Vor dem Hintergrund der Klimakrise mit steigendem Meeresspiegel, verheerenden Stürmen und Unruhen entwickelt Ralf Bruggmann eine Beziehungsgeschichte, in der Frauen im Vordergrund stehen, während die männlichen Figuren alle eher blass gezeichnet sind. Bruggmann, von Beruf Texter und in Speicher wohnend, legt nach Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften sowie nach dem Erscheinen des Prosabandes Hornhaut in der Edition Outbird (2017) mit Delfin seinen ersten Roman vor.
Ralf Bruggmann: Delfin. Orte Verlag, Schwellbrunn 2024.
Hauptprotagonistinnen sind die alleinerziehende Nina, 34, mit ihrem achtjährigen Sohn Noah und Milly, 72, die ein Geheimnis hütet. Nina und ihr Sohn kämpfen mit den Folgen der Klimakrise, müssen deswegen ihr Haus verlassen. Noch vorher stösst sie am Meeresstrand auf einen verendeten Delfin, ein verstörendes Erlebnis. Milly hat ihren Mann verloren, der sich im Hobbykeller ihres Hauses scheinbar grundlos erhängt hat. Sie weigert sich, seinen Tod zu melden, steigt regelmässig in den Keller hinab, legt sich neben die zunehmend verwesende Leiche und will so mit ihrem Mann im Gespräch bleiben.
Die beiden Frauen lernen sich in der Bar kennen, in der Nina arbeitet, nähern sich gegenseitig an, um sich in einer dramatisch beschriebenen Szene schliesslich zu entzweien. Der Delfinkadaver und die Leiche im Keller können als Metaphern für eine sich auflösende Welt und die Brüchigkeit von Beziehungen verstanden werden. Die vom Autor in kurzen Kapiteln erzählte Geschichte geht aber nicht ganz auf und wirkt damit schlussendlich etwas zu konstruiert.
Trotz dieses Einwands überzeugt Bruggmann in seinem flüssig geschriebenen Romanerstling durch sein sprachliches Können. Der Autor spielt virtuos mit den Worten, überzeugt mit seinen Sprachbildern und präzisen Beschreibungen. Ein eindrücklicher Prolog und ein meisterlich verfasster Epilog rahmen die Geschichte ein, die Bruggmann mit dieser Erkenntnis von Milly so enden lässt: «Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Und irgendwann ist die Geschichte zu Ende erzählt.» Aber damit ist doch nicht ganz Schluss, denn wie es im Epilog abschliessend heisst, setzt sich das Spiel fort, und «die Aufführung, sie ist noch nicht vorüber».
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.