Nutzen statt besitzen – hin zu einer humaneren, umweltverträglicheren und sinnstiftenderen Wirtschaft, das wollen viele St.Gallerinnen und St.Galler. Auto, Umzug, Kleider, Essen, Veranstaltungsräume, Arbeitsplätze, Dienstleistungen: All das und vieles mehr lässt sich nach dem Sharing-Prinzip teilen und gemeinsam nutzen. Diese Form des Wirtschaftens ist uralt, spart Ressourcen, schont die Umwelt und bringt die Menschen zusammen.
Share Gallen soll in der Stadt im Rahmen des Energiekonzepts 2050 und des Forschungsprojekts Share City der Hochschule Luzern menschenverbindendes und ökologisch sinnvolles Wirtschaften neu beleben. Über 20 Organisationen aus St.Gallen und der Region stellten mit Infomaterial und in persönlichen Gesprächen an kleinen Ständen ihre teilweise landesweiten Sharing-Angebote vor.
Darunter waren eine der grössten Online-Miet- und Vermietplattformen für Alltagsgegenstände, Sharing-Anbieter von Autos, Lastenrädern, Campern und Kleidern. Aber nicht nur Gegenstände, sondern auch Zeit und Dienstleistungen lassen sich gut mit anderen teilen, wie einige Aussteller zeigten. Unter dem Titel Share Gallen gibt es jetzt für Nutz-und-Teil-Interessierte eine Plattform.
Wachsendes Interesse
Was ist Share Economy? Bei Wikipedia wird das Wort als ein Sammelbegriff für Firmen, Geschäftsmodelle, Plattformen, Online- und Offline-Communitys und Praktiken erklärt, «die eine geteilte Nutzung von ganz oder teilweise ungenutzten Ressourcen ermöglichen».
Neu ist die Idee nicht, aber das Potenzial. Es wird immer grösser. Eine repräsentative Umfrage von Price Waterhouse Coopers (PWC) vom Juni 2015 in Deutschland ergab, dass 64 Prozent der Bundesbürger in den nächsten zwei Jahren Angebote der Share Economy nutzen und 50 Prozent selbst ein entsprechendes Produkt anbieten wollen.
Durch digitale Technologien, insbesondere das Internet, bieten sich ganz neue Möglichkeiten für die Share Economy. Mit der Vernetzung durch das mobile Web lässt sich dieses Modell auf immer neue Bereiche ausweiten. Dabei geht es entweder darum, vorhandene Ressourcen zeitlich besser auszulasten oder funktionierende Gegenstände einem Nachnutzer zur Verfügung zu stellen.
Die gesellschaftliche Wertehaltung ist in Bewegung. Es geht immer mehr Menschen nicht mehr um das Besitzen, sondern um das gemeinsame Nutzen durch Teilen, Tauschen und Leihen von Gegenständen. Mit einem Klick lassen sich heute Wohnungen, Autos, Fahrräder und viele andere Gegenstände teilen, verleihen oder tauschen und ebenso Dienstleistungen vermitteln.
Die besitzlose Leichtigkeit des Seins
Wenn es um Image, Status und Machtsymbole geht, ist es nicht mehr trendy zu sagen: «mein Haus, mein Auto, meine Yacht». Aufgeschlossenere Zeitgenossen mieten ein Haus über Airbnb oder ein Auto über Carsharing.
Viele sehen darin mehr Lebensqualität als durch Besitz, der auch immer Ballast bedeutet. Erwerbs-und Bestandskosten sowie Ressourcen für Wartung, Service und Logistik fallen beim Sharing weg, dafür ist mehr Platz für Genuss. Ökonomisch-ökologisches Bewusstsein und nachhaltiges Handeln ist sexy. Im sozialen Kontext trägt das auch zur Anerkennung und Wertschätzung bei.
Die Generation Y soll auf diesen Wertewandel total abfahren, sagen Lifestyle-Experten. Das Credo der digitalen Avantgarde schaffe kollaborative Identität beim gemeinsamen Nutzen von Dinge mit dem erklärten Zweck, effizient Ressourcen zu sparen und dabei auch umweltbewusst zu agieren. Teilen statt Besitzen vermittle Freiheit, Autonomie, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Nonkonformismus. Vielleicht kann man es wirklich so oder ähnlich sehen.
Gefahr der Kommerzialisierung
Für die Ökonomie des Teilens gibt es bis dato keine eigentliche Definition, aber erkennbare Vor- und Nachteile. Zum Positiven gehört die Effizienzsteigerung, das Sparen von Ressourcen und das Schonen der Umwelt. Negativ ist der mit der Share Economy entstandene «Plattform-Kapitalismus», der neue Machtverhältnisse etabliert. Es geht eben nicht nur um das Teilen von Dingen mit den Nachbarn in sozialen Netzwerken, sondern es geht auch um die Macht neuer Plattformen, neuer Geschäftsmodelle, wie sie etwa Airbnb und Uber betreiben. Diese Share-Economy-Hasardeure wirken mit ihren Innovationen zerstörerisch auf die Hotel- und Taxibranche und ausbeuterisch auf Arbeitnehmer.
Neben Airbnb und Uber gibt es jedoch auch Dienste wie Foodsharing, die ohne kommerzielle Interessen Lebensmittel vor dem Verfall an Bedürftige und soziale Einrichtungen vermitteln. Stark vom Community-Gedanken geprägt ist auch Couchsurfing. Dabei werden Schlafplätze angeboten oder gesucht. Im Gegensatz zu Airbnb ist es streng untersagt, für die Übernachtungen Geld zu verlangen. Die Community hat neun Millionen Mitglieder in mehr als 120’000 Städten.
Moral und Effizienz
Die Ökonomie des Teilens erscheint immer mehr Menschen als ein Weg in eine bessere, humanere Wirtschaft, als ein Bündnis von Moral und Effizienz sozusagen. Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin spricht euphorisch von einer «Null-Grenzkosten-Gesellschaft». Die Kosten für jeden weiteren Nutzer seien sehr gering, weil sich die Dienstleister über Werbung finanzierten. Dadurch könnten die Plattformen unendlich und weltweit ausgedehnt werden. Die Koordination im Internet mache es zudem einfach, Menschen zusammenzubringen. Dies sei die eigentliche Geschäftsidee der modernen Share Economy. Nach Rifkin bieten die Internetdienstleister virtuelle Räume, in denen sich die Menschen per Klick oder Touch verbinden, um eine private, zeitweilige Geschäftsbeziehung einzugehen.
Für Rifkin ist die Share Economy das Tor zum Shangri-La des Teilens und Nutzens. Er ist überzeugt, dass die neue Ökonomie ihren Siegeszug über das bisherige Wirtschaftssystem antreten und sogar zum Niedergang des Kapitalismus führen wird. Es werde ihn nicht mehr lange geben, sagt der Soziologe. Demnächst würden wir in einer «sozialeren Weltgemeinschaft» leben, in der wir Dinge gemeinsam besitzen, statt von grossen Profiten zu träumen. Aber die Signale, die ein nicht zu unterschätzender Teil der Share Economy aussendet, verheissen etwas anderes: Kommerzialisierung.
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