Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der Körper wehrt sich

Les Paradis de Diane erzählt die Geschichte einer Frau, die vor ihrem Neugeborenen und ihrem Mann flieht, weil sie keine Mutter sein will. Ein politischer Film, der auf Erklärungen verzichtet und radikal nur ihre Sicht zeigt. 
Von  Corinne Riedener
Diane (Dorothée De Koon) taucht unter in Benidorm. (Bilder: Filmstills)

Sagt eine Frau, dass Kinderkriegen für sie nicht in Frage kommt, dauert es meistens nicht lang und sie steht im Gegenwind. Es gibt Menschen, die partout nicht verstehen wollen, dass Fortpflanzung nicht für alle zum Sinn des Lebens gehört. Noch eisiger schlägt der Wind jenen Frauen entgegen, die Mutter geworden sind, es aber bereuen. Als die israelische Soziologin Orna Donath 2015 ihre Studie Regretting Motherhood publizierte, in der 23 Mütter offen darüber sprachen, dass sie ihre Mutterschaft rückgängig machen würden, wenn sie könnten, löste sie damit einen regelrechten Sturm aus.

Dieser Tabubruch war für einige zu viel. Dass es postnatale Depressionen gibt und dass Mutterschaft ambivalente Gefühle auslösen kann, konnte man ja vielleicht noch verstehen, aber dass es Frauen gibt, die von sich sagen, dass sie ehrlicherweise gar nie hätten Mutter werden sollen, dass sie auch nach Jahren des Mutterseins keine Muttergefühle entwickelt haben und dass sie sich nun irgendwie mit ihrer Lebenswirklichkeit arrangieren müssen, das durfte nicht sein und sorgte für Aufruhr. Doch die Debatte hat einen Nerv getroffen. In den vergangenen Jahren sind mehrere Bücher und Dokus zum Thema erschienen.

Im Fiebertraum

Auch Carmen Jaquier und Jan Gassmann nehmen das Thema in ihrem neuen Film Les Paradis de Diane auf. Nicht dokumentarisch, erklärend, rechtfertigend oder einordnend, sondern radikal körperlich und rauschhaft poetisch. Es ist ein Fiebertraum aus Sicht der Frau. Ihre Verzweiflung wird deutlich spürbar. In den flirrenden Bildern, aber auch in der Musik, im Ostinato der Klarinette, das wie Babygeschrei ihre Flucht begleitet, oder in der eindringlichen Trompete, die immer wieder scheinbar das sagt, was die Verzweifelte nicht aussprechen kann. Die Musik (Sounddesign Mélia Roger) spielt eine tragende Rolle. Ausgangspunkt war unter anderem ein Stück der Experimentalmusikerin Lea Bertucci, das vom Komponisten Marcel Vaid mit dem norwegischen Trompeter Nils Petter Molvær weiterentwickelt wurde.

Der Fiebertraum beginnt zunächst idyllisch, in einem vorgeburtlichen Kokon aus Bettlaken, Haut und Liebe. Jaquier und Gassmann haben ein Händchen für intime Szenen, siehe auch Foudre von Jaquier oder 99 Moons von Gassmann (beide 2022). Doch das Idyll bröckelt rasch nach der Geburt. Der Vater Martin (Roland Bonjour) versinkt im Glück, während die Mutter Diane (Dorothée De Koon) ihr Kind kaum anblicken kann. Auf schwachen Beinen flieht sie aus der Zürcher Frauenklinik und steigt in den Bus nach Benidorm.

Les Paradis de Diane: ab 12. März im Kinok St. Gallen, Premiere um 20 Uhr in Anwesenheit der Filmemacher:innen. Das anschliessende Gespräch führt Filmwissenschaftlerin Marcy Goldberg.

kinok.ch

Benidorm, die etwas heruntergekommene spanische All-Inclusive-Küstenstadt, ist das pure Gegenteil des Wochenbetts. Diane taucht unter. Im Sog der Lichter und feiernden Massen lässt sie sich durch die Strassen treiben, traumatisiert, irrlichternd, sprachlos. Bis sie eines Nachts bei Rose (Aurore Clément) angespült wird. Worte findet Diane immer noch keine, aber dafür eine andere einsame Seele. Schweigend nähern sich die beiden Frauen einander an und Diane beginnt langsam, wieder Kontakt zu sich selbst und ihrem Körper aufzunehmen – der sie jeden Tag an den Grund für ihre Flucht erinnert.

Vom Objekt zum Subjekt

Dianes Körper trägt den Film. Ihr Mutterkörper, ihr sexueller Körper, ihr Körper, der sich ohne rationales Zutun ausdrückt und ihr auch als Schablone für verschiedene Identitäten dient. Es ist ein Körper, der schwer traumatisiert ist und gleichzeitig doch viel zu geben hat, andere auch streicheln und bemuttern kann. Dianes Rolle erfordert eine krasse physische Präsenz, und Dorothée De Koon wirft sich voll rein. Ihre Verkörperung von Diane hat etwas Magisches, so beklemmend es manchmal auch ist, ihr auf ihrer Reise zur Selbsterkenntnis zuzusehen.

Wer in diesem Film nach konkreten Erklärungen sucht für den sogenannten «Baby-Blues» oder die grundsätzliche Ablehnung der Mutterrolle, wird vielleicht enttäuscht sein. Jaquier und Gassmann, in der Zwischenzeit selbst Eltern eines gemeinsamen Kindes geworden, gehen subversiver an das Thema heran. Es ist nicht die Frau, die auf die Barrikaden geht gegen gesellschaftliche Zwänge, traditionelle Bilder oder sexistische Normen. Es ist zuerst ihr Körper, der die Kontrolle übernimmt, von innen heraus rebelliert und sich vom Objekt wieder zum Subjekt macht. Das macht den Film durchaus politisch: Weil er darauf verzichtet, die Gefühle der Frau «erklären» zu müssen, sondern radikal nur ihre Sicht aufzeigt.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300