Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ich bin ein Radikaler»

Joseph Beuys hat polarisiert wie kaum ein Berufskollege. «Jeder ist Künstler», sagte er, während Kritiker fanden, was er mache, sei keine Kunst. Ein Dokumentarfilm begibt sich auf Beuys’ Spur und hilft Unentschlossenen zum Glück nicht weiter.
Von  Frédéric Zwicker

«Wie gross ist Ihre Popularität?», fragt ein Reporter Joseph Beuys.

«Wie soll ich das denn beantworten? In Windstärken?»

«Ja, wieso nicht.»

«Ich würde sagen, da ist die letzte Skala erreicht. Was nachher kommt, ist Sturm.»

Joseph Beuys war zu Schulzeiten ein talentierter Zeichner. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Bildhauerei. Und dann wurde er zu einem der bekanntesten Aktionskünstler des 20. Jahrhunderts, zum «idealtypischen Gegenspieler» von Andy Warhol, der einen radikal neuen, radikal erweiterten Kunstbegriff proklamierte und gleichzeitig das Geld abschaffen wollte, und der forderte, die Kunst müsse in einem Staat die führende Rolle übernehmen, indem sie diesen entscheidend verändere.

Beuys provozierte und polarisierte wie die wenigsten seiner Zeitgenossen. Die Verarbeitung seiner eigenen bewegten Biographie, seiner eigenen Wunden, war in seiner Arbeit zentral. Spätestens mit 15 trat er der Hitlerjugend bei. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Bordfunker und -schütze bei der deutschen Luftwaffe. Und dann wurde er auf der Krim von den Russen abgeschossen. Der Pilot starb. «Man fand von ihm nur noch ein paar Knöchelchen», wie Beuys sagte.

Er aber, der designierte Künstler von Weltruhm, wurde schwer verletzt von nomadisierenden Krim-Tataren geborgen, die seinen Körper mit tierischem Fett einrieben und ihn in Filz einwickelten. Jene Materialien also, die aus Beuys’ Kunst bald nicht mehr wegzudenken waren.

Die Geschichte mit den Tataren – Beuys erzählte sie, sein Biograph schrieb sie auf – ist aller Wahrscheinlichkeit nach frei erfunden. Beuys Ehefrau Eva äusserte bereits 1996 Zweifel und begründete Josephs Version mit Fieberträumen während seiner Bewusstlosigkeit. Der Künstler Jörg Herold recherchierte den Mythos und widerlegte ihn im Jahr 2000 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der kontroverseste Künstler

Der Dokumentarfilm Beuys des deutschen Regisseurs Andres Veiel beantwortet die Frage nicht. Er bezichtigt den Portraitierten nicht der künstlertypischen Ich-Mythisierung. Er zeigt eine Szene, in welcher diesem die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Geschichte gestellt wird, auf die Beuys recht kryptisch antwortet. Aber Jörg Herolds Forschung bleibt unerwähnt.

Auch sonst lässt der Film vieles offen. Beuys war «der kontroverseste Künstler Deutschlands», wie es im Film heisst. «Die einen verehren ihn, die anderen verachten ihn.» Die grösste Stärke von Beuys besteht darin, dass die Betrachterin sich ihr eigenes Urteil über den Mann mit Hut bilden muss.

Beuys: ab 2. Juni im Kinok, St.Gallen.
Am 9. Juni ist Regisseur Andreas Veiel anwesend.
Infos und Spielplan: kinok.ch

Zu diesem Zweck wird dem Publikum aber viel Stoff geboten. Bisher unveröffentlichtes Archivmaterial fliesst ein: zahlreiche Fotografien sowie Farbfilmaufnahmen, beispielsweise aus dem Guggenheim Museum in New York oder von verschienen Performances des Künstlers.

Und wenn man Beuys dabei beobachtet, wie er in der New Yorker Performance I like America and America likes me drei Tage in einem Raum verbringt, in Filz gehüllt, mit Gehstock und in Gesellschaft eines quicklebendigen Koyoten und täglich fünfzig neuen Wallstreet Journals, die das Tier mit seinem Urin würdigt, dann erkennt man das Genie hinter dem vermeintlichen Wahnsinn.

Der Koyote war den Ureinwohnern ein mächtiger Gott. Die weissen Siedler sahen ihn hingegen als Plage, die es auszurotten galt. Dass sich Beuys bei seinem Aufenthalt in New York 1974 ausschliesslich mit einem Koyoten abgab und Kunstschaffende sowie Kunstkritik verschmähte, war ein Protest gegen das weisse Amerika, gegen den Vietnamkrieg und den Umgang mit den Indianern.

Der Film verzichtet sowohl auf einen biographischen Ablauf als auch auf eine kommentierende Off-Stimme. Er orientiert sich an aufsehenerregenden Ausstellungen und Aktionen und an einschneidenden Ereignissen im Leben des Künstlers.

Beuys selber ist im Film immer wieder aus dem Off zu hören. Zu Wort kommen nebst ihm Zeitgenossen des Künstlers, die in aktuellen Interviewsequenzen auf den Arbeiter Beuys und auf den Menschen zurückblicken. Zur Machart des Films sei einzig gesagt, dass sie in Bezug auf  detailverliebte Spielerei und Abwechslungsreichtum hervorragend zu einem Künstlerportrait passt.

Beuys ohne Hut

So erfrischend ein Dokumentarfilm ist, der es dem Zuschauer überlässt, sich ein Urteil über seinen Gegenstand zu bilden, so schwierig ist das, wenn dazu die Grundlage fehlt. Möchte man sich beispielsweise über Beuys’ Haltung im Dritten Reich eine Meinung bilden, sind die Quellen dürftig. Aus der Tatsache, dass er in der Hitlerjugend war und sich freiwillig für die Luftwaffe meldete, lässt sich noch kein Vorwurf formulieren, weil es Millionen von Bürgern wie er machten.

Trotzdem drängt sich die Frage auf, wie er zu den Ideologien der Nazis später stand. Er interessierte sich für die Lehren der Anthroposophen. Dass Rudolf Steiner die Arier als überlegen sah, ist bekannt. («Die weisse Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse.» Rudolf Steiner, 1923)

Beuys portraitiert Joseph Beuys’ Leben und Wirken als charismatischer, engagierter Mensch und Künstler. Der Film gibt Einblick in ganz unterschiedliche Werke des kreativen Workaholics. Er zeigt seine Kämpfe mit Kritikern, mit der Kunstakademie in Düsseldorf, wo er als Professor unter lautstarkem Protest der Studentenschar entlassen wurde, und mit sich selber. Er zeigt ihn als einen radikalen, gebildeten Kämpfer, der die Öffentlichkeit zugleich suchte und scheute.

Jeder Mensch müsse verschlissen sein, wenn er sterbe. Sonst lohne sich der Tod nicht, sagte Joseph Beuys und leistete dieser Forderung treu Folge. Kurz vor seinem Tod liess er sich ohne den Hut fotografieren, der zu seinem Markenzeichen geworden war, der ihn «schützte», wie er sagte.

Beuys beantwortet nicht alle Fragen. Aber er lässt uns einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts einen grossen Schritt näher kommen. Ob man ihn am Ende verachtet oder verehrt, muss man selber entscheiden.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf