Im Duden Bücher die man kennen muss – Populäre Bestseller ist nachzulesen: «Patrick Süskind, erster Erfolg mit dem Einpersonenstück Der Kontrabass. Der peinlich-amüsante Monolog eines mit sich und seinem Instrument hadernden Musikers über Musik und das eigene Leben. Uraufführung, 1981. In der Spielzeit 1984/85 das meist gespielte Stück im deutschsprachigen Raum. Übersetzt in 28 Sprachen.»
Zeit, also, nach gut dreissig Jahren das Stück einer Revision zu unterziehen.
Kluge Regie
Vorweg lässt sich sagen, dass das Stück dramaturgisch dort am besten ist, wo Süskind mit Elementen des Absurden Theaters arbeitet. Nachträglich ist auszumachen, dass die kluge Regie von Regine Weingart, dank bewusster Striche, dem Stück mehr Stringenz verleiht. Manche Wiederholungen und Biederes, ja Anbiederndes fällt weg.
In den monologisierenden, hassliebenden Phantasien unseres Kontrabassisten erfährt man einiges über das Instrument, über Grössen, Stimmungen, Saiten und Stege und Schnecken. Über Komponisten, Solisten über die eigene Befindlichkeit und den Wunsch, endlich der Frau des Lebens, einer Mezzosopranistin, die Liebe zu gestehen, und sei dies mit einem Schrei!
Rückschauend will bemerkt sein, dass es heute zum Kanon gehört, dass Mozart auch ein «freches Kind» sein konnte; ebenso sind wir der Mode müde geworden, Wagner immer unter dem Aspekt des Antisemitismus zu beurteilen, und wir wissen auch, dass in den KZ der Nazis Opern komponiert und aufgeführt wurden. (Die argentinischen Militärs liessen übrigens die Gefangenen unter Beschallung von Verdi-Opern stundenlang in der Sonne stehen.). Auch die Erotisierung des Instruments zum weiblichen Körper ist spätestens durch die Fotos von Man Ray bekannt.
Dennoch gehört die «Walküren»-Szene zu den Höhepunkten der Aufführung und zeigt die sensible, konzentrierte Handschrift der Regie; beispielsweise so: Unser Kontrabassist mausert sich zum GMD, sein Dirigat gerät ihm auf dem Höhepunkt zum Hitlergruss. Oder er wälzt sich unter der Last der drückenden Wagnerklänge – mit der CD (die das Bild des Meisters zeigt) auf dem Rücken – über die Bühne. Grossartig!
Klassik kontra Jazz
Als Klassiker des Repertoires für Solo-Kontrabass gilt das Konzert in E-Dur von Karl Ditters (von Dittersdorf). Neben seiner kompositorischen Tätigkeit amtete dieser auch Forstmeister. Man hört diese Musik hier als das was sie ist: einfach kläglich und grottenschlecht. Das gibt zu denken. Ist es nicht so, dass im Jazz der Kontrabass als Soloinstrument seine eigentliche Würdigung erfährt? Die unsterblichen Soli eines Ron Carter, eines Eberhard Weber oder die unvergleichlichen E-Basslines von Jaco Pastorius, der den Bass ins elektronische Zeitalter geführt hat, seien stellvertretend verzeichnet.
Nächste Vorstellungen: 12., 13. und 14. Februar, alle Termine und Infos hier.
Da phantasiert Einer im schalldichten Raum, will über sich hinauswachsen, dem reinen Klang entgegen, und endet doch wieder als Beamter, als «Tuttischwein» am dritten Pult eines Staatsorchester. Aus mit den Solistenträumen. Er, der sich im klassischen Sinn als ein am Schönen, Guten und Wahren ausgerichteter Künstler empfindet und sich vor nichts so sehr hütet wie vor der freien Anarchie, versinkt in Frustration und Grössenwahn.
Heiss gespielt
Matthias Flückiger, in der Rolle des Kontrabassisten, brilliert. Da spielt sich ein Schauspieler richtig warm, richtig heiss. Dass hinter der Leichtigkeit, mit der Monolog über die ganze Dauer fliessen kann, eine Parforceleistung steht, macht Flückiger völlig vergessen. Als wäre ihm diese Rolle auf den Leib geschrieben. Flückiger trägt den Stoff lebendig, mit wenigen Gesten, ins Publikum. Eine Flückiger-Rolle und eine starke und mitreissende Aufführung – das Premierenpublikum dankte ihm, dem Kontrabassisten (und dem Kontrabass) sowie der Regisseurin mit frenetischem Applaus.
Unbedingt hingehen!
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Naturmuseum Thurgau
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.