Seit ca. einem Jahr gebe ich regelmässig Führungen durch unseren schönen Bunker: „Das Theater St. Gallen gibt es nun schon seit mehr als 200 Jahren, aber erst 1968 wurde das heutige Theatergebäude eröffnet blablabla.“ Diese Führungen werden meist von Schulklassen genutzt, das heisst, emsige Lehrer bestellen sich einen Rundgang. Meist waren die armen Schüler, die aus der Agglo angedüst kommen, davor bereits in irgendeinem Museum, bei der Polizei oder ähnlichem und danach müssen sie noch ins Kloster, in die Stiftsbibliothek undundund … Das Interessanteste an diesen Führungen ist die Tatsache, dass alle männlichen Schüler, egal welchen Alters, exakt gleich reagieren. Und zwar an einem ganz bestimmten Ort …: In der Maske oder Schneiderei noch ziemlich unbeeindruckt – während die Mädels das durchaus nicht unspanned finden – blühen sie spätestens im Maalsaal so richtig auf.
Denn dort hängt er, oder besser gesagt „SIE“. Während ich fleissig zu erklären versuche, wie wichtig für alle Werkstätten ein Bühnenbildmodell ist (siehe Foto, die schwarzen Türmchen links), hallt meistens bereits ein unterdrücktes Fiepen und Grölen zu mir rüber. Fotoapparate, Handys werden gezückt und die jeweilige „Miss Monat X“ festgehalten (siehe rechts auf dem Foto). Die Jungs stossen sich gegenseitig mit ihren Ellbögen in die Rippen und flüstern sich aufgeregt Worte zu, worauf sie beinahe aufjaulen. Man könnte ja denken, Vierzehnjährige hätten so was eh schon tausend Mal gesehen, von der Nivea-Werbung bis hin zum 22-Uhr-Film. Ich meine, auf diesem Kalender sieht man nicht mal einen Nippel! Oder sind sie doch unverdorbender als ich denke? Aber wenn ja, warum filmen sie immer gleich alles und schreien dabei? Nachdem ich auf dem Rückweg vom Maalsaal noch Fragen beantworte wie „Kleischt – isch de berüehmt?“ oder „Schpiiled sie do au SAW VI?“ oder auch „Schpiiled Sie do en Film vom Brad Pitt, äh, aso ich mein en Theaterfilm?“, entlasse ich die Horde wieder in die Freiheit. (Okay, wenn es Kanti-Schüler sind, sagt ein Mädchen meistens noch „Hey, dasch jo voll sexistisch de Kalender …!“) Und eigentlich hat sie Recht. Vielleicht sage ich den Jungs das nächste Mal einfach, die auf dem Bild spielt auch mit, dann kommen sie wenigstens schauen. Oder noch besser, ich hänge ein paar nackte Männer daneben. So zum Ausgleich. Für die Gleichberechtigung. Und die Auszubildende im Malsaal. Und für mich!
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun. Wie wird das Kehrausspiel? Die Antwort live im SENF-Ticker ab 16.30 Uhr.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.