Wir haben das grosse Glück seit geraumer Zeit im originalen Lokremisenraum an „Michael Kohlhaas“ proben zu dürfen und es sieht etwa folgendermassen aus: An der Wänden hängen Kopien von arabischen Revolutionären, von feuerschmeissenden Wütenden,von Terroristen,von Bonnie und Clyde, von RAF-Fahndungsfotos bis hin zu schwarzen Pferden.Ah ,nein,das sind Rappen. Oder doch Schweisshengste? Die Pferde kommen beim „Kohlhaas“ ja des öfteren vor… Fragen über Fragen tun sich dem Schauspieler beim Erarbeiten der kleistschen Welt auf.Und ehrlich gesagt: Wisst ihr ganz genau,was ein Schlossvogt,ein Kurfürst, ein Kämmerer,ein landesherrliches Privilegium oder gar ein Schlagbaum so wirklich waren und sind?Beim Erlernen der Kleistschen Sprache ergeben sich ja ungewollt weitere Tücken:Laaaange Sätze,viele Informationen auf engstem Raum und Worte , die uns fremd geworden sind ,wie „daselbst“ „itzo“ „versprützen“ (ok,ähnlich zum Schweizerdeutschen). Heutzutage nicht mehr jedem ein Begriff, vielleicht erst recht nicht jedem 17-Jährigen, an den wir uns mit der Inszenierung ja hauptsächlich wenden.
Auf den Proben haben wir feststellen dürfen,dass es ziemlich schwierig sein kann,einen Kleistsatz zu retten,bei dem man den Faden verloren hat. Verb vergessen, unsicher in der Reihenfolge, ungewiss ob Kohlhaas grad nach Dresden reitet oder schon dort ist -schwupp, schon vorbei!
Die Proben fühlen sich aber auch ein wenig an wie bei „Die 3 ???“,oder in unserem Fall als Quartett „Die 4 ????“.Denn wir haben einen Schrottplatz als Bühnenbild,als Spielwiese und eine spannende Geschichte. Diese eigentliche Novelle versuchen wir zu 4. detektivisch zu entschlüsseln, zu erzählen, zu erspielen, zu erleben. Ich meine,hey,fast alle Beteiligten sind Ende 20 ,Anfang 30.Also genau wie der Autor himself,als er den Kohlhaas verfasst hat.Das ist doch das ideale Alter für Diskussionen um Selbst- und Fremdbestimmung, um Zivilcourage und wie weit jeder für eine wichtige Sache gehen würde.Naja,waren sie eigentlich schon immer,auch mit 17,aber manchmal vergisst mans halt. Wie auch immer:natürlich landen wir bei den Gewaltausmassen wie im „Kohlhaas“ schnell bei Assoziationen zu Menschen,wie auf den Fotos an unseren Fotowänden. Inwiefern sind wir Terroristen? Wie lehnen wir uns hier in St. Gallen auf? Oder müssen wir das gar nicht und sind mit allem zufrieden?
Kohlhaas geht da sehr weit. Er raubt, mordet und ruft die provisorische Weltregierung aus.Hmmm, well, da bin ich dann doch etwas simpler gestrickt.Aber zum Glück bin ich Schauspieler und darf so tun als ob…doch wie tut man so,als ob man mordet, etwas in Brand steckt oder eine Burg stürmt?
Tja, davon müsst ihr euch selbst überzeugen.
Michael Kohlhaas nach Kleist, ab 19.4. in der Lokremise St. Gallen
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