St.Gallen war in den 80er-Jahren kein schöner Ort. In meinen Erinnerungen regnete es damals immer. Es gab zwar Beizen, aber um Mitternacht war Schluss mit lustig. Bis auf wenige Ausnahmen wie das Trischli, die Colony-Bar und ein paar «Füdliläde» wie das Chinchilla gab es nichts, wohin man nach Mitternacht noch gehen konnte. Es fanden zwar immer wieder illegale Partys im von Linksautonomen besetzten Hotel Hecht oder Konzerte in der Grabenhalle statt – aber Heroin war nicht so meine Szene.
Die Seuche breitete sich Mitte der 80er-Jahre von der Goliathgasse langsam über den Marktplatz aus und fand im Waaghaus ihre erste Heimat, bevor man die armen «Giftler» auch aus dem Stadtpark vertrieb und raus zum Schellenacker drängte.
Fall des Bierkartells öffnet die Wolkendecke
Ich war als Teenager in den 80ern eher der Typ «Paninaro», fuhr einen Piaggio Ciao, trug Leinen-Sakkos, Levi’s-Jeans und Timberlands, hörte Italo-Disco auf Kassette, weil mir die Kopfhörer im Bro-Plattenladen zu fest nach Patschuli rochen. Wir «Popper» trafen uns Ende der 80er-Jahre im «UC» neben dem Café Seeger, bevor wir zum Tanzen in die Variothek im Säntispark fuhren, wo es eine tolle Lasershow gab.
In der Stadt selbst herrschte in den 80er-Jahren Tristesse Royale. In den Beizen gab es mehr oder weniger nur Schützengarten, bevor das Bierkartell 1991 fiel. Es mag keinen kausalen Zusammenhang zwischen Schüga und Sugar bestanden haben, aber mit dem Fall des Bierkartells kam nicht nur ausländisches Bier nach St.Gallen, sondern auch ein bisschen Lebensfreude. Noch heute kann ich mich an mein erstes Corona-Bier erinnern, das man mit einer Limette – how crazy – trank. Es war, als würde sich die schwere Wolkendecke über St.Gallen langsam öffnen.
Mit Klang & Kleid kam die Popkultur in St.Gallen an
Wenn ich an die 90er-Jahre denke, scheint in meinen Erinnerungen immer die Sonne. Die Morgendämmerung begann für mich an einem Dienstagabend Anfang 1992 im Colony-Club, wo ich zwei Mal in der Woche DJ war. Ich legte vor allem Acid-Jazz- und Hip-Jazz-Sachen auf und versuchte Mashups von nervigen Pop-Songs mit coolen Blue-Note-Beats. Das gefiel offensichtlich einem Gast, der mich buchen und dafür meinen Namen wissen wollte. Höflich nannte ich ihm meinen Vor- und Nachnamen, was er aber nicht akzeptierte. Er wollte meinen DJ-Namen wissen.
Einen DJ-Namen? Für was braucht ein DJ einen Namen, dachte ich mir. Ich war schliesslich nur ein Plattenleger, der als Student Geld verdienen musste. Einen Künstlernamen zu haben, erschien mir als DJ ebenso absurd wie wenn der Kellner oder der Koch einen hätten. Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, dass man DJing hauptberuflich machen könnte, bis ich es durch «Tempo», «Wiener» und «Max» erfuhr.
Diese Lifestyle-Zeitschriften öffneten mir ein Fenster zu einer Welt, die bald auch nach St.Gallen kommen sollte. Als Ende 1993 an der Schwertgasse Klang & Kleid eröffnete und im Schaufenster die ersten Lavalampen blubberten, waren die 90er und damit die Popkultur endgültig in St. Gallen angekommen.
Als Techno die Stadt überrollte
Während in Zürich bereits die ersten Techno-Beats auf den Strassen wummerten, war es in St.Gallen noch still. Dass aus den 90er-Jahren doch noch ein Partymarathon wurde, dafür war 1995 das neue, gelockerte Gastgewerbegesetz verantwortlich. Alle, die wollten, konnten nun ein Restaurant aufmachen, wie und wo es ihnen passte. Es schossen Bars wie Pilze aus dem Boden und vertrieben den Junkie-Mief endgültig. Endlich durften die Lokale länger offen haben, internationales Bier ausschenken und es wurde nicht mehr schriller Heavy Metal oder traurige Blues-Gitarren aus Musikboxen gespielt, sondern elektronische Musik von DJs, die plötzlich einen DJ-Namen hatten.
