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Spartanische Kämpfe in den Banlieues

Der Dok-Film Spartiates begleitet einen Kampfsportlehrer durch den rauhen Alltag der Marseiller Cité: Yvan Sorel, selber ein erprobter MMA-Fighter, bringt Kindern und Jugendlichen dort das Kämpfen im Ring bei – damit sie sich auch im Leben durchschlagen. Ab Donnerstag im Kinok.
Von  Luca Ghiselli

Yvan Sorel ist ein Kämpfer durch und durch. Er brüllt, er tritt und schlägt. Das ist sein Job. Seit neun Jahren bringt der 25-Jährige seinen Sprösslingen in einem Marseiller  Nordquartier, einem sozialen Brennpunkt, genau das bei. «Ich werde euch nie alleine lassen, ich bin immer für euch da», sagt er zu Beginn des 80-minütigen Dokumentarfilms Spartiates
zu seinen Schülern. Es folgt ein martialischer Ausruf: «Was sind wir?» – «Spartaner!»

Und wie einst das legendäre Kriegervolk von Sparta fordert auch Sorel viel Disziplin: Er ist nicht nur Kampfsporttrainer, sondern nimmt für seine Schützlinge auch die Rollen eines Bewährungshelfers, Psychologen und Lehrers ein.

Dass seine Methoden von der Strasse kommen und alles andere als pädagogisch einwandfrei sind, versteht sich von selbst. So tritt er einem siebenjährigen Jungen buchstäblich in den Hintern, weil dieser die Schule geschwänzt hat. Vor allen sagt Sorel zu ihm: «Wenn das noch mal vorkommt, schlag ich dir den Kopf ein.»

Der Trailer zum Film:

Schroff, aber humorvoll

Der Dokumentarfilm des Genfers Nicolas Wadimoff, der im Januar den Prix de Soleure gewonnen hat, ist ein authentisches Zeitdokument davon, wie gross Verdrossenheit und
Frustration in den Vororten von französischen Grossstädten sind. Es gelingt dem Streifen aber trotz allem, einen durch und durch positiven Vibe auszustrahlen. Das liegt hauptsächlich an der Persönlichkeit des Protagonisten Sorel. Er wird als eine ehrliche Haut porträtiert, der die eigene Karriere als Kämpfer zurückfährt, um in seinem Quartier etwas zu verändern. Die Kamera begleitet ihn nicht nur in den Ring und zum Training, sondern unter anderem auch zum Hausaufgabenmachen mit seinen Neffen.

Ob er gerade in einem Café an einer Shisha zieht, sich mit der Bürgermeisterin des Bezirks trifft oder sich in Liverpool auf einen Cagefight vorbereitet: Sorel wirkt zwar schroff, aber ehrlich und humorvoll. Die klassische Kampfdevise – nie aufgeben – hat er verinnerlicht und gibt sie weiter. Er scheint aber gegen Windmühlen zu kämpfen. Auf der Suche nach einem geeigneten Trainingsraum im Quartier stösst er bei Politik und Verwaltung auf taube Ohren. «Wir werden im Stich gelassen», beklagt er an einem Infoanlass.

Ein unvergessliches Martyrium

Seine Schützlinge, die fast durchs Band Mehdi, Yassine oder andere nordafrikanische Namen tragen, vergöttern Sorel. Er ist eine strenge, aber faire Vaterfigur. Ein Vorbild, das neben Kampftechniken auch Werte zu vermitteln versucht. Gegen Rassismus und Fremdenhass zum Beispiel. Das klingt dann etwa so: «Wir alle haben rotes Blut, sind aus dem Bauch unserer Mütter gekommen. Wir schlagen unseren Gegnern die Köpfe ein, egal ob sie Araber, Juden, Weisse oder Schwarze sind. Wir schlagen ihnen die Köpfe ein, weil sie eine Prüfung für uns sind, die es zu bestehen gilt.»

Dass seine unkonventionellen Erziehungsmethoden besser funktionieren als jene mancher Eltern, zeigt eine Szene des Dokumentarfilms exemplarisch. Sorel droht seinem Schüler, einem Fünftklässler, mit einem «calvaire inoubliable» (einem unvergesslichen Martyrium) wenn dieser zur Strafe für sein Fehlverhalten nicht 20 positiv konnotierte Wörter aufschreibt und sie bis zum nächsten Training auswendig lernt. Der renitente Schüler gehorcht wie ein braves Lamm. Seine Mutter kann es kaum glauben und fragt den Kampfsporttrainer demütig, ob sie ihm auf die Schulter klopfen dürfe.

Film mit Tempo

Der Film rutscht, trotz seiner klaren Rollenverteilung und der Porträtierung von Yvan Sorel als Helden eines sozialen Brennpunkts, nie in den Kitsch ab. Dies auch, weil der Kampfsportler Schwäche zeigt. Es fliessen auch mal Tränen, die dann aber – man muss ja den Macker markieren – von einem homophoben Spruch begleitet aus den Augen gewischt
werden.

Wegen seines für einen Dokumentarfilm aussergewöhnlich hohen Tempos überzeugt der Film gerade auch in den seltenen Momenten der Entschleunigung: sparsam eingestreuten
Slow-Motions von Kampfszenen, unterlegt von leiser Hintergrundmusik und einem keuchenden Atem zum Beispiel. Oder wenn Sorel seine Werte an die Sprösslinge bringt: «Respect, fidélité, persévérance, courage, loyauté!» Wie diese Werte eingebläut werden – darüber lässt sich streiten. Effektiv scheint die Methode jedenfalls zu sein.

Spartiates läuft ab Donnerstag, 14. Mai, im Kinok.

Titelbild: Lehrer Yvan Sorel (rechts) mit einem seiner Schüztlinge: Hart, aber fair.
(Bild: Filmcoopi)

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