Das war noch ein Ideal von einem Mann – Humphrey Bogart! Heute ist der Mann in der Krise. Der Zischtigsclub hat sich gerade damit beschäftigt. «Der Mann in der Krise»: So heisst auch der Titel eines Referats, aktuell und vielversprechend, Unterzeile: «Mann-werden ist schon schwer genug, Mann-bleiben noch viel mehr. Wie Männer am prekären Hegemonieanspruch von Männlichkeitsidealen scheitern können und welchen Preis sie dafür bezahlen». Darüber referiert der Psychologe und Psychotherapeut Björg Süfke. Der Mann als Fall – heute Donnerstag, 18.15 Uhr in der Fachhochschule St.Gallen. Hingehen, Männer!
Aber aufpassen, dass Ihr nicht die falsche Hochschultür erwischt. Denn gleichzeitig ist auch an der HSG der Mann angesagt. Das heutige Thema, Beginn 18.15 Uhr: «Transmenschen im Schweizer Recht gestern, heute – morgen?» Nächsten Donnerstag geht es dann an der HSG um «Männer und Männlichkeit» in historischer Perspektive, an der FHSG gleichzeitig um die Freizeitwelten von Männern: «Endlich ich. Zeit für mich» heisst dannzumal der Titel.
Kollision spät bemerkt
«Endlich ich…» – es muss dramatisch um den Mann stehen, dass sich HSG und FHSG gleichzeitig in ihrem öffentlichen Programm mit ihm beschäftigen. Beide Vorlesungsreihen begannen Anfang November, beide enden am 11. Dezember, beide finden donnerstags um 18.15 Uhr statt, beide kann Mann, selbst wenn er ein Supermann wäre, nicht besuchen. Und macht also gleich eine doppelte Identitäts- oder zumindest Orientierungskrise durch.
Die Vorlesungsreihe «Männlichkeitsvorstellungen und Männerbilder heute» wird von Christa Binswanger, Ständige Dozentin für Gender und Diversity an der Uni St.Gallen, gehalten. Die Ringvorlesung «Männerwelten» an der FHSG steht unter Leitung von Steve Stiehler, Professor im Fachbereich Soziale Arbeit. Auf Nachfrage informiert die HSG-Pressestelle nüchtern: «Frau Binswanger und Herr Stiehler haben sich im September getroffen und festgestellt, dass sowohl die HSG als auch die FHSG zeitgleich eine öffentliche Vorlesung zum Thema Männlichkeit(en) planen – zufälligerweise am gleichen Abend und im gleichen Zeitraum. Unseres Wissens hat die Fachhochschule noch versucht, die Termine zu verschieben. (…) In Zukunft sollen thematisch ähnlich gelagerte Veranstaltungen im Bereich Gender und Diversity wenn möglich aufeinander abgestimmt werden.»
An der FHSG bestätigt Stefan Paulus, mitverantwortlich für die Vorlesungsreihe, dass noch ein Verschiebungsversuch gemacht wurde – aber ohne Erfolg. In Zukunft wolle man versuchen, «die Kräfte zu bündeln». Im übrigen sei der Ansatz der Uni theoretischer, jener der Fachhochschule stärker praxisorientiert. Erforscht würden an der FH unter anderem neue Formen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Männersicht.
Hohe Schule des Switchens
Mit der Elektronisierung der Arbeit habe sich der Berufsalltag einschneidend verändert und damit auch die Vereinbarkeitsdiskussion eine neue Dringlichkeit erhalten, sagt Paulus. Das einschlägige FH-Forschungsprojekt dazu heisst Switchen ist legitim. Es thematisiert die enge Verflechtung von Erwerbs- und Sorgearbeit in der heutigen Männerrealität. Auf der Website wird erklärt: «Switchen meint beispielsweise, dass ich während der Erwerbsarbeitszeit kurz noch einen Arzttermin organisiere, zwischendurch am Arbeitscomputer schnell mal das Ferienhaus für das verlängerte Familienwochenende buche, beim Duschen auf die Lösung für ein Arbeitsproblem komme, beim Abendessen einen geschäftlichen Anruf entgegennehme usw. Ich wechsle also zwischen den Kontexten von Beruf, Familie und Freizeit ständig hin und her.»
Und die Befürchtung der FH-Forscher: «Im Erwerbsbereich werden familiäre Themen gerade von Männern oft verschwiegen, weil sie dadurch berufliche Nachteile befürchten. Was denken Sie: macht es einen Unterschied, ob Sie bei Ihrer Arbeitsstelle erzählen, wie Sie am Wochenende am Engadiner Skimarathon teilgenommen haben oder berichten, wie Sie die kranke Mutter gepflegt haben? Es ist also zu vermuten, dass im beruflichen Kontext die Sorgearbeit von Männern eher versteckt wird, anstatt dass es Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit gibt.» Ein Fragebogen lädt Männer dazu ein, ihre eigenen Switch-Strategien zu überdenken.
Am Donnerstagabend zum Beispiel ist noch bis zum 11. Dezember Gelegenheit zum Switchen: zwischen Männerwelten an der FH und Männerbildern an der HSG. Aber im Ernst: Das Thema ist natürlich wichtig. Drum noch ein Lesetip: «Der weisse Mann. Ein Anti-Manifest» des Philosophen Luca Di Blasi erscheint dieser Tage im Transcript-Verlag Berlin.
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