Alle reden vom Standort – wir auch. Ausserdem: Ein Comic zum Saiten-Jubiläum, der Report aus dem Knast und das Serbeln der Musikbranche. Und ein Loch. Und natürlich: ä guäts Neus!
Es war einmal ein Königreich, nennen wir es Popo, das sich mit sich selbst langweilte. Es begann sich zu vergleichen mit seinem Nachbarkönigreich, nennen wir es Pipi, und anderen Königreichen rundherum. Weil die Königreiche voll auf der Höhe der Zeit sein wollten, nannten sie das Ganze nicht Vergleich, sondern Rating. Sie betrieben Standortrating, Steuerrating, Fachhochschulrating, Parkplatzrating, Altersheimrating, Borkenkäferrating, Kulturförderrating und schliesslich: Sparrating. Sie sparten und verglichen sich um die Wette, und wenn sie sich nicht totgeratet haben, raten sie munter weiter bis in alle Ewigkeit.Man kann bloss (wie in Georg Büchners Königreich Popo, wo wir den Namen entlehnt haben) darauf hoffen, dass irgendwann ein Prinz Leonce und eine Prinzessin Lena auftauchen, die das Land vom Fluch befreien. Bei Büchner, dem vor 200 Jahren geborenen Autor und Gegenwartsdiagnostiker, schlägt Leonce am Ende vor: «Wir lassen alle Uhren zerschlagen und alle Kalender verbieten». Hier und heute müsste die Losung heissen: Weg mit allen Benchmarks und Nutzwertanalysen und Zielvereinbarungen, Organigrammen, Triangulationsmatrixen, Positionierungen und Returns on Investment!
Und reden wir wieder mal von den Inhalten.
Dieses Saitenheft analysiert den Standortvirus, der die Ostschweizer Gemeinwesen befallen hat. Wir gehen unter dem Titel «Wenn die PwC regiert» dem Einfluss der Wirtschaftsberater hinter den Kulissen nach, reden mit den «Standortfucktor»-Rebellen in Winterthur und analysieren an Beispielen aus der Region, was man die Ökonomisierung des Politischen nennen könnte. Einen literarischen Blick auf das Thema wirft die in Berlin lebende Autorin Sabine Wang.Und schliesslich soll Kritik ja konstruktiv sein: Deshalb schwingt Saiten die Fahne für jene Orte, die zwar dieses Prädikat nicht tragen und nie in einer Standorthochglanzbroschüre auftauchen – die jedoch umso mehr zur Lebens- und Wohn- und Arbeitsqualität einer Region beitragen.
Saiten ist kein Standortfaktor… aber immerhin seit zwanzig Jahren an allen möglichen Ecken zu finden und entsprechend in Jubiläumslaune. Wir feiern unter anderem mit einem monatlichen Comic, immer in der Mitte des Hefts, gezeichnet von wechselnden Künstlerinnen und Künstlern. Den Auftakt macht die frühere Saiten-Zeichnerin Lika Nüssli mit einem Alptraumtrip zwischen Pussy Riot und Schule für Gestaltung.
Auf ein marketingfreies 2014 im Königreich Popo!
Peter Surber, Corinne Riedener
DER INHALT:
Reaktionen
PositionenBlickwinkel. von Daniel AmmannRedeplatz. mit Adrian RiklinEinspruch. von Roman RiklinStadtlärm. von Andreas KneubühlerVergangenheitsbewältigung: mit Tucholsky, ohne Merz
Alle sprechen vom Standort. Wir auch.Wenn die PwC regiert.Beratungsfirmen machen Politik – nicht nur beim St.Galler Sparpaket.von Ralph Hug
Die fünf anderen Faktoren.Saiten zeigt Alternativen zu Glasfaser, Geothermie, IT und Co.von Corinne Riedener
Steiniger Boden, wenig Humus.Kultur wird an Benchmarks gemessen.von Andreas Kneubühler
Wirtschaft umarmt Kunst.Ein Foulard für die Sternenstadt.von Peter Surber
Eine Stadt ist auch eine Firma.Warum sich in Winterthur der «Standortfucktor» wehrt.von Katharina Flieger
Blühende Wände.Quartierwandel – eine Erzählung aus Moabit.von Sabine Wen-Ching Wang
PerspektivenFlaschenpost aus Saint-Laurent-du-Maroni. von Hans FässlerWinterthurAppenzellRheintalToggenburgStimmrecht. von Gyatso Drongpatsang
KulturWillkommen im Webshop.Zum Untergang von Musik Hug in St.Gallen.von Peter Surber
Es geht um Haltung Berthold Seligers Kritik am Monopol-Musikbusiness.von Chrigel Fisch
Lika Nüssli zeichnet den Januar-Comic.
Film: Die St.Petersburger «Glückspilze».von Corinne Riedener
Geschichte: Ralph Hugs neues Spanienbuch.von Richard Butz
Kunst: Der Schaukasten Herisau hört auf.von Christina Genova
Musik: In Rorschach klingt das «Treppenhaus».von Corinne Riedener
Weiss auf Schwarz.
ReportWenn ich hier raus bin … Eine Fotoreportage aus der Strafanstalt Gmünden.von Franziska Messner-Rast (Bild) und Johannes Stieger (Text)
Kalender
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.