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Saiten spricht über Missbrauch

Ein Heft über Opfer und Täter, alte und neue Formen der Gewalt. Und darüber, wer hilft.

Von  Redaktion Saiten , 

Fall Adeline M., Fall Carlos: Die Schweiz debattiert über Gewalttäter. Es sind die grausamen, die spektakulären Taten, welche die Öffentlichkeit erregen. Täter im Scheinwerferlicht, die Volksseele in Aufruhr, Experten im Medien-Dauereinsatz – hinter all dem steht je nach Temperament das Entsetzen oder das «Schon immer gewusst» über die Grausamkeit, die im Menschen steckt, über die dünne Zivilisationshaut und wie schnell sie reissen kann.

Diese Ausgabe von Saiten beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt. Aber im Vordergrund stehen nicht die lautstark verhandelten Fälle, sondern die Dramen abseits der öffentlichen Wahrnehmung, die Geschichten aus dem Schattenbereich des Alltags, die Geschichten, die nicht in Genf und nicht in Hollywood spielen, sondern hier in der Ostschweiz. Zwei Frauen berichten im Titelbeitrag von jahrelangem sexuellem Missbrauch in ihrer Kindheit und von der peinigenden Verarbeitung ihres Traumas nach Jahren des Schweigens.

Weniger dramatisch, aber manchmal nicht minder existentiell sind die Erfahrungen von Jugendlichen mit Cyber-Mobbing und anderen «zeitgemäss» elektronischen Formen der psychischen Gewaltausübung – Julia Kubik hat sich umgehört. Harry Rosenbaum beleuchtet die Täterseite (die selbstverständlich auch eine Täterinnenseite sein könnte), Rolf Bossart leuchtet den Opferbegriff religionsgeschichtlich aus.

Schliesslich die Frage, ob unsere Gesellschaft immer mehr zu Gewalt neigt – wir stellen sie Brigitte Huber und Urs Edelmann von der Stiftung Opferhilfe SG-AR-AI. Der Zusammenarbeit mit dieser Institution verdankt sich dieses Saiten-Heft. Die Opferhilfe wurde vor zwanzig Jahren gegründet; das Jubiläum gab den äusseren Anstoss zu einer Kooperationsnummer. Saiten bedankt sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Opferhilfe für die vielfältigen Hinweise, Informationen und Hintergründe.

Weiter in diesem Heft: sieben Seiten zum Bücherherbst, mit Neuerscheinungen und mit einer Lobrede auf eine Bücher-Institution – die Genossenschaftsbuchhandlung Comedia in St.Gallen, die ihr 30-Jahr-Jubiläum begeht. Zwanzig Jahre, dreissig Jahre: Runde Geburtstage soll man feiern. Vor allem wenn sie Leute betreffen, die mit ungebrochenem Enthusiasmus an der Vision einer friedlichen Gesellschaft arbeiten.

Peter Surber und Corinne Riedener

 

DER INHALT:

REAKTIONEN

POSITIONEN
Blickwinkel von Jiajia Zhang
Redeplatz mit Raphael Bucheli
Einspruch von Ursula Taravella
Stadtlärm von Andreas Kneubühler
Nachrufe: auf die Solidarität, die Ledi, das Thaiboxen

OPFER UND TÄTER
Du kannst. Nicht.Weg.
Zwei Frauen sprechen über ihren Missbrauch in der Kindheit und die Auseinandersetzung damit.
von Corinne Riedener

Bomben entschärfen
Wie Täter ticken: Fachleute berichten aus ihrer Erfahrung mit gewalttätigen Männern.
von Harry Rosenbaum

Sägez mer doch is Gsicht!
Berufsschülerinnen und -Schüler erzählen vom «Cybermobbing-Space».
von Julia Kubik

Die Logik des Opfers
Annäherung an einen schwierigen Begriff.
von Rolf Bossart

«Dort, wo man sich kennt, passiert es»
Ein Gespräch mit Brigitte Huber und Urs Edelmann von der Opferhilfe SG-AI-AR.
von Peter Surber

PERSPEKTIVEN
Flaschenpost von Andrea Reinwald und Manuel Kuster aus Portugal
Vorarlberg
Rapperswil-Jona
Schaffhausen
Thurgau
Stimmrecht von Gyatso Drongpatsang

INTERVIEW
«Wir sind ja gerade erst angekommen»
Die Architekten Peter Hutter und Ivo Barão sprechen über ihren Umzug nach St.Gallen, den gescheiterten Kulturplatz und den Bibliotheksumbau.
von René Hornung

KULTUR

Bücherherbst: Alte Hasen und neue Bücher, ein Lob auf die Comedia, Romane von Gregory McDonald, Martin Hamburger und Gerold Späth, Krimis der anderen Art, Alpleben – und eine Architektur-Website

Theater: Die Kellerbühne erinnert an Clément Moreau.
von Peter Surber

Film: Kaboom-TV geht nächstens auf Sendung.
von Corinne Riedener

Kunst: St.Gallen zeigt das heftige Werk von Mona Hatoum.
von Kristin Schmidt

Musik: Unterwegs mit Pedro Lehmann
von Claudio Donati

Weiss auf Schwarz: Kniescheiben wegschiessen.
von Etrit Hasler

KALENDER

ABGESANG
Kellers Geschichten
Bureau Elmiger
Charles Pfahlbauer jr.

BOULEVARD

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Die Schwei­zer Rock­le­gen­den Kro­ko­dil ha­ben kürz­lich ihr neu­es Al­bum Bey­ond The Eye ver­öf­fent­licht. Ur-Kro­ko­dil Dü­de Dürst schwärmt von der En­er­gie der 2019 wie­der­be­leb­ten Band – und hat noch lan­ge nicht ge­nug. Am Frei­tag spie­len sie in der Gra­ben­hal­le.

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von Philipp Bürkler,
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von Kristin Schmidt,
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von René Hornung,
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von Christoph Keller,

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von Peter Surber,
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von Lilli Kim Schreiber,
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von Vera Zatti,
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto