«Wie gross ist Ihre Popularität?», fragt ein Reporter Joseph Beuys.
«Wie soll ich das denn beantworten? In Windstärken?»
«Ja, wieso nicht.»
«Ich würde sagen, da ist die letzte Skala erreicht. Was nachher kommt, ist Sturm.»
Joseph Beuys war zu Schulzeiten ein talentierter Zeichner. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Bildhauerei. Und dann wurde er zu einem der bekanntesten Aktionskünstler des 20. Jahrhunderts, zum «idealtypischen Gegenspieler» von Andy Warhol, der einen radikal neuen, radikal erweiterten Kunstbegriff proklamierte und gleichzeitig das Geld abschaffen wollte, und der forderte, die Kunst müsse in einem Staat die führende Rolle übernehmen, indem sie diesen entscheidend verändere.
Beuys provozierte und polarisierte wie die wenigsten seiner Zeitgenossen. Die Verarbeitung seiner eigenen bewegten Biographie, seiner eigenen Wunden, war in seiner Arbeit zentral. Spätestens mit 15 trat er der Hitlerjugend bei. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Bordfunker und -schütze bei der deutschen Luftwaffe. Und dann wurde er auf der Krim von den Russen abgeschossen. Der Pilot starb. «Man fand von ihm nur noch ein paar Knöchelchen», wie Beuys sagte.
Er aber, der designierte Künstler von Weltruhm, wurde schwer verletzt von nomadisierenden Krim-Tataren geborgen, die seinen Körper mit tierischem Fett einrieben und ihn in Filz einwickelten. Jene Materialien also, die aus Beuys’ Kunst bald nicht mehr wegzudenken waren.
Die Geschichte mit den Tataren – Beuys erzählte sie, sein Biograph schrieb sie auf – ist aller Wahrscheinlichkeit nach frei erfunden. Beuys Ehefrau Eva äusserte bereits 1996 Zweifel und begründete Josephs Version mit Fieberträumen während seiner Bewusstlosigkeit. Der Künstler Jörg Herold recherchierte den Mythos und widerlegte ihn im Jahr 2000 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Der kontroverseste Künstler
Der Dokumentarfilm Beuys des deutschen Regisseurs Andres Veiel beantwortet die Frage nicht. Er bezichtigt den Portraitierten nicht der künstlertypischen Ich-Mythisierung. Er zeigt eine Szene, in welcher diesem die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Geschichte gestellt wird, auf die Beuys recht kryptisch antwortet. Aber Jörg Herolds Forschung bleibt unerwähnt.
Auch sonst lässt der Film vieles offen. Beuys war «der kontroverseste Künstler Deutschlands», wie es im Film heisst. «Die einen verehren ihn, die anderen verachten ihn.» Die grösste Stärke von Beuys besteht darin, dass die Betrachterin sich ihr eigenes Urteil über den Mann mit Hut bilden muss.
Beuys: ab 2. Juni im Kinok, St.Gallen. Am 9. Juni ist Regisseur Andreas Veiel anwesend. Infos und Spielplan: kinok.ch
Zu diesem Zweck wird dem Publikum aber viel Stoff geboten. Bisher unveröffentlichtes Archivmaterial fliesst ein: zahlreiche Fotografien sowie Farbfilmaufnahmen, beispielsweise aus dem Guggenheim Museum in New York oder von verschienen Performances des Künstlers.
Und wenn man Beuys dabei beobachtet, wie er in der New Yorker Performance I like America and America likes me drei Tage in einem Raum verbringt, in Filz gehüllt, mit Gehstock und in Gesellschaft eines quicklebendigen Koyoten und täglich fünfzig neuen Wallstreet Journals, die das Tier mit seinem Urin würdigt, dann erkennt man das Genie hinter dem vermeintlichen Wahnsinn.
Der Koyote war den Ureinwohnern ein mächtiger Gott. Die weissen Siedler sahen ihn hingegen als Plage, die es auszurotten galt. Dass sich Beuys bei seinem Aufenthalt in New York 1974 ausschliesslich mit einem Koyoten abgab und Kunstschaffende sowie Kunstkritik verschmähte, war ein Protest gegen das weisse Amerika, gegen den Vietnamkrieg und den Umgang mit den Indianern.
Der Film verzichtet sowohl auf einen biographischen Ablauf als auch auf eine kommentierende Off-Stimme. Er orientiert sich an aufsehenerregenden Ausstellungen und Aktionen und an einschneidenden Ereignissen im Leben des Künstlers.
Beuys selber ist im Film immer wieder aus dem Off zu hören. Zu Wort kommen nebst ihm Zeitgenossen des Künstlers, die in aktuellen Interviewsequenzen auf den Arbeiter Beuys und auf den Menschen zurückblicken. Zur Machart des Films sei einzig gesagt, dass sie in Bezug auf detailverliebte Spielerei und Abwechslungsreichtum hervorragend zu einem Künstlerportrait passt.
Beuys ohne Hut
So erfrischend ein Dokumentarfilm ist, der es dem Zuschauer überlässt, sich ein Urteil über seinen Gegenstand zu bilden, so schwierig ist das, wenn dazu die Grundlage fehlt. Möchte man sich beispielsweise über Beuys’ Haltung im Dritten Reich eine Meinung bilden, sind die Quellen dürftig. Aus der Tatsache, dass er in der Hitlerjugend war und sich freiwillig für die Luftwaffe meldete, lässt sich noch kein Vorwurf formulieren, weil es Millionen von Bürgern wie er machten.
Trotzdem drängt sich die Frage auf, wie er zu den Ideologien der Nazis später stand. Er interessierte sich für die Lehren der Anthroposophen. Dass Rudolf Steiner die Arier als überlegen sah, ist bekannt. («Die weisse Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse.» Rudolf Steiner, 1923)
Beuys portraitiert Joseph Beuys’ Leben und Wirken als charismatischer, engagierter Mensch und Künstler. Der Film gibt Einblick in ganz unterschiedliche Werke des kreativen Workaholics. Er zeigt seine Kämpfe mit Kritikern, mit der Kunstakademie in Düsseldorf, wo er als Professor unter lautstarkem Protest der Studentenschar entlassen wurde, und mit sich selber. Er zeigt ihn als einen radikalen, gebildeten Kämpfer, der die Öffentlichkeit zugleich suchte und scheute.
Jeder Mensch müsse verschlissen sein, wenn er sterbe. Sonst lohne sich der Tod nicht, sagte Joseph Beuys und leistete dieser Forderung treu Folge. Kurz vor seinem Tod liess er sich ohne den Hut fotografieren, der zu seinem Markenzeichen geworden war, der ihn «schützte», wie er sagte.
Beuys beantwortet nicht alle Fragen. Aber er lässt uns einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts einen grossen Schritt näher kommen. Ob man ihn am Ende verachtet oder verehrt, muss man selber entscheiden.
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