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Mit dem Hammer gegen das System

In einer Stadt mit wenig Reibung kann kein Punk entstehen, könnte man meinen. Doch St.Gallen hat mit Kolladderall eine Band, die vorauseilenden Annahmen trotzt. Anfang Mai erscheint ihr erstes Album Chaot*ina. Es ist ein Werk über Wut, Suchtprobleme, Transfeindlichkeit und Minderwertigkeitskomplexe.
Von  Andi Giger
Kolladderall, fotografiert von Tobit Brühlmann.

Auf dem Sofa im Bandraum von Kolladderall liegt ein Hammer. «Der ist zum Sachen hauen», erklärt Annika Szokody, das neuste Bandmitglied. Der Raum befindet sich in einem blauen Industriebau an der Ahornstrasse, das Dach ist Parkplatz, der Keller Stripclub, dazwischen ein Bodenbelagsgeschäft und eben Bandraum. «Wir sind wütend und frustriert über das System und das eigene Nicht-Funktionieren darin», sagt Jade Nerling, ebenfalls Bandmitglied. Ein Hammer kann den Kapitalismus und das Patriarchat vielleicht nicht zerschlagen, doch können die Rap-Lines von Kolladderall etwas daran kratzen.

Es bleibt schokoladig bei Kolladderall. Nach der EP Kägi Threats erscheint am 3. Mai das erste Album mit dem Namen Chaot*ina. Wie gewohnt mit viel Rap, je nach Song ist mehr Punk, Hyperpop, Industrial oder Reggaeton zu finden. Nicht annähernd so süss wie das Schokoladenpulver, dafür kräftig, hochkonzentriert, mitunter sogar bitter sind die Lyrics. Und politisch expliziter. In der Ende März veröffentlichten ersten Single Pose mit Plastikpistole rappt Noe Taccone, das dritte Mitglied im Trio: «Transphobiewitz, weiss dass das kein guete Schachzug isch / Verglich dich mitem Bobby Fischer will du en scheiss Nazi bisch / Früener selber Witz gmacht dass ich en Helikopter wär / Hüt schloni TERFs mitem Gender-Morgestern.»

 

Möglicherweise ist das der erste Ostschweizer Song über Transfeindlichkeit. In Chaot*ina wird aber nicht nur geflext, bedroht und beleidigt. Kolladderall zeigen sich verletzlicher. Gefühle überfordern, die Internetsucht lähmt und die Fomo kickt. Es bleiben der Alkohol, Aspirin und Masturbieren.

Die Band hiess anfangs Kolladderallschaden, heute ohne den Schaden, den braucht es im Namen nicht auch noch. Die Schreibweise lehnt sich an das Medikament Adderall, das mit Symptomen von ADHS umzugehen hilft. Jade und Noe kennen die Struggles und die Vorteile davon. Noe verbringt manchmal die halbe Nacht mit Texten, dank Hyperfocus.

Unsicherheiten und Vorbilder

Am 12. April ist Kolladderall die Vorband von Hatepop in der Grabenhalle. In Kägi Threats rappt Noe «Mir sind Hatepop at home» in Anlehnung an die «At-Home-Memes», wo Dinge zuhause schlecht nachgemacht werden. «Hatepop ist schon eine Art Vorbild, wie auch Projekt ET», sagt Noe. «Anfangs sahen wir uns als Low-Budget-Version von ihnen, inzwischen wissen wir, dass wir vor allem anders sind.»

Kolladderall strotzt nicht vor Unbescheidenheit, manchmal zeigt sich sogar eine Art Minderwertigkeitskomplex oder mindestens eine Unsicherheit. Auch bei Annika: «Es gibt Momente, bei denen ich mich auf der Bühne dann frage, what the fuck ich eigentlich damit meine, ob es Sinn ergibt und ob es nicht einfach Bullshit ist. Da kickt bei mir das Imposter-Syndrom.»

Kolladderall live: 12. April, Grabenhalle St.Gallen, gemeinsam mit Hatepop

grabenhalle.ch

Das erste Album Chaot*ina erscheint am 3. Mai. Plattentaufe ist am 10. Mai im Rümpeltum.

«Manches würde ich heute nicht mehr so texten», sagt Noe, «Zum Beispiel gibt es bei Gwaltfantasie eine Line, die ich unreflektiert geschrieben habe: ‹Ich erstich de Gölä, gang mit sinre Chatz uf Walliselle, chunt sie wiederhei, het sie chrummi Bei.›» Oder es gibt eine Stelle, in der sich Noe als Mann bezeichnet, der Scheisse auf seinem kleinen Schwanz hat. «Das ist mir inzwischen sehr unangenehm, auch weil ich mich nicht mehr als Mann identifiziere.» Um solches zu vermeiden, setzt Kolladdereall auf Feedbacks im Umfeld. «Wir wollen die richtigen Menschen hässig machen und nicht nach unten treten.»

«Ich fick deine Bitches» passt nicht mehr

Jade nahm in ihren Anfängen Rap-Texte nicht ernst, alles war ironisch. «Ich nahm Rap-Klischees auf die Schippe. Während meiner Transition war das plötzlich schwierig. Ich begann über Dinge zu rappen, die ich tatsächlich fühlte.» Die alten Texte waren aber nach wie vor da und Jade hatte Mühe einzuordnen, was jetzt noch zu ihr gehört. Auch wenn Lines wie «Ich fick deine Bitches», immer schon eine Parodie waren, sagt Jade: «Ich will, dass wir richtig verstanden werden.»

«Du bist verantwortlich für deine Crowd», sagt Noe. «Dinge können noch so ironisch gemeint sein, wenn du dann ein toxisches Publikum hast, musst du diese Themen anders angehen. Vor diesem Problem steht beispielsweise ein Jule X, da sind die Konzerte einfach unangenehm.» Doch Jade betont: «An diesem Punkt sind wir nicht. Unsere Crowd ist super.»

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