Kategorie
Autor:innen
Jahr

Langes kurz erzählt

Anfangs November wird in Winterthur jeweils etwas breiter auf die Welt geblickt als die restliche Zeit: Die Internationalen Kurzfilmtage repräsentieren nicht bloss den Blick auf das Fremde, sondern auch auf das Eigene – diesmal etwa die Schweiz und ihr Verhältnis zu Europa.
Von  Katharina Flieger

Spiel- und Dokumentarfilme vorwiegend aus Asien, Afrika und verschiedenen europäischen Regionen erlauben in Winterthur einen Überblick über den Stand des Kurzfilmschaffen. Herausragend sind die Schwerpunkt-Programme «Europa» und «Indigenes Kino» – insgesamt sind in den Wettbewerben 56 Filme aus 28 Ländern programmiert, ergänzt durch die Retrospektive von Yann Gonzalez, der neuen Stimme des französischen Autorenfilms.

Grosser Fokus: Framing Europe

Im Zentrum des grossen Fokus steht Europa als Idee – Europa, dieses alles andere als homogene Konstrukt, konstituierte sich stets auch in Abgrenzung nach aussen. Differenzierte Einblicke auf dieses Europa, auf imaginäre und physische Grenzen, bietet der Schwerpunkt mit den Programmblöcken Visionen I&II: «Werben für Europa» (Cinema Nostalgie) und «Die Vereinigung Europas: Grenzzeit – Die Mauer und ihr Fall» (Cinema Nostalgia); «The Ways of (Dis)Organisation»; «Shifting Borders»; «The Europeans»; «New Romanian Waves»; «Yael Bartana: And Europe Will Be Stunned» sowie mit hoch aktuellem Bezug: «EUkraine».

Doch Europa, das sind nicht nur die Anderen, sondern vor allem wir, die Bewohner und Bewohnerinnen, Politiker und Politikerinnen der Schweiz und der hierzulande weit verbreitete Abschottungsideologie – weshalb im Programmblock Europa die Schweiz nicht fehlen darf. Zu sehen sind in «Sonderfall Schweiz»: «Es kommen Menschen» und«Beziehungsstatus: It’s Complicated», in dessen Rahmen es am Sonntag eine Diskussion mit dem Historiker Georg Kreis (ehem. Leiter des Europainstituts an der Universität Basel), mit Laura Kaehr (Regisseurin von «1927») und Kaspar Surber (WOZ-Redaktor und Autor von An Europas Grenze) gibt.

Entendre (The Hearing) (Kanada 2013)  Regie: Russell Ratt Brascoupe Wapikoni – 10 Years of Activism Jugendprogramm

Entendre (The Hearing) (Kanada 2013) Regie: Russell Ratt Brascoupe Wapikoni – 10 Years of Activism Jugendprogramm

Kleiner Fokus: Indigenes Kino

Doch Europa ist weit mehr als eine Idee und weitaus länger schon kolonisierende Macht, militärisch und  kulturell, vereinigt höchstens im Blick auf das Andere, Fremde und Exotische. Konstruiert und lebendig erhalten wird dieser unter anderem durch Bilder wie dem Film. Eine der exotischen Kino-Kategorien bedient die Figur «des Indianers», ob als edler Wilder oder Vertreter einer unverständlichen und feindseligen Kultur: Von John Wayne bis Karl May wurde er fester Bestandteil der Filmgeschichte. Individuelle Züge und komplexe Charaktereigenschaften wurden diesen Figuren selten zugestanden, die Sichtbarkeit ihrer Lebenswelt blieb schematisch, selbst dokumentarische Werke wiederholten kulturelle Stereotypen.

Anders an den Kurzfilmtagen: Jüngeren Produktionen indigenen Filmschaffens widmet sich der Kleine Fokus, wobei der filmische Blick durch die eigene Linse und nicht die eurozentristische Sicht zu sehen sein soll. Tribes, First Nations und Aborigines, vereinfachend als indigene Völker zusammengefasst, haben sich heute dank veränderter Produktionsbedingungen die Welt der audiovisuellen Medien zu Eigen gemacht. Abseits hegemonialer Standards von Sprache und Wissensvermittlung wurden neue Erzählformen gefunden. Die dabei entstandenen Filme bewegen sich nahe an der Geschichte und ihren Alltags-Erfahrungen, vom Dokumentar- bis zum Experimentalfilm werden alle Gattungen bedient. So lässt sich auch «der indigene Film» nicht als eigenes Genre, sondern als Begriff verstehen – er bezieht sich ausschliesslich auf die Herkunft der Filme und nicht auf ihre Machart. Zu sehen ist das in den drei Teilen «Post-Apocalyptic Indians»,«Wapikoni – 10 Years of Activism» und einem Schwerpunkt zum aus Mexiko stammenden Filmemacher Geovanni Ocampo: «Geovanni Ocampo: Hot Michoacán DOKXXXXX».

Facettenreiches Gesamtbild

Zwischen den beiden Blöcken «Europa» und «Indigene Filme», die scheinbar harmlos nebeneinander stehen, als hätten sie nichts miteinander zu tun, lassen sich zahlreiche Bezüge herauslesen – am offensichtlichsten etwa im Programmteil «Shifting Borders». Da werden Kurzfilme gezeigt, die sich mit Migration, geographischen und gesellschaftlichen Grenzen und der Kontrolle staatlicher Macht auseinandersetzen.

Ob nun im Wettbewerb oder in den Schwerpunktprogrammen, lange Geschichten der Welt werden in Kurzform erzählt. Wer sich dazu länger Gedanken machen will, für den bieten die Gespräche mit Filmschaffenden Gelegenheit, über Produktionsverhältnisse im Kulturbereich und den Medien und über die unterschiedlichen Interessen von Veranstaltern, Jury oder des Publikums zu diskutieren.

Titelbild: Für ein Europa ohne Grenzen, Schweizer Filmwochenschau (1963)

Kurzfilmtage Winterthur: 4. bis 9. November. Spielorte: Casinotheater, Theater, ZHAW Architekturhalle, Alte Kaserne und Hotel Krone, ausführliches Programm hier.

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01