Das Uniongebäude war 1951 gerade fertig geworden, deshalb mussten Blumenmarkt und Marktplatz neu gestaltet werden. Der Stadtrat hatte schon vor Beginn des Union-Neubaus, Ende 1949, den Marktfahrern eine neue Gestaltung versprochen. Deshalb beauftragte er das Hochbauamt, für eine Vereinheitlichung der Marktstände zu sorgen. «Die bisher ungeordneten Verhältnisse mit den verschiedenen privaten Kiosken» sollten zugunsten eines einheitlichen Bildes verschwinden, befand der Stadtrat.
Der Marktplatz 1951, während dem Bau des Union-Gebäudes. (Bild: Sammlung L. Hungerbühler)
Das Projekt des Hochbauamts sah drei Überdachungen vor: das nordöstlichste Dach als Rundbau mit neun Ständen, die beiden südwestlichen als rechtwinklige Überdachungen, in die nur tagsüber leichte Stände eingebaut werden sollten. Und alle drei Stände seien zu unterkellern.
Der Baukommission gefiel das Projekt allerdings nicht. Sie schlug dem Stadtrat vor, vorerst «nur den runden Pavillon» zu bauen. «Je nach Bedürfnisfall könnten dann die zwei weiteren Baugruppen noch ausgeführt werden.»
Es blieb noch Platz für Parkplätze
Weil es aber pressierte und der Platz bis zur Olma 1951 wieder fertig sein sollte, wurde trotz Streit rasch vorwärts gemacht. Die Keller aller drei Stände und die Rondelle wurden gebaut. Die Fundamente für die je vier Säulen der zwei rechteckigen Überdachungen neben der Rondelle wurden vorbereitet (und kommen vielleicht bei der Sanierung des Platzes nach rund 70 Jahren wieder ans Licht). Die Säulen selbst, die die Dächer hätten tragen sollen, wurden aber nie errichtet.
Die Baukommission hatte sich durchgesetzt. Die Dächer – so argumentierte sie – hätten den freien Blick über den Marktplatz beeinträchtigt, und sie hätten ausserdem dazu geführt, dass «das Längsgefälle des Marktplatzes besonders unangenehm auffallen würde». Ausserdem gab es Zweifel, ob im Winter Dächer allein genügen würden. Bald – so befürchtete die Kommission – werde man wieder «Blachen oder gar Holzumwandungen» sehen.
Die Marktgenossenschaft am Bohl reichte zwar Rekurs gegen die verweigerte Baubewilligung ein. Doch anschliessend einigte man sich auf eine neue Lösung mit 13 Ständen entlang des Trottoirs und in der Neugasse. Die Stände wurden nun aus Aluminiumgestellen mit Holzdach konstruiert. Seitlich waren Blachen vorgeschlagen. Weil aber von Anfang an klar war, dass das im Winter zum Problem wird, waren die Profile so konstruiert, dass Holzwände angeschlagen werden konnten.
Zufrieden waren Stadt und Marktgenossenschaft mit dieser neuen Lösung auch, «weil etwa zwanzig Parkplätze mehr auf dem Marktplatz belassen» werden konnten, als beim Projekt mit den zwei grösseren Dächern.
Paul Bieggers Pläne.
Die Pläne für die Rondelle sind erhalten. Gezeichnet hat sie der damalige stellvertretende Stadtbaumeister Paul Biegger (1918–1998), der später vom Stellvertreter zum Chef aufgestiegen ist. Mit seinem «B» sind die Pläne unten rechts gezeichnet. Paul Biegger reihte sich mit seinem Vorschlag ein in andere öffentliche Kleinbauten, die in den frühen 1950er-Jahren entstanden.
Merkmal sind die filigranen Konstruktionen und die fliegenden Dächer. Das WC-Häuschen an der Kolosseumstrasse stammt auch aus dieser Epoche. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Zürcher Tramhaltestelle Bahnhofquai, deren Dächern zwar immer mal wieder der Abbruch drohte, die aber als Zeitzeugen überlebt haben und mehrmals renoviert wurden.
Die Rondelle, samt Fussgängerstreifen mit Lichtsignal, 1965.
Dass die Rondelle von Paul Biegger durchaus das Zeug zum Denkmal hätte, ist aktenkundig. Als 1999 einer der Stände dort umgebaut wurde, machte die Stadt harte Auflagen, denn – so steht es auf der damaligen Baubewilligung – es sei vorgesehen, die Rondelle in die Denkmalschutz-Kategorie 2 aufzunehmen. Brüstung, Einfassung und Storen mussten beim Umbau dem einheitlichen Bild genügen. Am Vordach und an den Oblichtöffnungen durfte nichts verändert werden. Eine Verglasung der Bedienöffnung wurde abgelehnt. An der Aussenhülle durften auch keine Reklamen angebracht werden.
Zwanzig Jahre nach der geplanten, aber nie vollzogenen Unterschutzstellung hat die Wettbewerbsjury nun die Rondelle zugunsten eines weiten Platzes zum Abbruch freigegeben.
Der St.Galler Marktplatz um 1900/1910.
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