Nach Zürich, Bern, Winterthur und dem Kanton Graubünden erscheint in der Edition Hochparterre ein Buch über die Architektur der letzten 20 Jahre in St.Gallen. Herausgeber sind Werner Huber, Redaktor bei Hochparterre, und René Hornung vom Pressebüro St.Gallen. Dessen Kenntnisse erlauben einen intimen Blick auf eine Stadt, die in ihrer Geschichte immer wieder unterschiedliche Schübe erlebt hat, was sich auch in ihren Gebäuden manifestierte. Die Fotos hat der St.Galler Fotograf Jean-Claude Jossen geschossen – betont alltäglich und unspektakulär.
Schmuckstücke und Trouvaillen
Die Bildsprache passt gut zur ebenfalls zurückhaltenden Architektur. Aber auch zum ewigen Komplex, fernab der Schweiz zu liegen: Einmal mehr wird St.Gallen in der Einleitung als die Stadt «hinter Winterthur» bezeichnet – dabei muss sie sich gewiss nicht verstecken. Insbesondere die öffentliche Hand hat mit bedeutenden Wettbewerben Gebäude erstellt, die weit über die Region hinaus strahlen. Das Ziel dieses Buches ist es, die «Schmuckstücke vorzustellen» unter den Neubauten der letzten zwanzig Jahre. 59 sind es insgesamt. Darüber hinaus wirft der Führer einen Blick zurück auf bedeutende Bauten der letzten hundert Jahre. Auch dort sind es die eher unbekannten Trouvaillen – die Perlen aus dem Jugendstil sind gemäss den Herausgebern bereits zur Genüge dokumentiert.
Als Führer für Spaziergänge versteht sich das Buch. Dafür wurde die Stadt in fünf Gebiete gegliedert: Zentrum, Ost, West und die beiden Hänge. So kann man die einzelnen Gebiete «von Haus zu Haus» erwandern, die Haltestellen des öffentlichen Verkehrs sind ebenfalls angegeben. Dank einer passenden App sind die Informationen auch für digitale Geräte erhältlich.
Erwartbares und Unvermutetes
Pfarreisaal St.Georgen
Was gibt es bei den Stadtspaziergängen zu entdecken? Im Zentrum sind es sicher das Haus an der Schwertgasse, das eine ewige Baulücke füllt, oder die Diözesane Musikschule hinter dem Gallusplatz. Daneben finden sich aber auch Gebäude, die man kaum in diesem Führer vermutet hätte: das Bürogebäude an der Davidstrasse oder die Überbauung Webersbleiche. Lohnen sie wirklich einen genaueren Blick? An solchen Beispielen scheiden sich die Geister – und die Beschreibungen im Führer sind so nüchtern, dass sie kaum Aufschluss darüber geben.
Am Rosenberg und in Rotmonten ist für Kenner der Stadt kaum Überraschendes zu finden – ausser der Feststellung, dass interessante Wohnbauten eher auf dem Gebiet von Bernegghang, Riethüsli und St. Georgen entstehen. Eine Erklärung hierfür liefert der fundierte Essay von Peter Röllin, der dem Buch vorangestellt ist. Die Zonenpläne von Rosenberg und Freudenberg unterscheiden sich fundamental: Der Sonnenhang kann nicht so dicht verbaut werden, was Experimente kaum mehr möglich macht.
Lob für die 60er- und 70er-Jahre
Der Kultur- und Kunstwissenschaftler Röllin, intimer Kenner der Geschichte und Gegenwart der Stadt, beleuchtet die Planungen der 1990er-Jahre, die als Basis für die Entwicklung der Stadt dienen, nennt aber auch Landschaft und Steuerflucht in die umliegenden Gemeinden als treibende Kräfte – und windet den Siedlungen der 1960er- und 1970er- Jahre und ihren Protagonisten ein Kränzchen. Namen wie Ernest Brantschen, Otto Glaus, Heinrich Graf sind Fachleuten aus der Region ein Begriff; hier bekommen sie ihre fällige Würdigung in breiteren Kreisen.
Und noch etwas macht den Essay von Röllin lesenswert: Er greift auch die schwierige politische Diskussion der Gegenwart auf. Die Bevölkerung kann der Entwicklung der Stadt nicht folgen. «St.Gallen zeigt trotz früherer beispielhafter Teststudien politische Umsetzungsschwierigkeiten in der Erreichung städtebaulicher Qualität.» Ein wertvoller Aufsatz, der hilft, die bauliche Entwicklung zu verstehen.
Dynamisches und Misslungenes
Bundesverwaltungsgericht
Der Blick in den Westen nach Lachen und Winkeln zeigt die wohl dynamischste Region der Stadt. Daraus ragen klar heraus: das Bundesverwaltungsgericht und gleich vier umgebaute Schulhäuser. Hier tut sich etwas. Doch weshalb erscheint ostwärts die Siedlung Birnbäumen ebenfalls in diesem Führer? Die Beschreibung ist wiederum nüchtern, distanziert. Und das bei einer Siedlung, die vom Journalisten Gerhard Mack treffend als «stadtplanerisches Unglück mit Seeblick» bezeichnet wurde. Dies ist man sich von Hochparterre nicht gewöhnt, das sonst mit grossem Vergnügen den Finger auf wunde Punkte legt. «Wir haben einige Beispiele in das Buch aufgenommen, die aufgrund ihrer Entstehung oder ihrer schieren Grösse wegen von Bedeutung sind – selbst wenn das Resultat nicht immer überzeugt», erklärt René Hornung die Auswahl.
Da muss man sich wohl ein eigenes Bild machen. Der «Führer zur zeitgenössischen Architektur» bietet eine kluge und interessante Auswahl von Gebäuden in der Stadt – das Urteil über deren Qualität bleibt glücklicherweise noch immer dem Betrachter überlassen.
Hornung, Huber, Jossen: St.Gallen baut. Ein Führer zur zeitgenössischen Architektur. Edition Hochparterre Zürich 2014, Fr. 35.– iApp mit rund 500 Fotos und Plänen: Fr. 7.–
Bilder: Jean-Claude Jossen
Buchvernissage: Donnerstag, 2. Oktober, 18.30 Uhr, Militärkantine St.Gallen.
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