Auf dem Sofa im Bandraum von Kolladderall liegt ein Hammer. «Der ist zum Sachen hauen», erklärt Annika Szokody, das neuste Bandmitglied. Der Raum befindet sich in einem blauen Industriebau an der Ahornstrasse, das Dach ist Parkplatz, der Keller Stripclub, dazwischen ein Bodenbelagsgeschäft und eben Bandraum. «Wir sind wütend und frustriert über das System und das eigene Nicht-Funktionieren darin», sagt Jade Nerling, ebenfalls Bandmitglied. Ein Hammer kann den Kapitalismus und das Patriarchat vielleicht nicht zerschlagen, doch können die Rap-Lines von Kolladderall etwas daran kratzen.
Es bleibt schokoladig bei Kolladderall. Nach der EP Kägi Threats erscheint am 3. Mai das erste Album mit dem Namen Chaot*ina. Wie gewohnt mit viel Rap, je nach Song ist mehr Punk, Hyperpop, Industrial oder Reggaeton zu finden. Nicht annähernd so süss wie das Schokoladenpulver, dafür kräftig, hochkonzentriert, mitunter sogar bitter sind die Lyrics. Und politisch expliziter. In der Ende März veröffentlichten ersten Single Pose mit Plastikpistole rappt Noe Taccone, das dritte Mitglied im Trio: «Transphobiewitz, weiss dass das kein guete Schachzug isch / Verglich dich mitem Bobby Fischer will du en scheiss Nazi bisch / Früener selber Witz gmacht dass ich en Helikopter wär / Hüt schloni TERFs mitem Gender-Morgestern.»
Möglicherweise ist das der erste Ostschweizer Song über Transfeindlichkeit. In Chaot*ina wird aber nicht nur geflext, bedroht und beleidigt. Kolladderall zeigen sich verletzlicher. Gefühle überfordern, die Internetsucht lähmt und die Fomo kickt. Es bleiben der Alkohol, Aspirin und Masturbieren.
Die Band hiess anfangs Kolladderallschaden, heute ohne den Schaden, den braucht es im Namen nicht auch noch. Die Schreibweise lehnt sich an das Medikament Adderall, das mit Symptomen von ADHS umzugehen hilft. Jade und Noe kennen die Struggles und die Vorteile davon. Noe verbringt manchmal die halbe Nacht mit Texten, dank Hyperfocus.
Unsicherheiten und Vorbilder
Am 12. April ist Kolladderall die Vorband von Hatepop in der Grabenhalle. In Kägi Threats rappt Noe «Mir sind Hatepop at home» in Anlehnung an die «At-Home-Memes», wo Dinge zuhause schlecht nachgemacht werden. «Hatepop ist schon eine Art Vorbild, wie auch Projekt ET», sagt Noe. «Anfangs sahen wir uns als Low-Budget-Version von ihnen, inzwischen wissen wir, dass wir vor allem anders sind.»
Kolladderall strotzt nicht vor Unbescheidenheit, manchmal zeigt sich sogar eine Art Minderwertigkeitskomplex oder mindestens eine Unsicherheit. Auch bei Annika: «Es gibt Momente, bei denen ich mich auf der Bühne dann frage, what the fuck ich eigentlich damit meine, ob es Sinn ergibt und ob es nicht einfach Bullshit ist. Da kickt bei mir das Imposter-Syndrom.»
Kolladderall live: 12. April, Grabenhalle St.Gallen, gemeinsam mit Hatepop
grabenhalle.ch
Das erste Album Chaot*ina erscheint am 3. Mai. Plattentaufe ist am 10. Mai im Rümpeltum.
«Manches würde ich heute nicht mehr so texten», sagt Noe, «Zum Beispiel gibt es bei Gwaltfantasie eine Line, die ich unreflektiert geschrieben habe: ‹Ich erstich de Gölä, gang mit sinre Chatz uf Walliselle, chunt sie wiederhei, het sie chrummi Bei.›» Oder es gibt eine Stelle, in der sich Noe als Mann bezeichnet, der Scheisse auf seinem kleinen Schwanz hat. «Das ist mir inzwischen sehr unangenehm, auch weil ich mich nicht mehr als Mann identifiziere.» Um solches zu vermeiden, setzt Kolladdereall auf Feedbacks im Umfeld. «Wir wollen die richtigen Menschen hässig machen und nicht nach unten treten.»
«Ich fick deine Bitches» passt nicht mehr
Jade nahm in ihren Anfängen Rap-Texte nicht ernst, alles war ironisch. «Ich nahm Rap-Klischees auf die Schippe. Während meiner Transition war das plötzlich schwierig. Ich begann über Dinge zu rappen, die ich tatsächlich fühlte.» Die alten Texte waren aber nach wie vor da und Jade hatte Mühe einzuordnen, was jetzt noch zu ihr gehört. Auch wenn Lines wie «Ich fick deine Bitches», immer schon eine Parodie waren, sagt Jade: «Ich will, dass wir richtig verstanden werden.»
«Du bist verantwortlich für deine Crowd», sagt Noe. «Dinge können noch so ironisch gemeint sein, wenn du dann ein toxisches Publikum hast, musst du diese Themen anders angehen. Vor diesem Problem steht beispielsweise ein Jule X, da sind die Konzerte einfach unangenehm.» Doch Jade betont: «An diesem Punkt sind wir nicht. Unsere Crowd ist super.»
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?