Es beginnt schon mit einer Geburt. David soll dass Kind heissen. David auf Englisch ausgesprochen, [deɪvɪd]. David wie der Lieblingsautor der Mutter. Aber das geht nicht, muss der frischgebackene Vater rasch lernen. David ist kein iranischer Name, nicht mal ein islamischer, keine Chance also. Der Beamte lässt nicht mit sich reden. Steht ein Name nicht auf der Liste, ist er nicht erlaubt.
In der Schule geht es weiter. Der Schleier ist Pflicht, Sittsamkeit das oberste Gebot. Auch später im Arbeitsleben reichen die totalitären Tentakel in die privatesten Ritzen: Ach, Sie haben Tattoos? Ziehen Sie sich bitte aus, dann sehen wir, ob ich Ihnen den Fahrausweis ausstellen kann. Ach, Sie wollen einen Film drehen? Streichen Sie bitte die Szene mit dem Vatermord, dann sehen wir, ob ich Ihnen eine Drehgenehmigung ausstellen kann. Ach, Sie wollen einen Job? Rezitieren Sie bitte eine bestimmte Koransure, dann sehen wir, ob wir was für Sie tun können. Selbst im Rentenalter wird man nicht verschont. Was, man hat Ihren Hund entführt? Damit haben wir nichts zu tun, aber Sie sollten sich ohnehin besser einen Kanarienvogel halten.
Hommage an Forough Farrokhzad
Es sind Episoden des täglichen Irrsinns in der iranischen Hauptstadt Teheran: auf dem Einwohneramt, bei der Schuldirektorin oder auf dem Polizeiposten. In ihrem gemeinsamen Film zeigen die Filmemacher Ali Asgari und Alireza Khatami neun solcher Episoden von der Geburt bis zum Tod, eingefasst von einer erwachenden und einer versinkenden Stadt. Die elfte Szene, der letzte Vers, ist eine Hommage an das gleichnamige Gedicht Terrestrial Verses von Forough Farrokhzad (1935–1967). Die Lyrikerin und Filmemacherin zählt zu den bedeutendsten Figuren der iranischen Moderne und hat literarische, soziale und kulturelle Konventionen gesprengt.
Frauen wie Farrokhzad sind Vorreiter:innen für all die unzähligen Iraner:innen die seit September 2022 (und etwas weniger zahlreich schon in den Jahren davor) für Gleichberechtigung, Demokratie und einen säkularen Staat auf die Strassen gehen. Man muss insbesondere in diesen Zeiten an sie erinnern, wo die Iraner:innen oft gleichgesetzt werden mit den Mullahs der islamischen Republik statt sie als stolze und eigenständige Landsleute anzusehen.
Diese starken Eigenschaften blitzen auch im Film immer wieder auf. Am Machtgefälle zwischen den Protagonist:innen und den Vertreter:innen der einzelnen Behörden ist zwar kaum zu rütteln, doch die teils absurden Konversationen treiben immer wieder sarkastische und komische Blüten.
Formal reduziert und in sieben Tagen gedreht
Ali Asgari und Alireza Khatami holen die beklemmende Verhöratmosphäre höchst streng und reduziert ins Kino. Man sieht sie nie, die heuchlerische Schuldirektorin, den sexistischen Bauunternehmer oder die überheblichen Beamten von Kulturförderung und Verkehrsamt. Sie führen ihre Verhandlungen aus dem Off. Gefilmt wurden nur die Protagonist:innen, in statischer Frontalaufnahme und gefühlt fast ungeschnitten. Dieser formale Rahmen bildet eine Art Versstruktur und lässt die elf Strophen zum filmischen Gedicht verwachsen.
Terrestrial Verses: ab 3. Mai im Kinok St.Gallen
kinok.ch
Inspiration zu diesem Film haben die beiden Regisseure unter anderem in ihrem eigenen Leben gefunden. Alireza Khatami versuchte für einen anderen Spielfilm eine Drehgenehmigung zu bekommen. Das Gespräch mit dem Kulturministerium sei absurd und tragikomisch gewesen. Am Schluss kam der Film nicht zustande. Regie-Kollege Asgari hatte ebenfalls einige nicht minder surreale Institutionsgeschichten zu erzählen und so tauschten sie sich aus. In der Woche darauf hatten sie das Drehbuch – fehlten nur noch Geld und ein Produzent. Darauf wollten die beiden aber nicht warten, also legten sie zusammen, riefen ein paar Freund:innen an und drehten den Film in sieben Tagen ab.
Die Mischung aus Gedicht und Film ist ihnen handwerklich und auch inhaltlich überaus gelungen. Terrestrial Verses ist trotz all der Beklemmung immer wieder überraschend und unterhaltsam. Er veranschaulicht ein Stück Lebensrealität in der islamischen Republik – was aber nicht heisst, dass dieser Film nichts mit uns hier in Europa zu tun hat. Wir alle leben in Machstrukturen und haben die Pflicht, sie zu reflektieren. Ali Asgari sagt: «Wenn wir nicht verhandeln, keine Fragen stellen und die Regeln nicht hinterfragen, sind wir keine Bürger:innen mehr.»
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.