Zur Plenarkonferenz traf sich die Ostschweizer Regierungskonferenz ORK in bester Höhenlage: auf der Schwägalp. Dort gibt es ein tolles neues Hotel, aber für die Region sind die Perspektiven offensichtlich weniger toll. Im Bundesrat ist die Ostschweiz nicht vertreten, in der Medienlandschaft droht ihre Stimme unterzugehen, und der Bund will gleich vier Ostschweizer Zollstellen schliessen: Das wollen die Exekutiven der Kantone St.Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden, Glarus, Graubünden und Schaffhausen nicht hinnehmen.
«Grosse staatspolitische Verantwortung»
Was den Bundesrat betrifft, so erwartet die ORK schlicht, «dass die Ostschweiz aufgrund ihrer Grösse und Bedeutung bei der nächsten Vakanz zwingend berücksichtigt wird». Und zu den Plänen der NZZ, die überregionalen Ressorts von Neuer Luzerner Zeitung und St.Galler Tagblatt zusammenzulegen, äussern die Regierungen in einer ausführlichen Erklärung ihr «Bedauern». Die Neustrukturierung werde sich auf die Medienvielfalt in der Deutschschweiz auswirken.
Die ORK erwarte, dass die Stimmen aus den Ostschweizer Kantonen in den verschiedenen Tagblatt-Ausgaben weiterhin in allen Ressorts angemessen zur Geltung kommen, auch bei überregionalen und nationalen Themen. Zahlreiche Bundesthemen hätten nämlich einen spezifischen föderalen Bezug zu den Kantonen der Ostschweiz (z.B. aufgrund der Grenzlage). Bei solchen Themen müsse sich die Ostschweiz weiterhin medial deutlich Gehör verschaffen können. «Die Tagblatt-Medien mit ihrer ausgesprochen starken Stellung in den Kantonen St.Gallen, Thurgau und beiden Appenzell tragen diesbezüglich eine grosse staatspolitische Verantwortung. Mit ihrer dominanten Stellung haben die Tagblatt-Medien auch eine zentrale Rolle als Sprachrohr der Ostschweiz in der übrigen Schweiz», schreibt die ORK. Daher dürfe es keinesfalls zu einem Abbau bei den Regionalredaktionen kommen, wie es die bisher eingeleiteten Restrukturierungsmassnahmen befürchten liessen.
Der neue Chef soll Präsenz markieren
Bei allgemeinen Erwägungen lassen es die Ostschweizer Regierungen aber nicht bewenden; sie geben dem NZZ-Managment in Zürich vielmehr handfeste Tipps. Mit der Einsetzung von Pascal Hollenstein als Leiter Publizistik (der am heutigen Donnerstag seinen ersten Arbeitstag in St.Gallen absolviert) geht aus Sicht der ORK die «direkte und permanente Führung der Tagblatt-Medien vor Ort in St.Gallen» verloren. Dieser Verlust müsse «durch eine möglichst grosse Präsenz des neuen Leiters in der Ostschweiz – auch in der Öffentlichkeit – abgefedert werden. Es soll und darf nicht der Eindruck erweckt werden, dass das wichtigste Ostschweizer Medienhaus aus Zürich oder Luzern geführt wird.»
Die ORK erinnert die NZZ daran, dass die Perspektive der Ostschweiz bei vielen Bundesthemen aufgrund der geographischen Lage eine andere sei als die der Zentralschweiz. «In diesem Sinn sind auch die beiden, dem neuen Leiter Publizistik direkt unterstellten Redaktionsverantwortlichen in St.Gallen und Frauenfeld mit umfassenden Kompetenzen auszustatten.»
Bleibt abzuwarten, was das freisinnige Mutterhaus von solchen behördlichen Direktiven hält.
Wenn die Regierungen schon heisse Tipps geben, leisten wir uns hier eine Prognose: Die Regionalwelt wird nicht untergehen. Mit Blick auf die heutigen Ausgaben der beiden Zeitungen dürfte die Zukunft eher so aussehen, dass die jeweiligen Blattmacher weiterhin ihre eigenen Schwerpunkte setzen. Die Luzerner Zeitung macht heute die Selbsttötung einer Frau in Malters zum Frontaufmacher und Tagesthema. Das St.Galler Tagblatt hievt dagegen einmal mehr SVP-Regierungskandidatin Friedli zuoberst auf die Front. Innen- und Aussenpolitik kommen erst an zweiter oder dritter Stelle.
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