Man munkelt, dass ein Investor kommt! Vielleicht ist er schon da. Mitten unter uns! Den Bürgersleut‘ rutscht das Herz in die Hose. Was tun mit den Alltagsgefälligkeiten, die das Leben so angenehm machen? Wird er enttäuscht von dannen ziehen, wenn er entdeckt, dass wir, die wir so gerne gross wären, kleinliche, korrupte Provinzleute sind, die fern der massgebenden Metropolen, ausser schlechten Gewohnheiten, keine wirklichen Talente besitzen? Wird er dem Schneid der ungeliebten Geschäftspartner auf den Leim gehen und nicht merken, dass wir doch selbst allesamt kleine Fürsten sind, die nur wegen den Unzulänglichkeiten des verlumpten Fussvolks nicht unsere wahre Grösse und investitionswürdige Pracht entfalten können?
Die Leinen kurz!
Was wir brauchen, ist Fassade. Die Polizei soll kräftig durchfegen, die Lumpen von den öffentlichen Plätzen entfernen, die Kneipen frühzeitig schliessen, die genussfreudigen Faulen aus ihrem unseligen Dauerschlaf reissen und auf den Bügel karren. Dies ist unsere Gelegenheit, die Leinen kurz zu halten, das Fuhrwerk endlich in Bewegung zu versetzen und vom Kutschbock herab zu glänzen, mit dem Geisselzwick zu knallen, da ein kleiner Klapf über dem Kopf der Leute am eindringlichsten symbolisiert, wie ernst es ist mit unserer höheren Berufung.
Vor fast zweihundert Jahren beschrieb Nikolaj Gogol eine solche Situation, nur dass der erwartete Investor ein Revisor war, der Handlungsort eine Provinzstadt in Russland, und statt der heutigen neoliberalen Hegemonie das Zarentum und dessen Wurmfortsätze in die Käffer vorherrschend war. Die Uraufführung 1836 war im Auge des Schriftstellers ein Desaster: die Zuschauenden lachten sich zur Hälfte kaputt, die anderen empörten sich. Zar Nikolaj I. selbst gratulierte dem Autor, fühlte sich angesprochen und genehmigte selbstironisch, das Stück zu spielen. Die mikroskopisch-genaue Machtkritik hielt dem Zaren einen Spiegel vor, was dieser goutierte – und zum Anlass nahm, nichts wirklich zu verändern.
Gogol hatte jedoch mit seinem Revisor nie die Absicht, ein Vaudeville oder eine Farce zu verfassen. Das Projekt war für ihn mit der karikierenden Inszenierung und dem allgemeinen Amusement gescheitert. Der einzige Kritiker, den er fürchtete, nämlich sich selbst, konnte er nicht überzeugen, wie er in einem Brief an einen Freund bemerkte.
Dinge geschehen, weil man sie lässt
Der Autor gedachte, alles Schlechte im Menschen in diesem einen Stück zu versammeln. Keine der Figuren ist ohne Tadel; Stapi Dmuchanowskij ist machtgeil, die Stapo gewalttätig, Postmeister Schpekin spioniert und die Kaufleute sind intrigant. Und: Entgegen der klassischen Tragödie, welche hin zu einer reinigenden Auflösung, der Katharsis führt, hinterlässt Gogol sein Publikum ratlos.
Der vermeintliche Revisor Chlestakow, tatsächlich ein Spieler und Hochstapler, hat sich zwar, nachdem er sich vom ganzen Städtchen hofieren liess, hunderte Rubel geborgt und gar die Tochter des Stapis zur Frau versprochen bekommen hat, mit seinem Bediensteten Ossip unter Vorwänden tunlichst aus dem Staub gemacht, dies selbstredend mit der besten und schnellsten Droschke, die man ihm organisieren konnte. Der Postmeister entdeckt den Betrug, da er Chlestakows Briefe wie alle anderen zuerst selbst liest, bevor er sie verschickt, und gesteht seinen Mitbürger*innen die peinliche Tatsache. Doch die Bürgersleut haben kaum Zeit, ob ihrer eigenen Dummheit zu erschrecken, da trifft auch schon die Nachricht ein, der (wirkliche) Revisor sei soeben aus Petersburg eingetroffen und im Gasthaus abgestiegen.
Dies ist weder als Reinigung noch als Happy-End zu verstehen, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der wirkliche Revisor weniger bestechlich sein könnte als dessen falsches Pendant. Gogols Pointe ist sicherlich ironisch, aber nicht ohne tieferen Gehalt: Geht man einer falschen Politik auf den Leim, hilft weder Schutzengel noch die kontemplative Selbstreflexion eines Ödipus auf Kolonos, denn es gibt schlicht keine Katharsis. Politisch-ökonomische Programme haben Konsequenzen – einer der Gründe, warum man sie materialistisch lesen sollte statt religiös. So kann man auch dem späten Heidegger antworten: Kein Gott wird uns mehr helfen: Dinge geschehen, wenn und weil man sie lässt.
Korruption, hier und jetzt
Gogols Stoff hat es in sich. Er erlaubt, gänzlich ohne eine irgendwie geartete Form von Othering, das Korrupte als Kategorie des Alltags wahrzunehmen, als etwas, das weit vorher beginnt, als Gesetze dies vermuten liessen. Jenseits der Konstruktion eines chaotischen, bösen Aussens, welche Gogol in anderen Schriften durchaus unternimmt, lässt der Revisor Korruption im Hier und Jetzt verorten, zumeist beginnend mit habituellen Gesten, und den darauf folgenden treudoofen Reaktionen: «Wichtige Leute verhalten sich so!», oder: «Heute macht man das so!», was dann als Politik der «Alternativlosigkeit» ihr Unwesen treibt.
Der Plot dreht sich zwar um den falschen Investor, dessen Betrug ist aber nicht die eigentliche Pointe, sondern das Rohmaterial. Die wahre Protagonistin ist die Gesellschaft, die lieber vorauseilend glaubt als (selbst-)kritisch fragt. Und diese inszeniert Gogol mehrfach: Zum einen stellt er einen Querschnitt einer beliebigen Gesellschaft auf die Bühne, zum anderen spielt das Publikum einen wichtigen Teil des Stücks selbst, und schliesslich ist es das gesellschaftliche Theater ausserhalb des Theaters, das dem Stück den realpolitisch zeitlosen Unterbau verleiht. Eine solche Inszenierung ist dann auch tatsächlich lustig – auf diversen Ebenen.
Aufgeführt wird Gogol’s Revisor noch bis 28. August im Wasserschloss Hagenwil, eine Besprechung der Inszenierung von Florian Rexer gibt es hier, Szenenbild oben: Sascha Erni.
Den Text gibt es als Reclam für ca. 7.50Sfr mit Materialien und Nachwort von Bodo Zelinsky.
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