London Mitte der sechziger Jahre mit. Der Zeitgeist wird umfassend wiedergegeben, was nicht zuletzt der Musik zu verdanken ist. In einem Kurzauftritt sind die Yardbirds (Jeff Beck, Jimmy Page und Keith Relf) zu sehen, in dem Jeff Beck seine Gitarre zertrümmert. Der restliche Soundtrack wurde von Herbie Hancock beigesteuert und teilweise auch eingespielt. In der zentralen Szene des Films jedoch, dem Moment der unbewussten Zeugenschaft des Mordes im Park, fehlt die Musik vollständig; einzig Blätterrauschen und Vogelgezwitscher sind zu hören, unterbrochen vom mechanischen Klicken der Kamera. Ebenso fehlt sie später beim genauen Studium der Vergrösserungen. Diese werden nun zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen sein.
Tazio Secchiaroli, David Hemmings und Veruschka von Lehndorff in Blow-Up, 1966. Film-Still. BFI Stills © Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner Entertainment Co.
In fünf Kapiteln versucht die Ausstellung, die Spuren zu den vielfältigen Themen des Films aufzunehmen. Mit filmischen Sequenzen werden inhaltliche Bezüge zu Antonionis Meisterwerk geschaffen. Neben Film Stills, die in wenigen fotografischen Bildern die Handlung nachvollziehen, werden zudem Werke präsentiert, die in «Blow-Up» vorkommen; beispielsweise Don McCullins Reportagefotografien, die der Protagonist im Film seinem Verleger präsentiert und John Cowans Aufnahmen, die in Thomas’ Studio zu sehen sind. Ergänzt werden diese durch Bilder von David Bailey, Terence Donovan und Richard Hamilton, welche die Stimmung des im Film gezeigten vibrierenden Londons vermitteln.
Zitate und Referenzen
Interessierte können sich diesen Herbst im Winterthurer Kulturangebot intensiv mit den Medien Film und Fotografie auseinandersetzen. Ein reichhaltiges Begleitprogramm vermittelt unterschiedliche Aspekte rund um Antonionis Werk. Das Fotomuseum hat dazu die Nähe zu anderen Winterthurer Institutionen gesucht und Synergien genutzt: Das Filmfoyer etwa zeigt das Kernstück auf 35mm und hat als Ergänzung dazu ein Programm mit Filmen zusammengestellt, in denen dem voyeuristischen Blick die zentrale Rolle zukommt. Während in «Blow-Up» Thomas zum Voyeur wird, sucht in «La Dolce Vita» der Protagonist den Erfolg mit möglichst aktuellen Fotografien aus der High Society. In «Sex, Lies and Videotape» ist der Akt voyeuristisch, nicht aber dessen Motivation: Graham geht den Dingen auf den Grund, indem er Frauen nach ihren sexuellen Vorlieben befragt und dabei filmt, dies jedoch nicht heimlich. In «Peeping Tom» wiederum wandelt sich die Kamera vom voyeuristischen Hilfsmittel zum Mordinstrument.
Zusätzlich wird eine Trilogie rund um Antonionis Werk gezeigt: Brian De Palmas «Blow Out» ist ein hörtechnisches Pendant zu «Blow-Up» – anstelle eines Bildes wird hier eine Tonspur akribisch untersucht. Einen Experimentalfilm aus diesen beiden Filmen hat der Künstler Christian Marclay (der Macher von «The Clock») mit «Up And Out» geschaffen, indem er die Bilder des einen mit der Tonspur des anderen kombinierte. Am 14. September wird «Up And Out» in einer Sonntagsmatinee in Anwesenheit des Künstlers Christian Marclay und des Kurators der Ausstellung, Walter Moser, zu sehen sein.
Wer dann seine volle Dosis Medientheorie noch immer nicht abgekriegt hat, kann an den Internationalen Kurzfilmtagen am Sonntag, 9. November 2014 das Spezialprogramm «Blow-Up: Pop – Art – Fashion» besuchen. Dort werden in Ergänzung zur Ausstellung fünf Kurzfilme mit unterschiedlichen Positionen der zeitgenössischen wie der klassischen Film-Avantgarde gezeigt. Gemeinsamer Referenzpunkt ist das Spiel mit der Wahrnehmung des Publikums im Kontext von Fotografie, Inszenierung, (Bild-)Manipulation, Mode und Pop-Art. Es gibt viel zu sehen und zu denken.
Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe von Coucou.
Blow up: Fotomuseum Winterthur, 13.9. bis 30.11.2014, Di bis So, 11 bis 18 Uhr Filmfoyer, immer Dienstags um 20.30 Uhr
Bilder: Fotomuseum
Titelbild: Arthur Evans, David Hemmings in Blow-Up, 1966, Arthur Evans, Privatsammlung Wien
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