Die Stadt lud zum jährlichen Kulturgespräch. Das Gespräch kam nur stockend in Gang – dabei hätte der Ort, wo es stattfand, Grund zu Debatten gegeben: das Textilmuseum.
Gürtel lockerer, Gürtel enger: Das ist der Lauf der Welt, wie ihn Stadtpräsident Thomas Scheitlin sieht. In den letzten Jahren sei der Kulturgürtel lockerer geschnallt worden, man habe die freien Kredite erhöht und eine Reihe von Institutionen, vom Palace bis zum Lagerhaus, besser dotiert, erklärte er am Dienstag beim Kulturgespräch. Jetzt ist Sparen angesagt – die Institutionen bleiben unangetastet, die Kredite für freie Projektförderung hingegen werden gekürzt um immerhin 80’000 Franken.
Grund zu Protesten? Offenbar nicht.
Auch der Kanton kürzt seinen Projektkredit, um 120’000 Franken, den Löwenanteil davon wird die Hauptstadt zu spüren bekommen, wie Barbara Affolter vom Amt für Kultur ergänzte. Dazu kommen weitere Sparschnitte, so die Halbierung des Beitrags an die Kunstzone in der Lokremise.
Grund zum Widerstand? Offenbar kaum.
An diesem Abend jedenfalls blieben die Proteste aus. Kein Wunder: Anwesend waren Museumsleute, Kinomenschen, Bibliothekspersonen, waren die Institutionen – die freie Szene glänzte durch Abwesenheit. Madeleine Herzog, die im Namen der Fachstelle Kultur eingeladen hatte, bedauerte und meinte zugleich: Sie könne nicht auch noch den Widerstand gegen die von ihrem Amt beschlossenen Sparmassnahmen organisieren.
Stimmt, bloss: Wer bei Einzelprojekten spart, erspart sich auch Proteste – denn noch weiss niemand, ob es ihn dann wirklich trifft bei der nächsten Projekteingabe, 2014 oder 2015.
Und trotzdem, erster Diskussionspunkt:
Hallo Musikerinnen, Konzertveranstalter, Theaterschaffende, Kuglbetreiber, Literaturagentinnen & Co: Meldet Euch zu Wort, kämpft für Eure (bescheidenen) Ansprüche und damit für einen lebendigen Kulturhumus in der Stadt!
Gürtel enger, Gürtel lockerer: Das Scheitlin’sche Bild aus dem textilen Wort-Mottenschrank passte zum Ort der Veranstaltung. Das Haus mit der exquisiten Bibliothek und den Prachtsräumen an der Vadianstrasse sollte einst zum Kultur-Leuchtturm werden. Nachdem der Kanton das Projekt gestrichen hatte und den privaten Betreibern um die IHK-Stiftung das Geld ausging («als Folge der Entwicklung an den Finanzmärkten»), stand das Museum auf der Kippe. Schliesslich sprangen 2011 Kanton und Stadt ein und schossen je 280’000 Franken an den Betrieb und 100’000 Franken zum Neustart ein, der Rest des Jahresbudgets von insgesamt 1,2 Mio Franken wird privat finanziert.
Machen wir eine einfache Rechnung: Die 280’000 Franken des Kantons fürs Textilmuseum entsprechen ziemlich genau den 290’000 Franken, welche bei der Lokremise weggespart werden. Die 280’000 Franken der Stadt fürs Textilmuseum sind dreieinhalb mal mehr, als was jetzt mit Fit13plus an der freien Kulturförderung weggekürzt wird.
Also, zweiter Diskussionspunkt:
Hätten Stadt und Kanton das Textilmuseum nicht unterstützt, wäre genug Geld für alle anderen Kulturträger vorhanden.
Das Textilmuseum zählte 2012 rund 23’500 Besucherinnen und Besucher¸ in der Mehrzahl weiblich und über fünfzigjährig, davon 40 Prozent Touristen, – so das Profil, wie es die neue Direktorin Michaela Reichel an dem Abend selbstkritisch umschrieb.
Warum war das Textilmuseum dennoch «too big to fail»? Warum wurde die Frage nicht diskutiert?
Man kann einwenden, es bringe nichts, Kultursparten gegen einander auszuspielen. Schlimmer noch: Es bediene nur die Ressentiments der Kulturgegner. Aber in diesem Fall gilt das nicht. Denn bei einem Nein der öffentlichen Hand zum Textilmuseum wäre die Branche gefordert gewesen, der es seine Existenz verdankt. Die, mit Akris, mit Jakob Schlaepfer, mit Bischoff Textil, Forster Rohner und anderen Unternehmen, erfolgreich auf dem Weltmarkt präsent ist. Und das lokale Museum – aktuell mit der Ausstellung Lisbeth und Robert J. Schläpfer, Bild unten – zur Selbstrepräsentation nutzt.
Dagegen ist nichts einzuwenden – doch solange das Textilmuseum ein Branchenschaufenster ist und sich für die Sozialgeschichte der Textilindustrie nicht interessiert, erfüllt es nur beschränkt ein öffentliches Interesse. Allenfalls ein touristisches. Dafür gibt es Bodensee-Tourismus – die Interessenorganisation, für welche die Stadt St.Gallen jährlich gleich eine halbe Million Franken hinbuttert.
Kulturgeld zur Tourismusförderung? Darüber, zum Beispiel, hätte man diskutieren können am Dienstagabend im Textilmuseum.
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