Spiel- und Dokumentarfilme vorwiegend aus Asien, Afrika und verschiedenen europäischen Regionen erlauben in Winterthur einen Überblick über den Stand des Kurzfilmschaffen. Herausragend sind die Schwerpunkt-Programme «Europa» und «Indigenes Kino» – insgesamt sind in den Wettbewerben 56 Filme aus 28 Ländern programmiert, ergänzt durch die Retrospektive von Yann Gonzalez, der neuen Stimme des französischen Autorenfilms.
Grosser Fokus: Framing Europe
Im Zentrum des grossen Fokus steht Europa als Idee – Europa, dieses alles andere als homogene Konstrukt, konstituierte sich stets auch in Abgrenzung nach aussen. Differenzierte Einblicke auf dieses Europa, auf imaginäre und physische Grenzen, bietet der Schwerpunkt mit den Programmblöcken Visionen I&II: «Werben für Europa» (Cinema Nostalgie) und «Die Vereinigung Europas: Grenzzeit – Die Mauer und ihr Fall» (Cinema Nostalgia); «The Ways of (Dis)Organisation»; «Shifting Borders»; «The Europeans»; «New Romanian Waves»; «Yael Bartana: And Europe Will Be Stunned» sowie mit hoch aktuellem Bezug: «EUkraine».
Doch Europa, das sind nicht nur die Anderen, sondern vor allem wir, die Bewohner und Bewohnerinnen, Politiker und Politikerinnen der Schweiz und der hierzulande weit verbreitete Abschottungsideologie – weshalb im Programmblock Europa die Schweiz nicht fehlen darf. Zu sehen sind in «Sonderfall Schweiz»: «Es kommen Menschen» und«Beziehungsstatus: It’s Complicated», in dessen Rahmen es am Sonntag eine Diskussion mit dem Historiker Georg Kreis (ehem. Leiter des Europainstituts an der Universität Basel), mit Laura Kaehr (Regisseurin von «1927») und Kaspar Surber (WOZ-Redaktor und Autor von An Europas Grenze) gibt.
Entendre (The Hearing) (Kanada 2013) Regie: Russell Ratt Brascoupe Wapikoni – 10 Years of Activism Jugendprogramm
Kleiner Fokus: Indigenes Kino
Doch Europa ist weit mehr als eine Idee und weitaus länger schon kolonisierende Macht, militärisch und kulturell, vereinigt höchstens im Blick auf das Andere, Fremde und Exotische. Konstruiert und lebendig erhalten wird dieser unter anderem durch Bilder wie dem Film. Eine der exotischen Kino-Kategorien bedient die Figur «des Indianers», ob als edler Wilder oder Vertreter einer unverständlichen und feindseligen Kultur: Von John Wayne bis Karl May wurde er fester Bestandteil der Filmgeschichte. Individuelle Züge und komplexe Charaktereigenschaften wurden diesen Figuren selten zugestanden, die Sichtbarkeit ihrer Lebenswelt blieb schematisch, selbst dokumentarische Werke wiederholten kulturelle Stereotypen.
Anders an den Kurzfilmtagen: Jüngeren Produktionen indigenen Filmschaffens widmet sich der Kleine Fokus, wobei der filmische Blick durch die eigene Linse und nicht die eurozentristische Sicht zu sehen sein soll. Tribes, First Nations und Aborigines, vereinfachend als indigene Völker zusammengefasst, haben sich heute dank veränderter Produktionsbedingungen die Welt der audiovisuellen Medien zu Eigen gemacht. Abseits hegemonialer Standards von Sprache und Wissensvermittlung wurden neue Erzählformen gefunden. Die dabei entstandenen Filme bewegen sich nahe an der Geschichte und ihren Alltags-Erfahrungen, vom Dokumentar- bis zum Experimentalfilm werden alle Gattungen bedient. So lässt sich auch «der indigene Film» nicht als eigenes Genre, sondern als Begriff verstehen – er bezieht sich ausschliesslich auf die Herkunft der Filme und nicht auf ihre Machart. Zu sehen ist das in den drei Teilen «Post-Apocalyptic Indians»,«Wapikoni – 10 Years of Activism» und einem Schwerpunkt zum aus Mexiko stammenden Filmemacher Geovanni Ocampo: «Geovanni Ocampo: Hot Michoacán DOKXXXXX».
Facettenreiches Gesamtbild
Zwischen den beiden Blöcken «Europa» und «Indigene Filme», die scheinbar harmlos nebeneinander stehen, als hätten sie nichts miteinander zu tun, lassen sich zahlreiche Bezüge herauslesen – am offensichtlichsten etwa im Programmteil «Shifting Borders». Da werden Kurzfilme gezeigt, die sich mit Migration, geographischen und gesellschaftlichen Grenzen und der Kontrolle staatlicher Macht auseinandersetzen.
Ob nun im Wettbewerb oder in den Schwerpunktprogrammen, lange Geschichten der Welt werden in Kurzform erzählt. Wer sich dazu länger Gedanken machen will, für den bieten die Gespräche mit Filmschaffenden Gelegenheit, über Produktionsverhältnisse im Kulturbereich und den Medien und über die unterschiedlichen Interessen von Veranstaltern, Jury oder des Publikums zu diskutieren.
Titelbild: Für ein Europa ohne Grenzen, Schweizer Filmwochenschau (1963)
Kurzfilmtage Winterthur: 4. bis 9. November. Spielorte: Casinotheater, Theater, ZHAW Architekturhalle, Alte Kaserne und Hotel Krone, ausführliches Programm hier.
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann