Curse: Klingelt da was? Könnt ihr euch noch an das erinnern? (Von DJ Tomekk hat man zum Glück schon länger nichts mehr gehört.) Nein? Dann vielleicht an seinen Erstling Feuerwasser aus dem selben Jahr? An das legendäre Liebeskummer-Album Von Innen nach aussen (2001) oder an Sinnflut (2005)? Auch nicht? Dann aber sicher an einige seiner nicht schlecht politischen Features mit Gentleman, Black Thought (The Roots), Azad oder Greis…
Falls nicht: habt ihr was verpasst. Curse, mit bürgerlichem Namen Michael Sebastian Kurth, gilt nicht umsonst als eine der Ikonen und Wegbereiter des deutschsprachigen Rap (auch wenn er seine allerersten Gehversuche auf Englisch machte). Vergesst mal kurz Aggro Berlin, Curse war vorher da. Und der Mann aus Minden mit der hohen Stirn beherrscht so ziemlich alle wichtigen Rap-Disziplinen: von Battle-, Represent- und Conscious-Rap bis hin zu melancholisch feinsinnigen «Gefühls-Museleien», ähnlich jenen von Thomas D. – aber gut. Real halt.
Nach seinem letzten Album Freiheit (2008) hat sich Curse fast schon etwas zu still uns leise aus dem Rap-Bizz zurückgezogen. Letzten Oktober dann, sechs Jahre nach seinem vermeintlichen Rücktritt, feierte der mittlerweile in Berlin wohnhafte Familienvater sein Comeback und veröffentlichte mit Uns sein sechstes und bisher wohl «heiratsfähigstes» Solo-Album. Es stieg auf Platz fünf der Deutschen Charts ein.
Beats mit St.Galler Hilfe
Mitproduziert wurde es, wie schon Sinnflut neun Jahre zuvor, von Claudio Bucher aka Claud, Stadtsanktgaller und Mitglied der Nordostschweizer Rap-Combo Sektion Kuchikästli. Die Beats dazu haben sie zusammen mit den Beatgees erdacht, genau genommen nur mit zweien der vier Wahlberliner, die schon länger dafür bekannt sind, die Grenzen des Rap-Genres ihren eigenen Massstäben anzupassen – was sie auf Uns auch bestätigen. Wer also eine Standard-Scheibe erwartet, ist entweder enttäuscht oder, was konstruktiver wäre, in der glücklichen Lage, die eigenen Genre-Mauern im Kopf einzureissen.
Das dürfte bereits beim Opener der Fall sein: Tatooine heisst das gute Stück, das nebenbei eine ganz zuverlässige Fährte für den Rest des Albums legt: Weite, Drums und Bläser bestimmen die musikalische Dramaturgie (Woodkid, kennsch?) und vermischen sich mit lyrisch-wortkargen Gedankenperlen zu einem destillierten Zugeständnis an die Liebe und das Leben selbst. Fast könnte es ein Konzept-Album sein.
Der Mann ist jedenfalls reif geworden, wie es scheint. Flow-Massaker war einmal. Statt jugendlichem Schwermut oder eierbaumelden 16ern liefert Curse auf Uns musikalisch wie thematisch reduzierten Spoken-Word-Sound, der grösstenteils von Liebe, Aufstehen & Aufbruch erzählt. Das mag einigen etwas zu eintönig daherkommen, ist aber definitiv aus einem Guss. Und wie gewohnt hat Curse wieder eine ordentliche Portion Pathos draufgepackt, eine recht angenehme allerdings, schliesslich stülpt er seine Gefühle schon seit jeher Von Innen nach aussen.
Tod und Alltag
Tatooine, wie gesagt, ein vielversprechender, hymnischer Opener. Es dauert einige Sekunden, aber wenn der Beat dann reinhaut, wisst ihr, was ich meine. Und: Tatooine heisst bekanntlich auch Luke Skywalkers Heimatplanet mit den zwei Sonnen, die in diesem Fall für seine Partnerin und für ihren gemeinsamen Sohn stehen. Curse ist Tatooine. Dazu passt auch der letzte Uns-Track, Menschen, der eine Art musikalischer Heiratsantrag ist und über die stetigen Herausforderungen des Beziehungsalltags hinausgeht.
Einer der besten Tracks, Herz zurück, dreht sich zwar auch um die Liebe, allerdings eher um das Gefühl danach – wenn man sich, buschtäblich oder im übertragenen Sinn, am Boden zerstört, einsam an einem Bartresen hängend wieder findet. «Liebeskummer, weisste, is’n komisches Ding, das dir zeigt in deinem Herz ist noch irgendwas drin», rappt Curse. «Und wenn wir untergeh’n, lass uns Titanic sein. Wir hol’n uns unser Herz zurück.» – Was gibt es Beruhigenderes als zwei wildfremde Leute, die sich in der abgefucktesten Nacht ihres Lebens treffen und sie zusammen verbringen – ohne sich dabei auszuziehen.
Drittes Highlight: Kristallklarer Februar – Für P. Dieser Track ist dem Producer Patrick Ahrend gewidmet, einem alten Freud und Weggefährten von Curse, der unter anderem auch auf seinem etwas gar emotionalen 2008er-Album Freiheit mitgewirkt hat und im Februar 2012 an Krebs verstorben ist. Einer der besten Texte zum Tod, die ich seit langem gehört habe: «So, hier stehen wir nun, hinten an, regungslos. So deplatziert wie die knallbunten Blumen, die man dir drapiert. Wo sollen denn die ganzen Stühle hin, für all uns Ärsche, die wir gekommen sind.» So ehrlich kennt man Curse, und gerade deswegen wartet am Schluss die Versöhnung: «Du sagst, dass du erwartet wirst. Gut, du bist nicht allein. Bitte komm gut heim.»
Art is about money…
«Der Trick ist, dass die Essenz in ein paar Tropfen passt», sagte er kürzlich in einem Interview mit «rap.de». Das ist wohl etwas neunmalklug, stimmt aber erstens und ist deshalb zweitens auch eine ziemlich okaye Zusammenfassung seines neuen Albums. Mag sein, dass Curse womöglich etwas zu verbissen auf der alternativen Beat-Welle surft, dass seine Tracks für klassischen Rap eine Prise zu viel Gefühl drin haben und dass sie manchmal wirklich an Prinz Pi oder Casper erinnern – was schon zu genüge kritisiert wurde –, aber betrachten wir die Dinge doch nüchtern:
Unsere Welt braucht ganz bestimmt nicht noch mehr Ärsche und Titten, sondern Authentizität, Wahrhaftigkeit und Weitsicht. Curse wusste das lange vor Pi und Casper. Und ein Comeback auf rein finanzielle Interessen zu schieben, wie es einige tun, zeugt nicht nur von Voreingenommenheit, sondern in erster Linie von Naivität. Denn so leid es mir selber ja auch tut; die Zeiten der «seulement l’art pour l’art»-Attitüden sind vorbei. Art is about money today…
Curse – Uns-Tour 2015: Samstag, 24. Januar, 20 Uhr, Kugl St.Gallen. Infos: kugl.ch, curse.de
Bilder: Robert Eikelpoth
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