Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Und wenn wir sie an den Ohren aus der Stube holen müssen…»

Tag der Arbeit in St.Gallen: dicke Regenwolken, Lichtblicke im Osten und erfreulich viel Klartext von den jungen Festrednern.
Von  Corinne Riedener , 

O bella, ciao! Bella, ciao! Bella, ciao, ciao, ciao! – die «Banda di San Gallo» liefert traditionellerweise den Soundtrack zum 1. Mai in selbigem. «Papi», fragte ein kleines Mädchen am Freitag in der Multergasse, «ist das die Fasnacht?» Er lachte, ging in die Knie und nahm seine Tochter in den Arm. «Nein, Liebes», erklärte er seelenruhig, mitten im Gewühl. «Das ist der 1. Mai-Umzug. Jedes Jahr am Tag der Arbeit geht die halbe Welt auf die Strasse, um die Arbeiterbewegung zu feiern, für Solidarität einzustehen.»

Regen und Realpolitik

Im Gegensatz zu anderen Kundgebungen, etwa auf dem Taksim-Platz in Istanbul, wo die Polizei Tränengas einsetze, verlief der St.Galler Umzug durchwegs friedlich. Und anders als im verschifften Zürich hatten die Teilnehmenden in der Ostschweiz – etwa zwei- bis dreihundert waren es laut Einschätzung der Polizei – ordentlich Wetterglück. Als sich der Zug kurz vor halb sechs am Bahnhofplatz gemächlich in Bewegung setzte, war zwar der Himmel unter den roten Bannern grau, aber die Stasse war trocken. Zu regnen begann es erst, als der Zug sich wie üblich einmal buchstäblich fast im Kreis gedreht hatte und beim Vadiandenkmal angelangt war. Dort hielten dieses Jahr die sanktgaller Gewerkschaftspräsidentin und SP-Nationalrätin Barbara Gysi, Beat Schenk von der Unia Jugend und Cenk Bulut vom demokratisch-kurdischen Gesellschaftszentrum St.Gallen die Festreden.

Gysi schloss einen Bogen von der internationalen zur nationalen Solidarität: «Es ist schrecklich, was an Europas Grenzen passiert». Ein Patentrezept zur Lösung dieser Katastrophe gebe es nicht, bedauerte sie, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft seien heute mehr denn je gefragt. «Wir müssen mehr Flüchtlinge aufnehmen, und wir müssen viel mehr dafür tun, dass es gar nicht so weit kommt.» Nur wenn man bereit sei, den Wohlstand mit anderen zu teilen, werde sich grundlegend etwas ändern. Dasselbe gelte auch für die Schweiz. So forderte Gysi, mit Verweis auf die kantonalen und nationalen Abstimmungen am 14. Juni, unter anderem flächendeckende Gesamtarbeitsverträge für alle Branchen, gerechte Unternehmens- sowie Erbschaftssteuern und nicht zuletzt: gleiche Löhne für alle. Dabei möglicherweise etwas zu kurz gekommen: Lohngerechtigkeit beschränkt sich nicht auf Geschlechterfragen. Diese Forderung muss unabhängig davon auch für Status, Lebensform, Nationalität, Herkunft, Glaubenszugehörigkeit einer Person gelten.

Diese Krise zahlen wir nicht!

Etwas weniger realpolitisch, dafür umso beherzter, ging es bei Beat Schenk zur Sache. «Wer war es denn, der mit Finanzspekulation die Wirtschaft ins Wanken gebracht hat?», fragte der Thurgauer. «Wohl nicht die, die täglich acht oder mehr Stunden an der Werkbank, auf der Baustelle oder im Büro arbeiten». Doch ebenjene müssten die fatalen Folgen der neoliberalen Wirtschaftspolitik ausbaden, kritisierte er. Mit Arbeitszeiterhöhungen, Lohnausfällen oder Jobverlust – «während die Manager weiter fleissig Boni in Rekordhöhe abkassieren». Um derartige Auswüchse künftig zu verhindern, müsse man «fähige Vertreter aus den eigenen Reihen nach Bern schicken». «Die Stimmbeteiligung ist auf einem Rekordtief. Es liegt an uns, auch die Hinterletzen an die Urne zu bringen – und wenn wir sie an den Ohren aus der Stube holen müssen.»

Die Unternehmer seien nichts ohne die Werktätigen, setzte der 22-jährige Elektroinstallateur nach. «Ohne uns steht in diesem Land jede Maschine, jeder Motor still. Wir gehen Jahr für Jahr raus am 1. Mai, um das den Bonzen und Zockern hier und überall, immer und immer wieder, klar zu machen.» Entsprechend deutlich fiel dann auch Schenks Message an die Adresse der Wirtschaftselite aus: «Euer System ist an die Wand gefahren, eure neoliberale Religion nichts weiter als Götzendienst. Und eure Gewinne verdampfen mit den fallenden Börsenkursen. Eure Gier bedroht den Frieden in Europa, und der ständige Drang nach Wachstum fördert Kriege, Elend und Hunger weltweit. Diese Krise ist nicht unsere Krise, diese Krise zahlen wir nicht!»

Rojava: ein antikapitalistisches Experiment

Der 1. Mai sei auch ein internationaler Tag, erklärte Moderator Basil Oberholzer von den Jungen Grünen, als er schliesslich Cenk Bulut auf der Bühne begrüsste. Deshalb der kurze Blick auf die Widerstandsbewegungen in Syrien und im Irak. Neben dem Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) sei in den kurdischen Gebieten um Rojava auch eine gesellschaftliche Revolution im Gang, stellte Bulut gleich zu Beginn klar. «Dort besteht heute de facto eine autonome, basisdemokratische Gesellschaft, in der religiöse und ethnische Minderheiten fester Bestandteil der Regierung sind.» Rojava biete Jesiden, Christen und vielen anderen vom IS Verfolgten Zuflucht. Die Strukturen seien demokratisch und kommunal, die Ländereien in Kooperativen unterteilt und die Frauen, wohl auch dank der strikten 40-Prozent-Quote, mitunter die stärkste Antriebskraft dieser Revolution.

Es sei zwar nicht alles perfekt, erklärte Bulut, dennoch sei es seit Langem der ernsthafteste Versuch, eine antikapitalistische Gesellschaft aufzubauen. «Rojava ist ein Lichtblick. Nicht nur für den Nahen Osten, sondern für die ganze Welt.» Um sich gegen den IS zu verteidigen, sei man allerdings auf humanitäre und militärische Hilfe angewiesen – damit Rojava nicht «zum zweiten Spanien der antifaschistischen Linken» werde. Eine lebenswerte, wahrhaft emanzipatorische Gesellschaft dürfe niemanden ausgrenzen, forderte der Student und warnte anhand eines sehr zeitnahen Beispiels vor den Folgen, falls sie es doch tut: «Die soziale, religiöse und ethnische Ausgrenzung der Menschen in Europa führte dazu, dass tausende junge Menschen zum Islamischen Staat reisten. Sie sind der Beweis, dass Europa hinter den Idealen der Aufklärung zurückgeblieben ist – sie sind der Ausdruck unseres Versagens.»

 

 

Morgen Samstag, 2. Mai findet in St.Gallen bereits die nächste Kundgebung statt. «Smash little WEF» heisst es ab 14 Uhr am Bahnhofplatz, protestiert wird gegen das St.Gallen Symposium. Mehr dazu hier und hier.

 

 

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
DSC9907 HDR WEB