«Lieber Bill. Mein Relief kann liegend und hängend und von allen Seiten betrachtet werden. Wenn ich es an die Wand häng, hänge ich es so, dass die Stäbe unten sind. Die Photo ist natürlich so zu reproduzieren, dass der Schatten unten ist und die Stäbe oben.»
Sophie Taeuber-Arp instruiert Max Bill per Postkarte im Frühjahr 1939, wie eines ihrer Reliefs zu installieren sei. Die variable Hängung ist dabei kein Zeichen von Unentschiedenheit, im Gegenteil. Sie zeugt von Taeuber-Arps konsequentem Anspruch als ungegenständliche Künstlerin. Ihr ging es nicht um eine Transformation der gegenständlichen Welt in eine neue Bildsprache, sondern um einen unabhängigen, universellen künstlerischen Ausdruck. Dieses Bestreben eint sie mit Max Bill und Hans Arp. Von letzterem stammt der vielzitierte Satz, nicht die Natur nachahmen zu wollen. Es ging den Dreien nicht ums Abbilden, sondern ums Bilden, ums Hervorbringen wie in der Natur.
Die perfekte Bühne
Die Ausstellung «Allianzen» im Kunstmuseum Appenzell zeigt die engen künstlerischen Kooperationen zwischen Tauber-Arp, Arp und Bill. Und mehr noch: Das künstlerische Werk ist kaum zu trennen vom gestalterischen und publizistischen. In der Ausstellung werden Plakate präsentiert, Zeitschriften, Briefe, Skizzen, gemeinsame Mappenwerke. Zum allerersten Mal ausgestellt sind die Entwürfe für die sechste Ausgabe von «Plastique», der von Sophie Taeuber-Arp herausgegebenen Zeitschrift für ungegenständliche Kunst. Diese Nummer wurde wegen des plötzlichen, viel zu frühen Todes der Künstlerin 1943 nicht mehr publiziert.
Das Cover von «Plastique» Nr. 4, herausgegeben von Sophie Taeuber-Arp, Paris / New York, Winter 1939
Die gezeigten Werke stammen vor allem aus der Fondazione Marguerite Arp und der Sammlung von Chantal und Jakob Bill. Letztere entwickelte die Ausstellungsidee, für die das Kunstmuseum Appenzell die perfekte Bühne bildet. In den Kabinetten kommen die formal reduzierten Gemälde und Reliefs ideal zur Geltung. Dicht gehängte Grafiken wechseln sich ab mit markant in Szene gesetzten Einzelwerken. Eine gelb akzentuierte Wandfläche hebt zwei Kompositionen von Sophie Taeuber-Arp besonders hervor: Die Künstlerin bringt darin geometrische Elemente in eine rhythmische Ordnung. Dazu tragen auch die sparsam eingesetzten Farben bei.
«Allianzen – Arp / Taeuber-Arp / Bill»: bis 6. Oktober, Kunstmuseum Appenzell
«Möglichkeit Architektur»: bis 6. Oktober, Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell
kunstmuseum-kunsthalle.ch
Impulse für die Kunsthalle
Aufgrund ihrer früheren Arbeit als Textilentwerferin und ihrer Studien in den Sammlungen des damaligen Industrie- und Gewerbemuseums St. Gallen fand Sophie Taeuber-Arp mitunter zu formal klareren und radikaleren Entwürfen als ihre Künstlerkollegen. Aber es blieb ein Miteinander, wie die Ausstellung zeigt. Selbst dann noch, als Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp aufgrund von Meinungsverschiedenheiten die 1931 gegründete Gruppe Abstraction-Création im Jahr 1934 verliessen – Max Bill blieb noch drei Jahre länger. Die intensive Zusammenarbeit hielt an, ebenso der Gedankenaustausch in intensiven Schriftwechseln. Die Ausstellung ist das Porträt eines produktiven Netzwerkes.
Damit kann «Allianzen» gute Impulse liefern für «Möglichkeit Architektur» in der Kunsthalle Appenzell. Dieses parallele Projekt ist weniger eine Ausstellung als eine Plattform, weniger Präsentation als Partizipation und doch ab dem ersten Tag an sehenswert.
Die historische Ziegelhütte in Appenzell, um 1920
Im Erdgeschossraum sind Dokumente, historische Fotografien, Geschichten und Anekdoten versammelt. Dachziegel und andere Relikte verweisen auf die ursprüngliche Funktion der früheren Ziegelhütte. Baugerüste mitten im Raum verweisen auf die Gegenwart: Hier soll neues gedacht, hier soll mitgebaut werden an der Zukunft der heutigen Kunsthalle Ziegelhütte. Sie soll als gemeinsamer Kulturort funktionieren.
Die populären Schlagwörter lauten: kreativ, inklusiv, interaktiv und dynamisch. Der Denk- und Arbeitsprozess hat längst begonnen, ist aber mit «Möglichkeit Architektur» öffentlich geworden. Das Projekt ist die Einladung, mitzugestalten, die Räume zu erkunden und sie sich forschend oder kreativ anzueignen. Das Ergebnis ist offen, die Kunsthalle Appenzell ist es ebenso.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.