Kategorie
Autor:innen
Jahr

Politisches kennt keine Katharsis

Gogol's «Revisor» ist guter Stoff. Im Schloss Hagenwil wird das Stück zur Zeit gespielt. Hier ein Vorschlag zu einer zeitgemässen Lesart: als Appell zur (Re-)Politisierung unserer individuellen Verantwortung.
Von  Michael Felix Grieder

Man munkelt, dass ein Investor kommt! Vielleicht ist er schon da. Mitten unter uns! Den Bürgersleut‘ rutscht das Herz in die Hose. Was tun mit den Alltagsgefälligkeiten, die das Leben so angenehm machen? Wird er enttäuscht von dannen ziehen, wenn er entdeckt, dass wir, die wir so gerne gross wären, kleinliche, korrupte Provinzleute sind, die fern der massgebenden Metropolen, ausser schlechten Gewohnheiten, keine wirklichen Talente besitzen? Wird er dem Schneid der ungeliebten Geschäftspartner auf den Leim gehen und nicht merken, dass wir doch selbst allesamt kleine Fürsten sind, die nur wegen den Unzulänglichkeiten des verlumpten Fussvolks nicht unsere wahre Grösse und investitionswürdige Pracht entfalten können?

Die Leinen kurz!

Was wir brauchen, ist Fassade. Die Polizei soll kräftig durchfegen, die Lumpen von den öffentlichen Plätzen entfernen, die Kneipen frühzeitig schliessen, die genussfreudigen Faulen aus ihrem unseligen Dauerschlaf reissen und auf den Bügel karren. Dies ist unsere Gelegenheit, die Leinen kurz zu halten, das Fuhrwerk endlich in Bewegung zu versetzen und vom Kutschbock herab zu glänzen, mit dem Geisselzwick zu knallen, da ein kleiner Klapf über dem Kopf der Leute am eindringlichsten symbolisiert, wie ernst es ist mit unserer höheren Berufung.

Vor fast zweihundert Jahren beschrieb Nikolaj Gogol eine solche Situation, nur dass der erwartete Investor ein Revisor war, der Handlungsort eine Provinzstadt in Russland, und statt der heutigen neoliberalen Hegemonie das Zarentum und dessen Wurmfortsätze in die Käffer vorherrschend war. Die Uraufführung 1836 war im Auge des Schriftstellers ein Desaster: die Zuschauenden lachten sich zur Hälfte kaputt, die anderen empörten sich. Zar Nikolaj I. selbst gratulierte dem Autor, fühlte sich angesprochen und genehmigte selbstironisch, das Stück zu spielen. Die mikroskopisch-genaue Machtkritik hielt dem Zaren einen Spiegel vor, was dieser goutierte – und zum Anlass nahm, nichts wirklich zu verändern.

The_Government_Inspector_by_Nikolai_Gogol

Gogol hatte jedoch mit seinem Revisor nie die Absicht, ein Vaudeville oder eine Farce zu verfassen. Das Projekt war für ihn mit der karikierenden Inszenierung und dem allgemeinen Amusement gescheitert. Der einzige Kritiker, den er fürchtete, nämlich sich selbst, konnte er nicht überzeugen, wie er in einem Brief an einen Freund bemerkte.

Dinge geschehen, weil man sie lässt

Der Autor gedachte, alles Schlechte im Menschen in diesem einen Stück zu versammeln. Keine der Figuren ist ohne Tadel; Stapi Dmuchanowskij ist machtgeil, die Stapo gewalttätig, Postmeister Schpekin spioniert und die Kaufleute sind intrigant. Und: Entgegen der klassischen Tragödie, welche hin zu einer reinigenden Auflösung, der Katharsis führt, hinterlässt Gogol sein Publikum ratlos.

Der vermeintliche Revisor Chlestakow, tatsächlich ein Spieler und Hochstapler, hat sich zwar, nachdem er sich vom ganzen Städtchen hofieren liess, hunderte Rubel geborgt und gar die Tochter des Stapis zur Frau versprochen bekommen hat, mit seinem Bediensteten Ossip unter Vorwänden tunlichst aus dem Staub gemacht, dies selbstredend mit der besten und schnellsten Droschke, die man ihm organisieren konnte. Der Postmeister entdeckt den Betrug, da er Chlestakows Briefe wie alle anderen zuerst selbst liest, bevor er sie verschickt, und gesteht seinen Mitbürger*innen die peinliche Tatsache. Doch die Bürgersleut haben kaum Zeit, ob ihrer eigenen Dummheit zu erschrecken, da trifft auch schon die Nachricht ein, der (wirkliche) Revisor sei soeben aus Petersburg eingetroffen und im Gasthaus abgestiegen.

Dies ist weder als Reinigung noch als Happy-End zu verstehen, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der wirkliche Revisor weniger bestechlich sein könnte als dessen falsches Pendant. Gogols Pointe ist sicherlich ironisch, aber nicht ohne tieferen Gehalt: Geht man einer falschen Politik auf den Leim, hilft weder Schutzengel noch die kontemplative Selbstreflexion eines Ödipus auf Kolonos, denn es gibt schlicht keine Katharsis. Politisch-ökonomische Programme haben Konsequenzen – einer der Gründe, warum man sie materialistisch lesen sollte statt religiös. So kann man auch dem späten Heidegger antworten: Kein Gott wird uns mehr helfen: Dinge geschehen, wenn und weil man sie lässt.

Korruption, hier und jetzt

Gogols Stoff hat es in sich. Er erlaubt, gänzlich ohne eine irgendwie geartete Form von Othering, das Korrupte als Kategorie des Alltags wahrzunehmen, als etwas, das weit vorher beginnt, als Gesetze dies vermuten liessen. Jenseits der Konstruktion eines chaotischen, bösen Aussens, welche Gogol in anderen Schriften durchaus unternimmt, lässt der Revisor Korruption im Hier und Jetzt verorten, zumeist beginnend mit habituellen Gesten, und den darauf folgenden treudoofen Reaktionen: «Wichtige Leute verhalten sich so!», oder: «Heute macht man das so!», was dann als Politik der «Alternativlosigkeit» ihr Unwesen treibt.

revisor1

Der Plot dreht sich zwar um den falschen Investor, dessen Betrug ist aber nicht die eigentliche Pointe, sondern das Rohmaterial. Die wahre Protagonistin ist die Gesellschaft, die lieber vorauseilend glaubt als (selbst-)kritisch fragt. Und diese inszeniert Gogol mehrfach: Zum einen stellt er einen Querschnitt einer beliebigen Gesellschaft auf die Bühne, zum anderen spielt das Publikum einen wichtigen Teil des Stücks selbst, und schliesslich ist es das gesellschaftliche Theater ausserhalb des Theaters, das dem Stück den realpolitisch zeitlosen Unterbau verleiht. Eine solche Inszenierung ist dann auch tatsächlich lustig – auf diversen Ebenen.

Aufgeführt wird Gogol’s Revisor noch bis 28. August im Wasserschloss Hagenwil, eine Besprechung der Inszenierung von Florian Rexer gibt es hier, Szenenbild oben: Sascha Erni.

Den Text gibt es als Reclam für ca. 7.50Sfr mit Materialien und Nachwort von Bodo Zelinsky.

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01