Jedes Jahr nach dem SUFO, wenn der Organisationsdruck weg ist und wir einen Blick zurückwerfen, kommt unweigerlich dieselbe Frage auf: Was bewirken wir und können wir überhaupt etwas verändern?
Wenn wir diese Fragen ehrlich beantworten, fällt das Ergebnis ziemlich ernüchternd aus, denn leider können wir kaum abschätzen, welchen Einfluss das Forum hat. Sicher, es ist ein schöner Anlass mit lohnenden und spannenden Diskussionen. Aber was aus all dem wird, darauf haben wir wenig Einfluss. Was uns dennoch zum Weitermachen antreibt, ist die schiere Fassungslosigkeit über den Neoliberalismus und dessen fatale Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Probleme benennen
Die liberalen Ziele, das Streben nach einem schlanken Staat, in dem Sozialleistungen auf ein Minimum reduziert sind im Glauben an den uneingeschränkten Wettbewerb und einen selbstregulierenden Markt, erweisen sich mehr und mehr als falsch. Trotzdem kommt es immer wieder zu Steuersenkungen für Unternehmen und wohlhabende Persönlichkeiten, was bei vielen Gemeinden und Kantonen zu finanziellen Engpässen führt. Die Privatisierung von Bildungs- und Gesundheitswesen, Kultur und anderen Gemeingütern forciert den Wettbewerb und setzt die Gesellschaft massiv unter Leistungsdruck, während sozial Schwache, Eingewanderte, Arbeitslose und andere Minderheiten systematisch im Stich gelassen werden.
Die herrschende Philosophie ist mehr als nur noch fragwürdig, doch trotzdem werden uns immer noch Reformen und Auswege im Sinn des Neoliberalismus präsentiert. «There is no alternative!», versuchen uns die Wirtschaftseliten einzutrichtern. Brav nach Margaret Thatcher. Und wissen dennoch ganz genau: Die meisten Probleme werden von Grosskonzernen verursacht – deren Wirtschaftskraft mittlerweile locker jene eines Staates übersteigt. Ebenfalls Common Sense: Die Führung dieser Konzerne ist eng mit der Politik verwoben und nimmt so direkt Einfluss auf unseren Alltag.
Alternativen aufzeigen
Für einen umfassenden Wandel braucht es nicht nur neue Regeln und Steuern. Hier und da ein paar Massnahmen, um den Markt und die Finanzen zu regulieren, rigorose Gesetze gegen den schonungslosen Raubbau und schöne Versprechen an eine offene Welt reichen nicht aus, um ein globales Umdenken und somit einen nachhaltigen Strukturwandel herbeizuführen.
Doch es gibt Alternativen. Und diese müssen weitergedacht werden, wie auch die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen zeigt. Diese Initiative geht über die agendagetriebene Realpolitik hinaus und stellt wieder grundsätzliche Fragen: Was heisst Arbeit? Was ist sie wert? Kann man das mit Geld aufwiegen? Was heisst überhaupt Lohn? Und was würde man mit dem Leben tun, wenn für das Einkommen gesorgt wäre?
Es ist klar, dass die bestehenden Strukturen nicht widerstandslos gesprengt und alternative Ideen nicht von heute auf morgen umgesetzt werden können. Umso erfreulicher ist es, dass wir demnächst gleich über zwei buchstäblich weltbewegende Initiativen abstimmen werden: Grundeinkommen und – in wenigen Jahren – Vollgeld.
Beide Vorlagen lösen wertvolle Debatten aus: über die Zukunft der Wirtschaft, der Banken, der Sozialwerke, den Stellenwert von Arbeit und die Bedeutung von Geld. Die Auseinandersetzung mit alternativen Gesellschaftsformen und Wirtschaftssystemen muss zuerst in den Köpfen stattfinden. Erst wenn sich auch die breite Öffentlichkeit mit diesen Fragen beschäftigt, ist der Weg vielleicht bald wieder frei. Es wird ein langer.
Doch Hoffnung besteht. Wenn wir den Blick nach aussen richten, gibt es immer wieder Gruppierungen abseits der regulären Politik, die es schaffen, Leute zu mobilisieren. Aktuell zum Beispiel in verschiedenen Städten Frankreichs, wo auf dem Boden der Unzufriedenheit ein greifbares, ursprüngliches, radikal-demokratisches Gewächs namens «Nuit debout» zu wuchern begonnen hat. Ähnlich die Occupy-Bewegung 2011, wo Hunderttausende gegen soziale Ungleichheit, Spekulationsgeschäfte und die zerstörerische Finanzindustrie anrannten.
Bestehendes hinterfragen
Occupy ist verschwunden – das Thema nicht. Auch fünf Jahre später sind die Probleme und Schwierigkeiten noch im Grunde die gleichen. Die Muster ähneln sich, im Grossen wie im Kleinen, global und lokal. Am Ende ergibt sich meistens dasselbe Bild: Immer weniger besitzen immer mehr auf dieser Welt.
Die Ungleichheit nimmt überall zu, auch in der Schweiz. Deshalb das Motto der diesjährigen Podiumsdiskussion: «Soziale Schweiz? – Nachhaltig oder Symptombekämpfung?» Zum SUFO-Auftakt möchten wir die heutigen Modelle der Sozialversicherungen und Sozialwerke hinterfragen und mögliche Alternativen diskutieren. Darum fragen wir: Wie sehen unsere Sozialwerke 2084 aus? Wie können psychologische Aspekte in der Sozialhilfe besser beachtet werden? Wie kann die AHV auf die immer älter werdende Bevölkerung reagieren? Und eben: Sind unsere Sozialwerke nachhaltig oder betreiben sie bloss noch Symptombekämpfung?
SUFO 2016
Freitag, 27. Mai: 19 Uhr: Last Minute-Einschreiben, 20 Uhr: «Soziale Schweiz – Nachhaltig oder Symptombekämpfung?», Podium mit Vertreterinnen und Vertretern von schweizerischen Sozialwerken, Moderation: Corinne Riedener
Samstag, 28. Mai: 9 Uhr: Kaffee & Last Minute-Einschreiben, ab 10 Uhr: Workshops, 16 Uhr: Strassenfest Infos: sufo.ch
Christof Schilling, 1988, ist Landschaftsarchitekt und Mitglied des SUFO Organisationskomitees. Dieser Text erschien im Maiheft von Saiten.
Wenn sich 1500 Leute in St.Gallen mit einer anderen, besseren Welt beschäftigen, dann ist Sufo. Die Bilanz eines eindrücklichen Samstags.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.