Das Tal der Demut macht seinem Namen alle Ehre: Die dortige Fussballwiese neben dem GBS-Schulhaus ist noch tief vom langen Winter. An den schattigsten Ecken im eh schon düsteren Tal konnte man Anfang Woche frischen April-Schnee finden. Trotzdem dürfte hier, in der Keimzelle der Alternativen Fussball Liga St.Gallen (AFLSG), dieser Tage der Ball rollen: Die Liga startet in ihre dritte Saison, auf verschiedensten Plätzen in und um St.Gallen.
Was im Frühling 2013 als rasch umgesetzte Bieridee mit 16 Teams startete, hat sich mittlerweile in St.Galler Hobbykicker-Kreisen etabliert. 21 Teams kämpfen in drei Gruppen à 7 Teams um den inoffiziellen Meistertitel: Der Gruppensieg in der Brodworscht-League. So heisst die oberste Spielklasse. Zwischen den drei Gruppen wird munter gewechselt: Am Ende der Saison steigen jeweils die ersten zwei Teams auf, die letzten zwei ab.
Hinter der Brodworscht-League folgt die St.Guellenleague, die dritte Stärkeklasse schliesslich heisst UI-Cup. Mit gutem Grund erinnert sich heute kaum noch jemand an diesen Wettbewerb des europäischen Klubfussballs, der 2009 abgeschafft wurde. «Wir vermissen den UI-Cup und wollen ihm so die Ehre erweisen», sagt ein ranghoher AFLSG-Funktionär zur nostalgischen Namensgebung.
Keine Schiris funktioniert (fast) immer
Dieses Augenzwinkern passt zur Liga: Ihr oberstes Ziel ist und bleibt der Spass am Fussball, ohne die manchmal einengenden Verpflichtungen im Klubfussball. Wobei: Gewinnnen wollen auch bei den Alternativen Tschuttern alle, selbst wenns in der Liga um die goldene Ananas geht. Der Einsatz ist immer Vollgas, nichts weniger. Umkämpfte Spiele sind eher die Regel als die Ausnahme.
Das funktioniert seit drei Jahren erstaunlich gut ohne Schiedsrichter. «Es gab einige wenige, hitzige Spiele, bei denen im Verlauf des Matches ad-hoc ein Schiri aus dem Publikum gestellt werden musste», sagt der Liga-Funktionär. Trotzdem wolle man am Prinzip der Selbstregulierung festhalten. Das Geschehen auf dem Platz wird also mittels «Gentlemen-Offside» und gegenseitiger Fairness geregelt. Man gibt es sich hart, aber korrekt.
Seit Jahren spielen etablierte Alternativ-Ligen wie etwa jene in Zürich, Basel oder Bern mit Schiris und Linienrichtern. «Für uns ist das im Moment nichts. Auch, weil damit der administrative Aufwand für alle Teams zunehmen würde», sagt der Funktionär. Das Prinzip der AFLSG sei eben auch, niederschwellig zu sein. So gibt es sogar einige Teams, in denen vereinzelt Frauen mitspielen. Wobei sich die Liga wünscht, dass es noch mehr wären.
Revolutionäres Regelwerk der Anarchisten
Die Mutter der Schweizer Alternativ-Fussballligen ist jene in Zürich, die 1976 von der damals sehr aktiven ausserparlamentarischen Opposition gegründet wurde. Anarchisten, Armeegegner und Mitglieder der Revolutionären Aufbauorganisation Zürich (RAZ) waren unter anderem dabei.
Obwohl die AFLSG heute grundsätzlich unpolitisch ist, gibt es interessante Parallelen zu den linksradikalen Zürchern der 70er-Jahre: Diese wollten «die linken Ideale vom Politpodium auf den Fussballplatz» transportieren, wie es in einem lesenswerten Artikel zur Liga-Geschichte heisst. Also erliess der Ligaverband FSFV (Fortschrittlicher Schweizerischer Fussball Verband) ein eigenes Regelwerk. In diesem wurden nicht nur die Schiedsrichter, sondern gleich auch Ranglisten, einheitliche Trikots und sogar Fussballschuhe abgeschafft.
Wie ernst es die Linken mit gesellschaftlicher Veränderung in allen Bereichen meinten, zeigt auch das Streikrecht, das in der FSFV-Liga galt: Wenn ein Spieler das Gefühlt hatte, es werde unsportlich gespielt oder die Fairness werde einem Sieg um jeden Preis geopfert, konnte er eine Unterbrechung des Spiels und Diskussion verlangen.
St.Galler Delegation reist nach Berlin
Davon ist die AFLSG weit entfernt. Man gibt sich pragmatisch und versucht, eine gute und faire Stimmung auch durch Aktivitäten neben dem Platz zu fördern: So soll am 9. Mai in der Tankstell ein Liga-Fest (natürlich inklusive Töggelen) steigen. Und dass das Heimteam die Gäste nach einem Spiel mit mindestens Bier und optional Wurst bewirtet, hat sich mittlerweile eingebürgert.
Im Juli wird die AFLSG zudem international tätig: Sie wird eine Delegation an die 10. Alternative Europameisterschaft nach Berlin entsenden. Dort wird man sich mit Teams aus ganz Europa – darunter auch die Berner, Basler und Zürcher Kollegen – messen.
alternativeflsg.ch
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.