«Ich muss zugeben: Wer mich zum ersten Mal trifft, hält mich für idiotisch. Absolut idiotisch.» Stockende Rede, ungeschickte Bewegungen, kuriose Reaktionen – aber zugleich Doktor der Philosophie, Absolvent der Eliteschule Institut d’études politiques in Paris, gefragter Autor und Redner: Wie das zusammengeht, schildert Josef Schovanec im Buch Durch den Wind. Savant und Autist, und darüber spricht er heute abend in St.Gallen.
Sternenkunde statt Schuhe binden
Autismus ist ein so viel diskutierter wie unscharfer Begriff. Am treffendsten dürfte die Definition als «Ambivalenzstörung» sein: Zwischen dem Autisten und der Umwelt funktioniert die Kommunikation nicht so wie bei Nicht-Autisten. Die Folge: Sie verschliessen sich in ihr «inneres Gefängnis» – ein Begriff, den Schovanec allerdings ebenso fragwürdig findet wie alle einschränkenden Definitionen von Autismus.
Aus den Debatten über Autismus – etwa der Grundsatzfrage: angeboren oder frühkindliche Traumatisierung? – hält sich der Autor weitgehend heraus. Die Ursachen seines eigenen «Handicaps» kommen kaum zur Sprache, umso mehr jedoch die Tücken des Alltags. Der Umgang mit Unvorhersehbarem gilt als eine der Hauptschwierigkeiten autistischer Menschen. Das kann harmlos sein: «Man will in der Bäckerei ein Baguette kaufen, aber es gibt keines mehr, und man muss sofort eine Alternative finden. Das ist sehr kompliziert.» Und es kann existentiell und dramatisch sein, wenn sich in Beziehungen unüberwindliche Hürden aufbauen. Mit entsprechenden sozialen Folgen.
Josef Schovanec: Durch den Wind. Savant und Autist, sphères Verlag Zürich 2015, Fr. 22.80
Josef Schovanec im Gespräch mit Übersetzer Gerhard Protschka, Lesung mit Suramira Vos: 2. Mai, 20 Uhr, Militärkantine St.Gallen
Schovanec, Jahrgang 1981, Franzose mit tschechischen Wurzeln, ist ein drastisches Beispiel dafür: Bis er achtjährig ist, spricht er kaum, interessiert sich aber zum Beispiel brennend für Sternennamen. In der Schule ist er der Aussenseiter, wird gemobbt und geschlagen, stösst (ausser bei seinen Eltern) überall auf Unverständnis. Die herrschende Pädagogik sei überfordert, «wenn ein Kind nicht mit einem Reifen spielen oder seine Schuhe binden kann, aber sich leidenschaftlich für Differenzialrechnungen interessiert».
Normalität ausserhalb der Norm
Ob Ballspiele oder Bibliotheken, Gespräche, Einkäufe, ein Händedruck oder eine Stellenbewerbung: Alles ist mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden. Dafür lernt Schovanec spielend Sprachen und überflügelt in Mathematik schon bald seine Lehrer. Bis zum Hochschulstudium dauert die Leidenszeit an; psychiatrische Behandlungen, Medikamente («meine Toxikomanie» nennt es der Autor), Ausgrenzungen, Demütigungen sind für ihn Alltag.
Dagegen schreibt Schovanec an – sein Buch ist ein Plädoyer für einen erweiterten Begriff von Normalität, gegen die «dramatische Unkenntnis» der Gesellschaft in Bezug auf Autismus und für das Recht des Autisten auf sein Anderssein. In einem Interview ergänzt er, dass Behinderung in diesem Sinn weniger «heilig» und vielmehr «normal» werden müsse, dass man auch Menschen mit einem Handicap kritisieren dürfen müsste.
In Schovanec’ anekdotenreichem Buch tut sich eine faszinierende Welt auf: der Blick in ein besonderes Land – Autistan kann es heissen, Samarkand oder auch, mit einem in Frankreich geläufigen Fantasienamen, «Poldévie orientale», Ostpoldavien.
Anja Wein lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.