Árni Vilhjálmsson (vorne) in den ersten zehn Minuten. Bilder: Kasimir Höhener
Nach allem, was man so hört über FM Belfast, muss das Isländische Musikkollektiv ein echter Knaller sein live. Seit Samstag weiss ich: Es stimmt. Was die Electro-Popper aus Reykjavík zum Abschluss des zehnten Kulturfestivals geboten haben, war tatsächlich ein Spektakel. Eines der sehr gelungenen Sorte.
Lametta und Energie ohne Ende
Von sanftem Vorspiel scheinen sie wenig zu halten. Kaum auf der Bühne, schon in den Vollen. Egill Eyjólfsson zum Beispiel: Klein und bärtig, eine Mischung aus Riverdance-Boxer und Zimmermann mit Knieschonern. Verdammt flinke Füsse, Energie ohne Ende.
Árni Vilhjálmsson trägt nach zehn Minuten nur noch Shorts und Tank Top, dafür meterweise Lametta um den schweissnassen Hals – designed by Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir, die geschäftig zwischen den Bandkollegen umherwuselt. Weil sie singend und tanzend Glühbirnen repariert, weil sie irgendwelche Dinge sucht oder umstellt, oder weil sie alles und jeden mit Papierschlangen und bunten Girlanden dekoriert. Selbstverständlich auch das Publikum.
«Are you feeling happy?» will Árni wissen. «Und gemütlich?!» Das ist es definitiv im ausverkauften Innenhof. Tolle Stimmung. Es wird gehüpft, getanzt und geschwitzt wie kaum an einem anderen Abend in den letzten drei Wochen. Das Publikum feiert sich selbst und FM Belfast feiert mit. Oder war’s umgekehrt? Egal. «Let’s all have a disco!» hat Árni gesagt. Und St.Gallen hat Disco gemacht.
Fast schon ketzerische Samples
Kein Wunder: Die Isländer stehen für Strobos und Powersound, für Konfetti und gute Laune. Für fast schon ketzerische Samples. Wonderwall von Oasis zum Beispiel wird bei FM Belfast zu einem irren Mix aus 90er-Techno mit Metall-Einschlägen. Ganz ähnlich ergeht es den Beastie Boys. Zum Verschnaufen servieren sie Technotronic im Roots Reggae-Style. Oder ein entspanntes «You’re not alone» – samt Reprise in Drive-Manier.
Musikalisch ginge es auch komplexer, klar. Aber was die Show angeht, könnten sich viele noch eine Scheibe abschneiden von FM Belfast. Perfekt ist sie nicht, dafür ehrlich. Das macht sie so gut. Etwa dann, wenn Árni seinen Einsatz verpasst: So charmant wie sich die Fünf da herausimprovisieren, kann man etwas gar nicht inszenieren. Oder doch? Mir egal, solang es nicht auffällt. Hauptsache dieses Gefühl bleibt: Dass es bei FM Belfast im Proberaum genau gleich zu und her geht wie am Konzert letzten Samstag.
Kann St.Gallen nur im Dunkeln?
Angesichts des isländischen Disco-Spektakels ist die Darbietung von Marko Tomovic alias Klangforscher bei manchen möglicherweise etwas untergegangen. Was très domage wäre, denn der St.Galler hat umwerfend geforscht. Einmal mehr. Man könnte ihm ewig bei der Arbeit zusehen. Tanzend natürlich. Und im Gegensatz zu FM Belfast darf man Tomovics Kompositionen und Experimente sehr wohl als musikalisch komplex bezeichnen.
Punkt halb neun hat er’s knattern lassen im Museumshof. Hart, aber eingängig. Schade, dass kaum jemand richtig tanzen mochte. Vielleicht lag es an der Uhrzeit, sprich an der fehlenden Dunkelheit, wie einige vermuteten. «Eher am Techno-DJ», widersprach eine junge Frau nach dem Konzert stirnrunzelnd. Das sei nichts für sie. «Zu künstlich, zu bumm bumm.» FM Belfast, erklärte sie, das sei noch «richtige Musik».
Ob ihr bewusst ist, dass sich ihre Lieblingsband aus Island ständig und ebenso grosszügig an allen möglichen elektronischen Musikstilen bedient? An den anderen sowieso. Ob sie weiss, dass der Norden ein Techno-Mekka ist? Und viel wichtiger: Weiss die Frau, dass «Techno-DJs» die Musik in der Regel nur servieren, während der Klangforscher sie selber macht? Live macht. Und analog und so. Und wie gesagt, verdammt gut.
Bilder: Kasimir Höhener
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