Die Blumen von gestern ist ein sehr deutscher Film. Er beschäftigt sich mit der Vergangenheitsbewältigung im Deutschland, namentlich mit dem Holocaust, und reiht sich damit ein in eine lange Tradition von Beiträgen zur Vergangenheitsbewältigung.
Seit geraumer Zeit ist in Deutschland nicht nur die nationalsozialistische Vergangenheit ein heisses Eisen; mehr und mehr wurde es auch die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit; und wehe dem, der sich ihrer nicht auf Zehenspitzen, mit Samthandschuhen und absolutem Fingerspitzengefühl annahm.
Das hat sich nicht geändert. «Die Qualität von Die Blumen von gestern ist, dass er ein scheinbar durchdekliniertes Thema auf erfrischende Weise neu betrachtet, indem er es strikt persönlich behandelt und in seinen neurotischen Figuren die verstörenden Facetten in all ihrer Ambivalenz zum Klingen bringt», schreibt Martin Schwickert in der Online-Ausgabe der «Zeit». Und Matthias Dell meint im Online-«Spiegel»: «So schwer daneben gegriffen wie Die Blumen von gestern hat schon lang kein deutscher Film mehr.»
Fliegende Hündchen
Vielleicht könnte man einen Blick auf diese «romantische Tragikomödie» wagen, der die Kontroverse über die «richtige» Vergangenheitsbewältigung ausspart? Totila Blumen (Lars Eidinger) ist als Historiker auf Holocaust-Forschung spezialisiert. In dieser Funktion arbeitet er bei der «Zentralen Stelle» in Ludwigsburg, wo gerade ein Auschwitz-Kongress vorbereitet wird. Als die Verantwortung für diesen Kongress an Balthasar (Jan Josef Liefers) übertragen wird, seinen neuen Chef also, prügelt er diesen nach einer entglittenen Diskussion kurzerhand spitalreif. Denn: Totila hat sich nicht im Griff.
Wenn es um den Holocaust geht, gibt es für den Historiker nur eine richtige Herangehensweise: die absolute, absolut humor- und kompromisslose. Als Balthasar vorschlägt, die Räumlichkeiten für einen Event eines Bio-Food-Unternehmens zur Verfügung zu stellen, spuckt ihm Totila seine ganze Verachtung ins Gesicht.
Die Blumen von gestern: ab 27. April im Kinok, St.Gallen Infos und Spielplan: kinok.ch
Und dann taucht Zazie (Adèle Haenel) auf. Die Französin mit jüdischen Wurzeln kommt als Praktikantin. Und da sie sich ebensowenig unter Kontrolle hat – im Verlauf des Films unternimmt sie den fünften Selbstmordversuch – wie Totila, kommt es zwischen den beiden zu viel Reibung, die sich in einer romantischen Tragikomödie natürlich auch in romantischer Reibung niederschlägt.
Bald erfährt man: Totilas Grossvater war SS-Mörder im lettischen Riga, Zazies Grossmutter war eines seiner Opfer. Die beiden Nachfahren aber sind in ihrem Leben und Denken komplett fremdbestimmt von ihren Familiengeschichten; diese machen sie beide so verrückt, dass sie sich nur gegenseitig in ihrer Verrücktheit verstehen können. Das äussert sich in Geschrei, in Toilettenprügeleien mit Neonazis und in einem aus dem Autofenster segelnden Hündchen.
Für die deutschen Kollegen
Der schwarze Humor, der sich durch diesen Film zieht, ist eher untypisch für deutsches Kino. Er erinnert immer wieder – ja, der Vergleich ist durchaus schon ein wenig abgelutscht – an dänisches Filmschaffen. Wenn zum Beispiel Totilas demente Grossmutter, die in Totila lieber seinen Neonazi-Bruder sieht, übers Feuer in der Wiese vor Totilas Haus springen möchte – sie sitzt im Rollstuhl – findet Totila irgendwann: «gut, dann springen wir übers Feuer», worauf er die Grossmutter mit dem Rollstuhl kurzerhand durch die Flammen schiebt.
Schön sind auch die Szenen, in denen die Adoptivtochter von Totila und seiner Frau die Auseinandersetzungen ihrer Eltern mitkriegt. Das dunkelhäutige Mädchen wurde aufgrund von Totilas Impotenz adoptiert, die ihm von Zazie allerdings als Allegorie auf die Opfer-Täter-Vergebung genommen wird. «Deshalb hatten wir doch ein Ersatzkind», sagt die Mutter zum Vater. «Was ist ein Ersatzkind?», fragt die Tochter, die dummerweise in der Nähe steht. «Geh wieder rein spielen», antwortet die Mutter.
Regisseur Chris Kraus hat vor 16 Jahren herausgefunden, dass sein eigener Grossvater als SS-Mitglied an der Ermordung zahlreicher Juden beteiligt war. Während Kraus recherchierte, traf er in Archiven und Foren auf Enkel von Holocaust-Opfern, die ebenfalls über ihre Grosseltern nachforschten. So entstand die Grundidee zum Film.
«Entsetzlich komisch» titelt die «Zeit». Dabei führt nicht nur die Frage, ob das jetzt ein gelungener oder «schwer daneben gegriffener» Beitrag ist, bei den deutschen Kollegen zu Uneinigkeit. «Kraus Dialoge sind von fast schon Woody Allen’scher Brillanz und Schnelligkeit», schreibt die Zeit. «Man merkt Die Blumen von gestern an, dass er gern auf eine so witzige Weise neurotisch-verzweifelt wäre wie die klassischen Filme von Woody Allen. Nur fehlt es ihm dazu an handwerklichen Fähigkeiten», entgegnet der «Spiegel».
Während man die Diskussion über die richtige Herangehensweise ans Thema Holocaust gern den deutschen Kollegen überlässt, steht zumindest fest: Die Blumen von gestern ist ein immer wieder sehr lustiger Film.
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