Es beginnt mit «Bullenschweinen» und hört, wunderbarer Dreh, mit einem ganz speziellen «Bullenschwein» auf. Von versöhnlichem Schluss zu sprechen, wäre zu viel gesagt, weil auf die «Stuhlbeinfraktion» der Antifa-Strassenkämpfer noch immer viel Arbeit wartet. Aber trotzdem herrscht ein Hauch Vorstadtidylle, wo Slime-Sänger Dirk Jora demnächst inmitten «zu vieler HSV-Flaggen» eine St.Pauli-Fahne hochziehen wird. Man hat ihn und die anderen Typen im Verlauf der Lektüre von Daniel Rysers Slime-Buch Deutschland muss sterben richtig lieb gewonnen, ihre Haltungen und Handlungen klar begriffen. Und ist echt begeistert von einem Buch, von dem man zunächst dachte: Nein, nicht noch eine Punk-Geschichtsschreibung, ach, das ist doch mittlerweile bis ins letzte Klo im hintersten Proberaum ausgeleuchtet.
Falsch gedacht: Schon der Titel mit rotem Stern und die Punk-Protest-Politik-Ansage stellen klar, dass es hier um weit mehr geht als um eine Bandbiografie und Musikerzählung, nämlich um Zeitgeschichte und um radikale Wider- standsformen. Am Beispiel jener Hamburger Band, die ihren wütenden Songs gegen Alt- und Neonazis, gewalttätige Polizisten, Spiesser und Spekulanten oft genug handfeste Taten auf der Strasse folgen liess: Slime, die Parolenbrüller des politischen Punkrock, entstanden in den Nachwehen des «Deut- schen Herbstes», als in der BRD ein Klima aus Panik und Paranoia herrschte und immer mehr Punks nach rechts abdrifteten.
In einer Reihe mit Heine
Wer Slime nicht auf dem Radar hatte, merkt schnell: Die Band wird ebenso unterschätzt wie missverstanden. Immerhin – das Bundesverfassungsgericht tat das nicht, als es im Jahr 2000 den berühmtesten Protestsong der Band, «Deutschland muss sterben», als «Kunst im Sinne des Grundrechts» anerkannte und ihn in seiner bitteren Anklage gegen «bedrohliche Lebensumstände» mit Heines Gedicht «Die schlesischen Weber» von 1844 verglich. Wie die proletarischen Slime 1981 die Zeile eines faschistischen Kriegerdenkmals in Hamburg («Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen») umdeuteten (eben in «Deutschland muss sterben, damit wir leben können»), hätten intellektuellere Künstler nicht besser hingekriegt, und es erklärt ihren Stellenwert als «Ton, Steine, Scherben für eine neue Generation». Und natürlich liefern sie den Soundtrack im Millerntor, dem Stadion von St.Pauli, dem auch dank Slime-Leuten ers- ten antirassistisch und links «gedrehten» Fussballclub Deutschlands –Ausgangspunkt für Daniel Rysers Buch, nachdem er 2010 für die «Woz» eine grossartige Reportage über den Verein geschrieben hatte. «Es waren harte Zei- ten mit harten Auseinandersetzungen mit dem Staat», fasst Slime-Sänger Dirk Jora die Jahre blutiger Strassenschlachten um besetzte Häu- ser oder Atomkraftwerke zusammen, in Zeiten einer regelrechten «Jagd auf alles Andersartige» (Schorsch Kamerun). Als Punkrocker mit WG an der Hafenstrasse und «Shouter, Agitator» wusste er sich zu wehren, die Band wurde zu einer «wichtigen Gegenstimme zu den Vor- gängen im damaligen Deutschland», wie FM Einheit von Abwärts sagt – nur einer von vielen kritischen Fürsprechern von Slime, die der Au- tor in den Zeitzeugenstand ruft: nebst Punk-Mitstreitern wie Campino oder Rocko Schamoni auch der Hip-Hopper Jan Delay und der Techno-Anarchist Alec Em- pire, der mit «Deutschland (Has Gotta Die)» unter direktem Bezug auf Slime gegen Techno-Nazis anstürmte.
Pflichtlektüre für Streetfighter
Ryser misst in seinem Bericht mit der Street-Credibility-Elle, ohne seine Protagonisten zu Helden zu verklären, und er schlägt sich durchs Dickicht der teils zerstrittenen Szenefraktionen, ohne seine Informanten blosszustellen. Es bleibt nicht beim Erinnerungstrip, wenn man den NSU-Skandal und Hunderte untergetauchte Rechtsextreme in Deutschland mitdenkt, oder auch die Antifa-Demo gegen die Europäische Aktion in Diepoldsau, wo am Ende nicht rechte Glatzen, sondern Antifa-Linke vor den Gerichten landeten. Dirk Jora meinte dazu auf dem ZDF-Sofa der Leipziger Buchmesse: «Mein Verhältnis zur Polizei hat sich nicht geändert, weil sich die Polizei nicht geändert hat.»
Slime touren derzeit mit dem neuen Album Sich fügen heisst lügen, das Texte des Revolutionärs Erich Mühsam vertont. In Winterthur wollten das, verbunden mit einem St.Pauli-Gastspiel, letztes Jahr immerhin 800 Leute hören. Derweil Campino und seine Toten Hosen nach dem Open-Air St.Gallen nun in der AFG Arena spielen. Wie auch immer, auch sie zollen Slime Respekt und stehen auf, wenn es gegen Fremdenhass geht. Pflichtlektüre für Streetfighter und poli- tisch aktive Musikfans, aber auch für Stubenhocker; eigentlich für alle, die eine zeitgenössische Reportage lesen und es sich nicht zu einfach machen wollen. Um es mit Slime zu sagen: Nazis raus!
Daniel Ryser: Slime – Deutschland muss sterben. heyne-hardcore, München, 2013. Fr. 29.90.
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«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
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«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
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