Über Money Boy wurde schon viel Schlechtes gesagt und geschrieben. Und eigentlich entspricht so ziemlich alles davon dem subjektiven Geschmacksempfinden eines durchschnittlich intelligenten Mitverfolgers des Zeitgeschehens.
«Peinlich-Rapper» (Bild), «bizarrstes Pop-Phänomen des Jahrtausends» (Kronen Zeitung): Der Boulevard hat sich am gebürtigen Wiener bereits zur Genüge abgearbeitet.
Money Boys musikalisches Talent: inexistent. Money Boys Frauenbild: problematisch. Seine Einstellung zu Drogen: dito. Auf dem Jugendsender «Joiz Germany» stiess der Österreicher die völlig perplexe Moderatorin mit folgenden Zitat vor den Kopf: «MDMA, Heroin, Kokain, Alkohol. Auf Partys und so ist das auf jeden Fall etwas sehr Nices, was natürlich auch allen Leuten, die die Sendung sehen, zu empfehlen ist.»
Tja, wenn man «den Boy» in seine Show einlädt, darf man nichts anders erwarten. Dass die Zielgruppe von «Joiz» vermutlich noch gar nicht legal Bier bestellen kann, macht die Aussage noch irrwitziger.
320’000 Follower und ein Buddy namens Medikamenten Manfred
Meint er das ernst? Das ist die Frage, die alle beschäftigt, die sich länger als fünf Minuten mit dem Phänomen Money Boy auseinandersetzen. Fakt ist: Trotz Peinlichkeiten am Laufmeter, der personifizierte Untergang der abendländischen Kultur ist nach wie vor präsent.
Sein erster Hit Dreh den Swag auf war zum Erstaunen aller keine Alltagsfliege. Auf seiner Facebook-Seite hat der studierte Kommunikationswissenschaftler über 320’000 Follower. Demnächst führt ihn sein Konzertreigen auch in die Schweiz. Am 24. März tritt er im St.Galler Kugl auf, am Tag darauf in Zürich.
Wie kann ein Musiker, der gegen alle qualitativen Standards und Regeln des guten Geschmacks verstösst, solch einen Erfolg haben? Eines ist klar: Money Boy versteht die Mechanismen Sozialer Medien. Wie andere Internetphänomene macht er sich zunutze, dass Selbstdarstellung im Netz auch gänzlich talentfrei funktioniert.
Mehrere Tweets pro Tag («Tuht ihr wenn ihr weed smoked auch oft lange zeit forgetten oder zu faul sein zu trinken und dann dry mouth getten?»), selbst gebastelte Fotomontagen (meistens Money Boy neben leicht bekleideten Frauen), selbst durchgeführte Umfragen (Mit wem hätten Frauen gerne Sex? Ehemann 1%, Money Boy 99%) oder Einblicke in sein echtes Sozialleben (Fotos mit seinen Rap-Buddys Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred).
Höhepunkt der intellektuellen Tieffliegerei: seine Hood-Reports. In diesen Videos gibt er Tipps, wie man sich als «real-keepender» Gangster in Wiens krassen Vierteln zu verhalten hat. Die Hood sei komplex, sagt der Boy, aber: «Ich droppe hier immer etwas knowledge.»
Die Videos sind nicht nur merkwürdig skurril, sondern auch eine Form der Kritik – gewollt oder ungewollt. Keiner hält der US-Gangster-Rap-Kultur so konsequent den Spiegel vor wie Money Boy. Indem er diesen Lebensstil bis zur Schmerzgrenze zelebriert, gibt er ihn immer wieder der Lächerlichkeit preis. Wien, ein sozialer Brennpunkt à la Detroit oder Los Angeles?
Really? Auch hier sei die Frage erlaubt: Meint er das ernst? Als post-pubertären Schabernack kann man diese Videos jedenfalls nicht mehr abtun: Money Boy – bürgerlich Sebastian Meisinger – ist bereits 34. «
Ich bringe sie zum Weinen und dann sind sie sauer»
Neben seinem Flair für Selbstvermarktung zeichnet ihn noch etwas anderes aus: seine Sprache. Und diese erweist sich als ziemlich innovativ. Ein weiteres Beispiel aus seinem Twitter-Feed: «I hann mir 1 coffee gemaked.»
Das sind bei genauerem Hinsehen sechs Worte in fünf Sprachen – I hann (Ösi-Dialekt) mir (Deutsch) 1 (Jugendsprache) coffee (Englisch) gemaked (eingedeutschter Anglizismus) – und erscheint trotzdem als légère Einheit. Money Boy trinkt nicht, er «sippt». Er kauft nicht, er «coppt». Sein Leben ist nicht gut sondern «gucci» und wenn er einen Witz macht, dann hat er «1 joke gemaked».
Oster Bunny Crack(er) Tour mit Money Boy und 1 Special Guest: 24. März, 21 Uhr, Kugl St.Gallen
Ein weiteres Stilmittel sind seine beinahe dadaistisch anmutenden Irritationen: «Ich bin wie eine Zwiebel und die Hater mehr so wie 1 Zitrone. Ich bringe sie zum Weinen und dann sind sie sauer.» Ist das sowas wie Talent? Ist Money Boy letztlich zwar kein guter Musiker, dafür eine umso gelungenere Kunstfigur? Geschmack ist bekanntlich subjektiv. Manche mögen es sauer.
Passend dazu hier noch sowas wie eine Lebensweisheit des Boy’s: «Wenn das Leben euch Zitronen gibt, dann macht doch einfach ein nices Zitronen-Pflaumen-Zimt-Chutney mit gebratener Lammkeule und Couscous.» Aight!
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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