Im Ozon kam ich zum ersten Mal mit Techno in Kontakt. Der hämmernde Beat war so aufregend, dass ich nicht genug davon kriegen konnte. Als wäre ein Damm gebrochen, überrollte Techno Mitte der 90er die Stadt. Dass dies ein besonderer Moment in der Jugendkultur sein würde, war mir nicht bewusst. Und weil es noch kein Wikipedia gab, wusste auch niemand etwas über diese neue Art von Musik. Ein Freund bezeichnete Techno zuerst als «Neo-Punk». Der Begriff hat sich leider nicht durchgesetzt.
Dauerparty am Wochenende, Erholung unter der Woche
Mitte der 90er-Jahre übernahm die Generation X definitiv das Party-Zepter der Stadt. Überall gab es plötzlich Raves. Vorbei waren die Zeiten der Spritzen und Schallplatten, die neue Welt hatte Pillen und CDs im Angebot. Aber auch Handy, Internet und Playstation – drei weitere Gründe, sich nicht zu Tode zu fixen.
Zum ersten Mal Ecstasy schluckte ich an einer Jungle-Party in der Grabenhalle. Niemals vergesse ich den Moment, als der Bass meinen Körper übernahm, das Gehirn auf Autopilot schaltete und das Glücksgefühl sich mit jedem einzelnen Beat steigerte. Es folgten Drum-‘n’-Bass-Partys, die demselben Ritual folgten.
Mit dem House kam auch das Kokain zurück aufs Tablett. Keine House-Party ohne Backstage-Bereich, wo man mit nun namhaften DJs deren Gage verpulverte. Als 1995 mit dem Space der grösste House-Club der Schweiz am Stadtrand eröffnete, gab es keinen Grund mehr, nach Hause zu gehen. Die Party dauerte nun das ganze Wochenende, die anderen Wochentage waren zur Erholung da. Euphorie lag in der Luft, ein Vibe voller Aufregung und Ekstase.
Die 90er waren eine grossartige Zeit, in der alles möglich schien. Zumindest sah ich es so von meiner ersten Wohnung an der Ecke Metzgergasse aus betrachtet, wo ich zwischen Metzgertor, August und Casablanca mitten im Party-Bermuda-Dreieck wohnte und sich das pralle Leben vor und in meiner Wohnung abspielte. In meinen Erinnerungen fuhr ich das ganze Jahr über mit offenem Cabrio-Verdeck – ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass es je Winter war.
Morddrohungen wegen «Kult»-Magazin
Als wir 1997 das «Kult»-Magazin lancierten, zügelte ich eine Gasse weiter in die Engelgasse. Redaktion und Wohnung lagen oberhalb des damals neu eröffneten Prestige-Clubs, wo die Gäste Anzüge trugen und Frauen kurze Röcke. Direkt gegenüber das Restaurant Engel, wo es immer wieder zu Prügeleien zwischen Autonomen und Hooligans kam. Und gleich neben uns eröffnete ein Smartshop, der uns jedes Mal eine Handvoll Pilze schenkte, wenn wir ihm die neueste «Kult»-Ausgabe vorbeibrachten.
Mit dem frotzeligen Stadtmagazin wollten wir dem neuen Lebensgefühl Ausdruck verleihen. Wir pfiffen auf Rechtschreibung, Autoritäten und gepflegte Ausdrucksweise. Wir fickten jeden an, der es in unseren Augen verdient hatte, und machten uns so immer mehr Feinde, aber auch Freunde, die unseren Promo-Teams, den «Kult-Girls», die Magazine regelrecht aus den Händen rissen. Sowohl die Schmeicheleien als auch die Pöbeleien eskalierten, so dass wir sogar Morddrohungen bekamen. Es gab viele Einschüchterungsversuche – von Rockern mit Baseballschlägern bis zu Anwälten mit Unterlassungsschreiben.
Ende der 90er-Jahre merkte ich aber zusehends, dass hier nicht mehr alles möglich war wie noch vor ein paar Jahren und der Gegenwind langsam zunahm. 1999 verliess ich St. Gallen auf dem Höhepunkt der Party in Richtung Zürich. Denn in der Limmatstadt lockerte sich 1998 das Gastgewerbegesetz, was auch hier der Auftakt war zu einer Periode endloser Euphorie. Und ich war wieder mittendrin.
Jürg Zentner, 1972, ist Texter, Journalist und Autor. Er ist in Degersheim aufgewachsen und wohnte in den 90ern in St.Gallen, wo er 1997 das «Kult»-Magazin mitgründete. Er war Chefredaktor verschiedener Schweizer Print- und Onlinemedien, Werbetexter und Autor diverser Comedy-Bühnenprogramme. Heute arbeitet er als selbständiger Medienunternehmer.
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