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Mumins!

Immunium® Akut #3: Christine Fischers «Gesellschaft von lebendig Gebliebenen». Statt zu Mumien zu Mumins zu werden. Nicht abwehrend, sondern gewahrend.
Von  Gastbeitrag

Viele von uns haben sie noch vor Augen, aus Bilderbüchern, als Comics, als Aufdrucke auf Kindertassen, auf T-Shirts: die Mumins. Die finnlandschwedische Schriftstellerin Tove Jansson hat diese sympathischen, nilpferdartigen Trollwesen erfunden. Soeben sind sie mir in den Sinn gekommen, als Parallele. Sie leben im idyllischen Mumintal irgendwo in Finnland. Wir leben als aktuell eingemummelte, maskierte und verbarrikadierte Menschenwesen im Steinachtal, irgendwo auf diesem Planeten.

Eine Gesellschaft von Mumins – das stelle ich mir hübsch vor. Herausfordernd hübsch. Man müsste sich neu kennenlernen. Alle Selbstverständlichkeit wäre verflogen, aber es wäre genügend Vertrauen und Neugier da, um sich in einer veränderten Welt miteinander zurechtzufinden und neu einzurichten. Jedoch eine Gesellschaft von Immunen!?!

Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad

Die Vorstellung einer Gesellschaft von Immunen erfüllt mich mit Horror. Ungefragt fliegen mir im Geiste Fernsehbilder von Übersee zu, Wahlkampfszenen, Grabenkämpfe. Immun werden im Kampf gegen das Virus? Um Himmels Willen! Zu einer Gesellschaft von Dauermaskierten mutieren?

Alle Sinne wären unter Maskenpflicht. Nicht nur Mund und Nase, auch Augenklappen würden einem verpasst, Ohrenstöpsel, Brustpanzer, Atemfilter. Alle Körperöffnungen würden zugestöpselt, das Herz in einen Sack gestopft und zugeschnürt. Die Lunge in eine Kapsel geschlossen, der Unterleib geschützt durch einen Keuschheitsgürtel, die Beine zu einem Fischschwanz zusammengewachsen, die Arme zu Flossen verstümmelt. Der Kopf helmbewehrt. Die Haut imprägniert. Wir wären nicht bloss Immune, wir wären zu wandelnden Mumien geworden. Unsterbliche Immumien.

Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.

Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.

Das Antidot: Blicke, die springen, reden, lachen, weinen, zwinkern. «Wie sich Verletzlichkeit in der Augenpartie jetzt zeigt», sagt Andrea G.. Stimmen, welche das Schutzvlies überwinden, ein wenig verorgelt, aber immerhin. Die Stimmorgeln grüssen, witzeln, spotten, seufzen, erklären, kichern, glucksen, sprudeln, donnern. Immer noch. Erst recht!

Körper, die über die Distanz Nähe wagen, Respekt zollen, Bereitschaft ausdrücken, Scheu, Mut, Widerstand, Genuss. Atemzüge, die tief gehen, Gerüche einsaugen, Düfte hineintragen, Kaffee, Parfum, Curry, Caramel, Zimt. Köpfe, welche Haartrachten, Mützen und Hüte transzendieren, gefüllt mit listigen Gedanken, mit Wohlwollen, mit Kummer, mit Projekten, mit Gleichmut, mit Revolte.

Eine Gesellschaft von lebendig Gebliebenen – ja, das wünsch’ ich mir und heisse mich, mitzuwirken. Statt einer Mumie eine Mumin zu werden. Nicht unempfänglich, sondern antastbar. Nicht abwehrend, sondern gewahrend.

Wie sagt es doch Peter Rühmkorf: «Bleib erschütterbar und widersteh!» Wann, wenn nicht jetzt gilt dieser Aufruf. So schwierig auch das neue Jahr werden mag: Keine Immumien sollen in den Zügen sitzen, in den Amtssesseln und auf den Wohnzimmersofas, auch keine unsterblichen Immortellen, keine unbefleckten Immakulaten, sondern immunhumane Menschenmumins.

Christine Fischer, 1952, ist Schriftstellerin in St.Gallen. Zuletzt erschien 2019 Im Mai. Am Montag, eine Sammlung von Kurztexten.

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Mari,  

wunderbar inspirierend und ermutigend in dieser doch eher bedrückten Zeit - und wunderbar lautmalerisch dazu - grossartig!

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