Saiten: Angesichts der deutlichen Niederlage haben offenbar mehr als nur ein paar Stimmen aus der Kulturszene gefehlt. Deine Eklärung?
Etrit Hasler: Ich bin froh, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Die Initiative kam ja quasi aus dem Nichts und konnte daher nicht auf einen breiten kulturellen Diskurs aufbauen – anders als bei den bisherigen Kulturabstimmungen. Insofern war es wenig überraschend, dass sich das Kulturlager nicht einig war. Pessimisten mit Wachstumsschmerzen trafen da auf die ewigen Besserwisser, und dann kamen auch noch die Sparpanikmacher hinzu, um es ganz polemisch zu sagen. Persönlich hat mich das zwar getroffen, politisch war aber ausschlaggebender, dass die Parteien das Thema nicht für sich entdeckten.
Will heissen?
Die Kultur ist gut abgestützt, hat man das Gefühl – aber es werden nur die Interessen der grossen Institutionen wahrgenommen. Nischenangebote und der alternative Mainstream zählen nur dann, wenn man etwas von ihnen will. Fast schon erstaunlich, dass SP, Grüne und GLP die Ja-Parole ergriffen haben, schliesslich wollte sich an den herzigen Voltigier-Mädchen niemand die Finger verbrennen. Wichtiger als Resultat war aber ohnehin, dass das Thema Kulturräume wieder auf die politischen Agenda gesetzt wurde, dass ein Diskurs stattfindet, der die Kultur nicht vergisst.
Hätte dieser nicht im Abstimmungskampf stattfinden müssen?
Innerhalb der Kulturszene wurde ja durchaus diskutiert, das war wichtig. Aber die Debatte ging nicht über die kleinen Kreise hinaus, obwohl gewisse Äusserungen, etwa die der Quartierpräsidentin St.Otmar, vielen die Haare zu Berg stehen liessen. Sie argumentierte, dass ein Kulturbetrieb wie die Reithalle zu viel Lärm ins Quartier bringe und die Grundstückspreise drücke. – Und das am Rand des Gebiets um Bahnhof Nord, dessen Entwicklung ja ohnehin sehr umstritten ist.
Wieso habt ihr nicht selber städtebaulich argumentiert?
Das wäre dann doch ein bisschen vermessen gewesen – wir sind ja keine Städteplaner, wir sind Kulturschaffende. Und als solche werden wir ohnehin immer eine Minderheit sein.
Das klingt nach Bankrotterklärung.
Ganz und gar nicht. Nach dem Abstimmungsresultat wissen wir: Die Kultur kann sogar ohne breite Unterstützung und intern gespalten noch 20 Prozent mobilisieren. Das mag sich nach wenig anhören, ist aber immer noch deutlich mehr als die FDP mit ihren 15 Prozent nach den letzten Wahlen. Eine Abstimmung gewinnen wir damit nicht, aber es ist eine entscheidende Grösse, um Mehrheiten zu bilden.
Im Hinblick auf den bevorstehenden Stadtratswahlkampf? Peter Jans, der für die SP den Sitz zurückerobern soll, hat sich gegen die Reithalle ausgesprochen.
Das hat er, allerdings mit plausiblen Argumenten – seine Gegnerin Barbara Frei hingegen fantasierte, dass es keine Reithalle brauche, weil es den Keller zur Rose gebe. Aber auch sie taucht plötzlich an all den Kulturorten auf. Weil sie weiss, dass sie im Wahlkampf auf diese Stimmen angewiesen ist – wie alle vor ihr. Die Konsequenz daraus müsste sein, dass die Kultur den Kandidierenden verbindliche Versprechen abnimmt und sie auf ihre Ideen prüft, wie man die Stadt aus ihrer Kulturmisere zu führen sei.
Laut Abstimmungsresultat hat St.Gallen kein Kultur-Problem.
Das stimmt so nicht. Politisch herrscht seit Jahren eine geradezu platte Kulturfeindlichkeit. Kulturplakate werden zensiert, Kulturveranstaltungen werden nicht bewilligt mit dem Hinweis, die Belastung für die Innenstadt sei zu gross. Als ich in der Parlamentsdiskussion um die Lex Arena vorschlug, dass Europa-Cup-Spiele von Zürcher Mannschaften in der AFG nicht bewilligt werden sollen, wurde ich von Nino Cozzio ausgelacht.
Die Bewilligungspraxis bei Fussballspielen als Indikator für eine Abneigung gegen Kultur, ernsthaft?
Was sonst, wenn ein Veranstalter für ein Konzert in den Drei Weihern einen zweijährigen Bewilligungsmarathon und ein Alkoholverbot in Kauf nehmen muss, während man in der AFG-Arena praktisch nie auf diese Möglichkeit zurückgreift und gleichzeitig mit Steuergeldern und ohne Amtshürden Spiele von auswärtigen Mannschaften mitfinanziert? Ausschreitungen, Sachschäden und Verletzte gab es meines Wissens noch keine bei «Weihern unplugged» oder ähnlichen Veranstaltungen.
Hat das nicht eher mit Standortlogik zu tun? Fussballstadien scheinen im Städtewettbewerb effizienter zu sein als ein blühendes Kulturleben…
Diese volkswirtschaftliche Rechnung würde ich gern mal sehen. Das Problem ist doch, dass die Kultur nicht fähig oder willens ist, sich dieser Standort-Sprache zu bedienen.
Zurecht.
Natürlich widert mich das auch an, die Notwendigkeit der Kultur mit solchen Argumenten zu legitimieren, aber so sind derzeit nun mal die Spielregeln. Anstatt naiv trotzend die Debatte zu verweigern, sollten wir lernen, diese Standort-Argumente für uns zu nutzen und zum Beispiel auch sagen, dass von Neuzuzügern die Kultur weit vor Sauberkeit, Einkaufsmöglichkeiten, Parkplätzen und Steuergünstigkeit genannt wird, wenn es um den Faktor Lebensqualität geht. Wie gesagt: die Stimmen aus dem Kulturumfeld haben Gewicht und verdienen es, dass man ihre Anliegen ernst nimmt.
Wobei sie eine recht heterogene Masse ist, die sogenannte Kulturszene. Kein Wunder, dass die Meinungen so auseinander gegangen sind vor der Abstimmung.
Viele hatten schlichtweg Angst. Nicht nur vor der potenziellen Konkurrenz, sondern vor allem davor, dass die ohnehin winzigen Subventionen der Kleinen angepasst werden, wenn es plötzlich eine grosse Reithalle gibt, auf die man ausweichen kann, um profitabel zu sein. In dieser kleingesparten Schockstarre ist es dann auch verständlich, dass man grundsätzlich Angst hat vor Veränderung. Schade, dass wir uns zu sehr auf die klassische Kulturszene verlassen haben. Die breit verankerten und die traditionellen Sparten wie Volks- und Blasmusik hätten wir besser mobilisieren müssen.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.