Kategorie
Autor:innen
Jahr

Tanzträume von einer besseren Welt

Wie klingt eine Gesellschaft? Wie sieht es aus, wenn Menschen versuchen, zusammenzuleben? Solche und andere ethische Fragen stellt das neue Tanzstück «Matthäus 22:37-39» in der St.Galler Lokremise. Der norwegische Choreograf Jo Strømgren schickt dabei eine Klostergemeinschaft auf einen Spielplatz voller Symbolik.

Von  Nathalie Grand
Bilder: Bettina Stöss

«Am Ende sind wir nur Körper und Musik», bringt Emma Thesing das Grundgefühl des Abends auf den Punkt. Die US-amerikanische Tänzerin führt durch den theatralen Tanzabend von Jo Strømgren. Der Norweger nimmt das Publikum mit auf eine verwirrenden Trip auf der Suche nach der Nächstenliebe.

Als Mensch, der von Ort zu Ort reise, sei es wichtig, jeden neuen Prozess an die Menschen, mit denen er arbeite, anzupassen, sagt der international gefeierte Regisseur und Choreograf im Programmheft. Die Tänzer:innen in St.Gallen hätten sich als kreativer und interessanter als er selber herausgestellt. Alle hätten etwas beigetragen, was nur schon das Sprachengewirr auf der Bühne zeigen wird.

Matthäus 22:37-39: Weitere Vorstellungen bis 23. Februar, Lokremise St.Gallen

konzertundtheater.ch

Strømgren, der neben der Choreografie auch die Bühne, das Sounddesign und die Texte lieferte, ist in die Interdisziplinarität verliebt. Mit seinem in St.Gallen Uraufgeführten Stück lotet er Grenzen aus. Er drückt den Tänzer:innen das Mikrofon in die Hand. «Wie sie vermutlich wissen, kann Tanz heutzutage alles sein, was wir uns vorstellen können», erklärt Emma dem Premierenpublikum. «Es gibt keine Regeln mehr.»

Gemischte WG aus Spargründen

Der Abend hat nur gerade zu Beginn einen erkennbaren Erzählstrang. Der Choregraf gab der St.Galler Tanzkompanie eine Gruppenarbeit, mit der sie sich identifizieren konnte. Ein Thema das augenfällig mit St.Gallen zu tun hat. Wir befinden uns im Inneren eines Klosters. Neun Nonnen sitzen um einen Tisch und machen sich das karge Essen streitig – an der Rückwand thront ein riesiges Kreuz.

Plötzlich übertönt Glockengeläut das Gurren der Tauben. Es ist vorbei mit der Ruhe. Eine Gruppe Mönche in Kutten und Sandalen verlangt Einlass. Aus Spargründen wird die Gendertrennung abgeschafft. Frauen und Männer leben fortan unter einem Dach. Die fiktive Kloster-WG stellt sich in abstrakten Szenen Fragen nach der Koexistenz ihrer Gemeinschaft.

Vom Kloster zum Tollhaus

Die Bibelstelle Matthäus 22:37-39 hat der bekennende Atheist bewusst als Titel gewählt. Die Version des Norwegers würde lauten: «Liebe deine Nachbar:innen und es besteht die Möglichkeit, dass sie dich gut behandeln.» Auf der Bühne gestaltet sich das Zusammenleben von Nonnen und Mönchen nicht nur friedfertig. Anfangs kommen Mann und Frau sich zwar schnell näher und tauschen auch mal die Gewänder (Kostüme: Bregje van Balen), nach und nach wird das Kloster aber zu einem Tollhaus.

Unvermittelte Tanzeinlagen wechseln sich mit theatral inszenierten Bibelstellen im Schnelldurchlauf ab, ob der brennende Dornbusch, das letzte Abendmahl oder die Kreuzigung Jesu – kein Symbol wird ausgelassen. Getanzt wird oft im Dunst zu Sakralwerken und Tango oder es geht mit AC/DC auf den Highway to Hell.

Ob heiliges Wasser, Adams Apfel oder der Turmbau von Babel – die 17 Tänzer:innen wirbeln wie ein unaufhaltsamer Sturm von einem Tableau zum nächsten. Durch den Zauber des Lichts (Lichtdesign: Lukas Marian) vergessen die Zuschauer:innen auf den Rängen für kurze Zeit, dass sie sich in der Lok und nicht in einem Gotteshaus befinden. Strømgren, der die Vision von einer Welt, in der verschiedene Kulturen und Nationalitäten friedlich zusammenleben, für romantisch und unrealistisch hält, hat sich ein Stück ausgedacht, mit dem sich die Menschen für 65 Minuten wegträumen können.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49