Die Welt ist ein komplexes Gefüge. Schicht um Schicht lagern sich Informationen ab, die es aufzunehmen gilt. Wie wir mit dieser Komplexität umgehen, thematisieren die Ostschweizer Christian Hörler, Felix Stickel und Thomas Stüssi in ihrer Ausstellung «Übungen für eine bessere Zeit», die von Daniela Hardmeier kuratiert wurde. Ihre Arbeiten loten räumliche, zeitliche und begriffliche Grenzen aus.
Mehr als ein Teil
Ankunft in Winterthur Wülflingen. Drei Minuten Fussweg, und schon steht man in den Kunsträumen des Oxyds. Hier wurde nicht versucht, Heizungsrohre, Lichtschalter oder Unreinheiten an den Wänden, die in manch anderem Ausstellungsort als störend gälten, zu neutralisieren. Der Ort ist, was er ist. Im dritten der insgesamt fünf Räume bleibe ich stehen vor einer Skulptur von Christian Hörler.
Christian Hörler: Stolen an den Stiefeln 1, 2013–2017, Gips
Als «Stolen» werden umgangssprachlich Erd- oder Schneeklumpen bezeichnet, die sich an den Schuhen bilden. Die Skulptur besteht aus mehreren Gipslagen, die fortlaufend erweitert werden. Auch nach dieser Ausstellung wird Hörler sie von der Wand entfernen und woanders erneut befestigen, indem er eine Schicht frischen Gips an die Wand wirft und die Skulptur daran anbringt. So wächst sie von Ausstellung zu Ausstellung, was ihr einen prozesshaften Charakter verleiht; sie ist zeitlich niemals abgeschlossen.
Übungen für eine bessere Zeit – Christian Hörler, Felix Stickel, Thomas Stüssi: bis 17. Dezember, Oxyd Kunsträume Winterthur
Vortragsabend mit den Künstlern: 1. Dezember, 19.30 Uhr
oxydart.ch
Der in Ausserrhoden lebende gelernte Bildhauer thematisiert damit den Entstehungsprozess seiner Plastik und spielt mit unserer Wahrnehmung. Automatisch, fast intuitiv weitet sich mein Blick auf die ganze Wand aus; «Stolen an den Stiefeln» ist nicht mehr eine isolierte Einheit, sondern wird Teil des gesamten Raums.
Wie die sich Schicht um Schicht erweiternden Gips-Stolen setzen sich auch die Werke von Felix Stickel aus verschiedenen Fragmenten zusammen. Seine «Gefüge», wie der gebürtige St.Galler sie bezeichnet, bestehen aus Malereien, Fotografien und Objekten. Er baut sie immer wieder auf und ab, ersetzt oder ergänzt sie durch neue Bestandteile, die er hintereinander staffelt oder übereinander stapelt, was selbst einem zweidimensionalen Bild etwas Skulpturales verleiht.
Felix Stickel: Ans Reale klopfen wie an den Bauch von einem Zopf, 2017, Tusche auf Papier, Dispersion auf Eitempera auf Leinwand, Gouache auf Inkjetprint
So kann das «Gefüge» von Stickel begrifflich nicht zugeordnet werden: Ist es ein Gemälde, eine Plastik oder doch eine Installation oder doch alles zugleich? Auch dieses Mal wird meine Wahrnehmung auf die Probe gestellt; sie ist nun sprunghaft, bedingt durch den fragmentarischen Charakter des «Gefüges».
Im nächsten Raum zieht das grelle Licht eines Scheinwerfers die Aufmerksamkeit auf sich.
Thomas Stüssi: Übereck Reflex, 2017, Mixed Media
Bei Übereck Reflex hat Thomas Stüssi Reflexglasperlen, die üblicherweise bei Strassenmarkierungen verwendet werden, auf eine mit Farbe bestrichene Wand geworfen. Letztere wird durch einen Scheinwerfer beleuchtet. Um das Schimmern der Farbe zu sehen, muss man sich in das Scheinwerferlicht stellen, wodurch sich jedoch der eigene Schatten auf die Wand projiziert und einem selber im Weg steht. Das Reflektieren ist immer nur teilweise zu sehen; ich werde so selber zum Störfaktor meiner eigenen Wahrnehmung.
Mal gelenkt, mal gestört: Die Ausstellung reflektiert Wahrnehmungsgewohnheiten und fordert sie heraus, indem die Grenzen des Üblichen ausgelotet werden. Wie gehen wir mit Komplexität um? Agieren wir selbst und unsere Erfahrungen als Filter? Sehen wir nur das, was wir kennen, und verkennen alles andere? So ist die Ausstellung im Oxyd eine Übung im genauen Hinsehen.
Bilder: Eva Olibet
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