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Viel los im Hecht

Das Hotel Hecht in Gottlieben ist für 10 Tage ein Kunstort. Über 20 Künstlerinnen und Künstler haben sich mit dem Ort an der Grenze, der Geschichte und Atmosphäre des Hotels auseinandergesetzt und daraus neue Arbeiten eigens für die Ausstellung entwickelt.
Von  Kristin Schmidt

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Ein Hotel ist ein seltsamer Ort. Wir sollen uns wie zu Hause fühlen, aber ohne Alltagsfaktor. Es ist eine Bleibe, aber nur für begrenzte Zeit. Viele Gäste wohnen darin, aber idealerweise hinterlassen diese keine Spuren. Sie sind fremd und bleiben es auch. Dennoch ahnt man in so manchen Hotels die Zahl der Gäste. Die Teppiche sind verblichen, die Möbelkanten abgewetzt, die Emailleoberfläche im Lavabo erblindet. Doch gerade an diesen Stellen beginnen die Geschichten. Man muss nur genau hinschauen. So wie die Künstlerinnen und Künstler im «Hecht an der Grenze».

Auf Einladung der Künstlerin Cécile Hummel haben sie das alte Haus in Gottlieben erkundet, ergründet und spinnen die gefundenen Fäden weiter. Zum Beispiel unter dem Dach in einer kleinen Kammer. Die Stofftapeten mit ihren Chinoiserien sind gealtert und hängen bauchig von den schrägen Wänden, so als stecke jemand oder etwas dahinter. Ein Tier vielleicht? So wie jedes, in der Ecke oder auf dem Schrank? Laetitia Reymond platziert Felle im Raum, die erst auf den zweiten Blick ins Auge fallen, dann aber umso nachhaltiger. Sie muten wie Traumwesen an, übrig geblieben nach dem Auszug des letzten Gastes vor vielen Jahren. Oder ist er gar nicht ausgezogen? Liegt er noch, dort in jenem anderen grossen Dachzimmer? Früher ohne Zweifel der Stolz des Hauses mit dem wunderschönen Ausblick auf den Rhein, jetzt ebenfalls schon etwas aus der Zeit gefallen mit dem grossen Himmelbett. Aber zu haben wäre es ohnehin gerade nicht, denn auf dem Himmelbett liegt ein tönernes Skelett.

saiten_03Sabian Baumann und Kristin T. Schnider haben es hier aufgebahrt. Ein jeder Knochen verweist auf eine Geschichte, ein Fundstück aus dem Hecht. Gleichzeitig erinnert der Knochenmensch daran, dass das Hotel schon bessere Zeiten gesehen haben mag. Aber vielleicht wird es der Kunst gelingen, eine Wende herbeizuführen? Sie wäre ein schöner Nebeneffekt, Grund des Projektes war sie aber nicht. Es waren vielmehr die persönlichen Verbindungen von Cécile Hummel.

Die Basler Künstlerin ist in vierter Generation in der ortsansässigen Hotelierfamilie aufgewachsen. Gemeinsam mit der Künstlerin Andrea Saemann und der Kulturgeographin und Kuratorin Dagmar Reichert hat sie über zwanzig Kunstschaffende aus der Schweiz und von ennet dem Rhein dazu eingeladen, Arbeiten spezifisch für Gottlieben zu entwickeln. Und durch diese persönlichen Verbindungen ist es denn auch gelungen, Künstlerinnen nach Gottlieben zu holen, die sonst den grossem internationalen Auftritt erhalten wie etwa Muriel Gerstner oder Ulrike Ottinger. Die Bühnenbildnerin hat eigens ein 54-stündiges Video geschaffen, in dem sie Fragen des individuellen Erbes thematisiert, und die Filmemacherin zeigt Stills aus ihrem Film Madame X: Eine absolute Herrscherin und den Film selbst, über diesen wird sie mit der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sprechen.

Überhaupt hat es das Begleitprogramm zur zehntägigen Ausstellung in sich. Es gibt Performances und eine musikalische Intervention auf der Basis von Erik Satie’s Vexations, aufgeführt durch das forum andere musik in Zusammenarbeit mit mehreren Pianisten und Pianistinnen. Muda Mathis, Chris Regn und Freundinnen führen die Gottlieber Revue auf. Bootsfahrten auf dem Rhein gehören zum Programm. Christian Ratti, der aktuell auch den Schaukasten Herisau bespielt, betätigt sich als Wildtierarchitekt und führt zu froschgefährlichen Dolendeckeln, Leo Bachmann und Angela Hausheer aus Zürich unternehmen mit den Gästen Spaziergänge ins Riet. Im benachbarten Bodmannhaus wurde eigens eine Ausstellung mit einem Video von Jeanne Faust und Bezügen zu den Bodmanns eingerichtet.

saiten_02Viel los also, insbesondere an diesem und am kommenden Wochenende. Und für alle, die nicht immer dabei sein können, aber auch für jene, die es miterleben, gibt es jeden Tag eine eigene Zeitung, gestaltet vom Duo Bonbon, soeben ausgezeichnet für das schönste Buch der Welt. Sie werden vor Ort inmitten schweren Mobiliars ihr Büro einrichten. Also nichts wie hin und sich ein tagesaktuelles Exemplar ihrer Arbeit sichern.

Programmdetails und weitere Informationen: Der Hecht an der Grenze

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