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Renditedenken verhindert nachhaltiges Bauen

An der Tagung des Vereins Altbauweise am ersten Januarwochenende in der St.Galler Lokremise kritisierten Katrin Eberhard und Werner Binotto die ökonomiegetriebene Bauwirtschaft.
Von  René Hornung
Sanieren und weiterbauen statt plattmachen und neubauen, ist das Motto der des Vereins «Altbauweise». Das geht auch mit Fenstern.

Aus der IG-Altbau ist Anfang Jahr der Verein Altbauweise St.Gallen/Appenzell geworden. 25 angeschlossene Unternehmen pflegen das Handwerk und verstehen sich als Profis fürs Renovieren und Weiterbauen. Sie wollen mit der Bausubstanz sorgfältig umgehen, das Weiterleben der Gebäude ermöglichen, denn angesichts der Klimakrise ist plattmachen und neubauen zum Problem geworden.

Der «Ersatzneubau» ist keine zukunftsfähige Lösung. Darauf haben vor allem die frühere stellvertretende St.Galler Stadtbaumeisterin, Katrin Eberhard, und der frühere St.Galler Kantonsbaumeister, Werner Binotto, an der Altbauweise-Tagung in der St.Galler Lokremise am vergangenen Wochenende hingewiesen.

500 Kilo Bauschutt pro Sekunde

Katrin Eberhard zeigte auf, wie wichtig das gebaute Umfeld als Teil der Identität eines Ortes ist. «Und dazu gehören auch nicht geschützte, alltägliche Bauten», betonte sie. Ein nachhaltiger Umgang mit der Substanz funktioniere nur, wenn wir mit diesem Bestand weiterbauen.

Dabei geht es nicht zuletzt ums Geld. In der Schweiz werden Milliarden Franken an Bausubstanz vernichtet, denn drei bis viertausend Gebäude werden jedes Jahr abgebrochen und verursachen 500 Kilo Bauschutt pro Sekunde. Solche tabula-rasa-Lösungen könnten wir uns nicht mehr leisten so Eberhard. Auch die 48 Quadratmeter Wohnfläche pro Person, auf der wir heuten im Durchschnitt im Kanton St.Gallen wohnen, seien zu viel. Wenn wir wirklich verdichten wollten, müssten wir uns mit weniger begnügen und nicht wegem Home-Office eine noch grössere Wohnung suchen.

Eberhard kritisierte auch die Liegenschaften-Bewirtschaftung. Oft werde anhand einer Lebensdauer- oder einer Excel-Tabelle ein Eingriff in die Bausubstanz geplant, ohne je vor Ort den wirklichen Zustand begutachtet zu haben. Solche «Datenbankentscheide» müssten abgeschafft werden, forderte die ehemalige stellvertretende St.Galler Stadtbaumeisterin.

Dass sie dennoch an der Tagesanordnung sind, hängt unter anderem mit dem Steuersystem zusammen, das Unterhaltsausgaben steuerlich begünstigt – eine eigentliche Wirtschaftsförderung, wie Eberhard kritisierte. Und damit nicht genug: Labels und laufend revidierte Normen führen ebenfalls zu ständig neuen Eingriffen. Sinnvoll und nachhaltig aber wären «kleinstmögliche Eingriffe mit guten Handwerkern».

Fehlender Zukunftsglaube

Sowohl Katrin Eberhard als auch Werner Binotto kritisierten in ihren Referaten die wirtschaftlich motivierten Abschreibungen. Wenn Gebäude schon nach 30 oder 35 Jahren abgeschrieben sind, obwohl sie viel länger leben könnten, führe das zu unsinnig frühen Abbrüchen, so Eberhard.

Diese Praxis sei nur möglich, weil es im Bau noch immer keine Kostenwahrheit und kein Verursacherprinzip gebe. Als Beispiel nannte sie eine Aluminimumfassade, in der sehr viel Graue Energie steckt. Wenn eine so teure Fassade einfach entsorgt werde, gehe damit vielleicht das aufwändigste Teil eines Baus verloren.

Werner Binotto argumentierte ähnlich und wies darauf hin, dass in früheren Zeiten nie jemand nach der Lebensdauer eines Gebäudes oder eines Bauteils gefragt habe. Es habe eben einen Glauben an die Zukunft gegeben – und dafür wurde gebaut.

Wenn heute die in der Politik beliebten Provisorien hingestellt werden, dann habe man diesen Glauben an eine Zukunft eigentlich schon aufgegeben, so Binotto. Zwar denke man heute in Lebenszyklen eines Gebäudes, was der Kostenwahrheit näherkomme, aber eine unbegrenzte Nutzung immer noch ausschliesse. «Seit die Konsumgesellschaft baut, gibt es den Widerspruch zur Nachhaltigkeit», so der ehemalige Kantonsbaumeister.

Auch die heute übliche vollständige Trennung von Innen und Aussen eines Gebäudes ist für ihn eine falsche Entwicklung: «Man spricht nur noch von der Aussenhaut, nicht mehr von der Fassade», doch den damit verbundenen Glauben an rein technische Lösungen teilt er nicht. Auch Binotto plädierte deshalb für Handwerk und Qualität, dies zahle sich langfristig aus. Und er forderte, dass Gebäude wieder für hundert Jahre und mehr gebaut werden müssten. Doch dafür müsste die Ökonomie als Treiber des Bauens in ihre Grenzen verwiesen werden können.

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