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Sparpanik und Standortjargon

«Die Kultur» ist mit 80:20 nur noch auf dem Papier in der Reithalle. «Das Resultat hat aber auch sein Gutes», sagt Mitinitiant Etrit Hasler rückblickend. Es zeige, dass die Kultur in der Politik durchaus Gewicht habe.
Von  Corinne Riedener

Saiten: Angesichts der deutlichen Niederlage haben offenbar mehr als nur ein paar Stimmen aus der Kulturszene gefehlt. Deine Eklärung? 

Etrit Hasler: Ich bin froh, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Die Initiative kam ja quasi aus dem Nichts und konnte daher nicht auf einen breiten kulturellen Diskurs aufbauen – anders als bei den bisherigen Kulturabstimmungen. Insofern war es wenig überraschend, dass sich das Kulturlager nicht einig war. Pessimisten mit Wachstumsschmerzen trafen da auf die ewigen Besserwisser, und dann kamen auch noch die Sparpanikmacher hinzu, um es ganz polemisch zu sagen. Persönlich hat mich das zwar getroffen, politisch war aber ausschlaggebender, dass die Parteien das Thema nicht für sich entdeckten.

Will heissen?

Die Kultur ist gut abgestützt, hat man das Gefühl – aber es werden nur die Interessen der grossen Institutionen wahrgenommen. Nischenangebote und der alternative Mainstream zählen nur dann, wenn man etwas von ihnen will. Fast schon erstaunlich, dass SP, Grüne und GLP die Ja-Parole ergriffen haben, schliesslich wollte sich an den herzigen Voltigier-Mädchen niemand die Finger verbrennen. Wichtiger als Resultat war aber ohnehin, dass das Thema Kulturräume wieder auf die politischen Agenda gesetzt wurde, dass ein Diskurs stattfindet, der die Kultur nicht vergisst.

Hätte dieser nicht im Abstimmungskampf stattfinden müssen?

Innerhalb der Kulturszene wurde ja durchaus diskutiert, das war wichtig. Aber die Debatte ging nicht über die kleinen Kreise hinaus, obwohl gewisse Äusserungen, etwa die der Quartierpräsidentin St.Otmar, vielen die Haare zu Berg stehen liessen. Sie argumentierte, dass ein Kulturbetrieb wie die Reithalle zu viel Lärm ins Quartier bringe und die Grundstückspreise drücke. – Und das am Rand des Gebiets um Bahnhof Nord, dessen Entwicklung ja ohnehin sehr umstritten ist.

Wieso habt ihr nicht selber städtebaulich argumentiert?

Das wäre dann doch ein bisschen vermessen gewesen – wir sind ja keine Städteplaner, wir sind Kulturschaffende. Und als solche werden wir ohnehin immer eine Minderheit sein.

Das klingt nach Bankrotterklärung.

Ganz und gar nicht. Nach dem Abstimmungsresultat wissen wir: Die Kultur kann sogar ohne breite Unterstützung und intern gespalten noch 20 Prozent mobilisieren. Das mag sich nach wenig anhören, ist aber immer noch deutlich mehr als die FDP mit ihren 15 Prozent nach den letzten Wahlen. Eine Abstimmung gewinnen wir damit nicht, aber es ist eine entscheidende Grösse, um  Mehrheiten zu bilden.

Im Hinblick auf den bevorstehenden Stadtratswahlkampf? Peter Jans, der für die SP den Sitz zurückerobern soll, hat sich gegen die Reithalle ausgesprochen.

Das hat er, allerdings mit plausiblen Argumenten – seine Gegnerin Barbara Frei hingegen fantasierte, dass es keine Reithalle brauche, weil es den Keller zur Rose gebe. Aber auch sie taucht plötzlich an all den Kulturorten auf. Weil sie weiss, dass sie im Wahlkampf auf diese Stimmen angewiesen ist – wie alle vor ihr. Die Konsequenz daraus müsste sein, dass die Kultur den Kandidierenden verbindliche Versprechen abnimmt und sie auf ihre Ideen prüft, wie man die Stadt aus ihrer Kulturmisere zu führen sei.

Laut Abstimmungsresultat hat St.Gallen kein Kultur-Problem.

Das stimmt so nicht. Politisch herrscht seit Jahren eine geradezu platte Kulturfeindlichkeit. Kulturplakate werden zensiert, Kulturveranstaltungen werden nicht bewilligt mit dem Hinweis, die Belastung für  die Innenstadt sei zu gross. Als ich in der Parlamentsdiskussion um die Lex Arena vorschlug, dass Europa-Cup-Spiele von Zürcher Mannschaften in der AFG nicht bewilligt werden sollen, wurde ich von Nino Cozzio ausgelacht.

Die Bewilligungspraxis bei Fussballspielen als Indikator für eine Abneigung gegen Kultur, ernsthaft?

Was sonst, wenn ein Veranstalter für ein Konzert in den Drei Weihern einen zweijährigen Bewilligungsmarathon und ein Alkoholverbot in Kauf nehmen muss, während man in der AFG-Arena praktisch nie auf diese Möglichkeit zurückgreift und gleichzeitig mit Steuergeldern und ohne Amtshürden Spiele von auswärtigen Mannschaften mitfinanziert? Ausschreitungen, Sachschäden und Verletzte gab es meines Wissens noch keine bei «Weihern unplugged» oder ähnlichen Veranstaltungen.

Hat das nicht eher mit Standortlogik zu tun? Fussballstadien scheinen im Städtewettbewerb effizienter zu sein als ein blühendes Kulturleben…

Diese volkswirtschaftliche Rechnung würde ich gern mal sehen. Das Problem ist doch, dass die Kultur nicht fähig oder willens ist, sich dieser Standort-Sprache zu bedienen.

Zurecht.

Natürlich widert mich das auch an, die Notwendigkeit der Kultur mit solchen Argumenten zu legitimieren, aber so sind derzeit nun mal die Spielregeln. Anstatt naiv trotzend die Debatte zu verweigern, sollten wir lernen, diese Standort-Argumente für uns zu nutzen und zum Beispiel auch sagen, dass von Neuzuzügern die Kultur weit vor Sauberkeit, Einkaufsmöglichkeiten, Parkplätzen und Steuergünstigkeit genannt wird, wenn es um den Faktor Lebensqualität geht. Wie gesagt: die Stimmen aus dem Kulturumfeld haben Gewicht und verdienen es, dass man ihre Anliegen ernst nimmt.

Wobei sie eine recht heterogene Masse ist, die sogenannte Kulturszene. Kein Wunder, dass die Meinungen so auseinander gegangen sind vor der Abstimmung.

Viele  hatten schlichtweg Angst. Nicht nur vor der potenziellen Konkurrenz, sondern vor allem davor, dass die ohnehin winzigen Subventionen der Kleinen angepasst werden, wenn es plötzlich eine grosse Reithalle gibt, auf die man ausweichen kann, um profitabel zu sein. In dieser kleingesparten Schockstarre ist es dann auch verständlich, dass man grundsätzlich Angst hat vor Veränderung. Schade, dass wir uns zu sehr auf die klassische Kulturszene verlassen haben. Die breit verankerten und die traditionellen Sparten wie Volks- und Blasmusik hätten wir besser mobilisieren müssen.

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