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Von Furtigen und Hiesigen

Die PHSG inszeniert mit «Die Furtigen» ein gelungenes Musical über Flüchtlingsgeschichten zur Zeit des Dritten Reichs. Es ist mehr als eine schlichte Laienproduktion und schafft aufgrund des Kriegs in der Ukraine unverhofft Bezüge zur traurigen Aktualität.
Von  Roman Hertler
Für viele Jüdinnen und Juden endete die Flucht am Grenzposten in Feldkirch. (Bilder: pd)

«Es ist zwar Mai, aber das Wetter ist abscheulich», stand in einer Postkarte der Familie Berger in Prag an ihre Eltern in St.Gallen. So ist es auch am Donnerstagabend bei der Generalprobe des Musicals Die Furtigen im Innenhof des Stella Maris in Rorschach. Während die Darstellerinnen über die Bühne und die Galerie tanzen, frischt der Wind zunehmend auf. Der Frisco-Sonnenschirm, der das Dirigierpult vor den ärgsten Wettereinflüssen schützt, wird beinahe aus dem Sockel gehoben. Und am anderen Bodenseeufer blinken die Sturmlichter, bis sie hinter dem Regenvorhang verschwinden.

Das Ensemble hält dem garstigen Wetter tapfer stand. Auch als Zuschauer erhält man für einen Moment wenigstens eine winzige Ahnung davon, was es heisst, als Mensch, der das Leben in warmen Häusern gewohnt ist, den Elementen hilfslos ausgesetzt und dem guten Willen anderer ausgeliefert zu sein.

Die Furtigen: Musical der PHSG, im Innenhof des Stella Maris, Rorschach

Aufführungen am 6., 7., 9. und 10. Mai jeweils um 19.30 Uhr

Bei Schlechtwetter werden Ticketinhaber:innen ab 13 Uhr per E-Mail über das Verschiebedatum informiert. Bei leichtem Regen finden die Vorstellungen statt.

Tickets und weitere Infos auf: phsg.ch

Die Furtigen erzählt die Geschichten der vorwiegend jüdischen Flüchtlinge vor dem Nationalsozialismus in die Schweiz – oft über das Schlupfloch Diepoldsau – ab den 1930er-Jahren. Es basiert auf den eindrücklichen historischen Recherchen im Grenzkanton St.Gallen, die Autor und Journalist Jörg Krummenacher in seinem Buch Flüchtiges Glück (2005) versammelt hat.

Wer hätte gedacht, dass das Musical der Pädagogischen Hochschule St.Gallen in seiner Ausgabe 2022 eine derartige Dringlichkeit erhält? 23 Jahre nach Kosovo zeigt der Krieg wieder mitten in Europa seine hässliche Fratze, und führen weltweit wieder die Kriegstreiber das Wort. Und wieder suchen Menschen Schutz in der Schweiz und werden jetzt – in einem historischen Ausnahmefall – für einmal selbst vom Bundesrat bedingungslos willkommen geheissen.

Geschichten mit Namen

Das war nicht immer so, nicht 2021, nicht 2015, nicht in den 1990er-Jahren und schon gar nicht zu Zeiten des Dritten Reichs. Auch im Musical hallt Bundesrat Eduard von Steigers (Benjamin Koller) berüchtigte Metapher vom vollen Boot nach.

Besungen werden in Die Furtigen aber nicht nur jene Schweizer:innen, die die Flucht verhinderten und so die Menschen an den Grenzen in den sicheren Tod zurückschickten, sondern auch jene, die halfen, ob aus Überzeugung wie der St.Galler Polizeikommandant Paul Grüninger (Daniel Leuthe) oder auch aus Profitgier wie jene Rheintaler Schlepper, die den Flüchtenden noch das letzte Hab und Gut aus den Taschen zogen.

Im Zentrum des Musicals stehen aber die Biografien der Flüchtenden, eben der «Furtigen». Ihre Geschichten tragen Namen, sie heissen Schiffer, Kreutner, Berger, Epstein, Prossner, Katz, Herzer, Zuckermayer, Stricker, Spitzer, Buk, Stolz oder Tenenbaum. Geschickt haben Theaterpädagoge und Projektleiter Björn Reifler und sein Regieteam die Fäden aus den hunderten von dokumentierten Einzelschicksalen aufgenommen und mit ein paar fiktiven Verdichtungen zu einem stimmigen Stück verknüpft, das zu keinem Zeitpunkt an Ernsthaftigkeit verliert, wie das im leichtfüssigen Musical-Genre sonst gerne passiert.

Das Ensemble besteht aus Student:innen der PHSG und ein paar Schulkindern, aber von einer Laienproduktion zu sprechen, griffe zu kurz. Teilweise wird gesanglich sogar Hervorragendes geboten, nur als Einzelbeispiel herausgegriffen etwa die Rolle der Tilly Spiegel (Janice Oertli), eine Kommunistin und Turnlehrerin aus Wien, die in St.Gallen die Durchreise von Spanienkämpfern organisierte. Ihre Interpretation von No One Knows Who I Am aus dem Musical Jekyll and Hyde ist ein Gänsehautmoment, und das liegt nicht an den meteorologischen Bedingungen im unüberdachten Schulinnenhof.

Die Band begleitet eine Szene im «Trämli», der Dorfbeiz in Diepoldsau.

Und unverkennbar natürlich auch der kräftige Bariton des St.Galler Liedermachers Simon Hotz, der im zweiten Semester an der PHSG studiert, nachdem er nach einem Praktikum dem Lehrerberuf verfallen ist. Er gibt zum einen den gnadenlosen Thurgauer Polizeikommandanten Ernst Haudenschild und zum andern Sidney Dreifuss, den Leiter der israelitischen Flüchtlingshilfe in St.Gallen und Vater der späteren Bundesrätin Ruth Dreifuss.

Bekannte Melodien gekonnt adaptiert

In Die Furtigen sind einige Stücke aus bekannten Musicals zu hören. Zur Melodie von And The Money Kept Rolling aus Evita zum Beispiel singt der Chor unter der Leitung von Stéphanie Oertli: «Und die Gelder fliessen herein», während auf der Bühne diverse Fluchtgeschäfte abgewickelt werden. Oder zu Draussen ist Freiheit aus Tanz der Vampire besingen Trude und Berthold Berger (Mara Balsamo, Kai Meier) die Hoffnungen aller Flüchtenden auf neues Glück in der Fremde. Im echten Leben wird es ihnen verwehrt: Die Familie Berger, die die eingangs erwähnte Postkarte nach St.Gallen geschickt hat, wird vom Kanton zunächst aufgenommen, dann aber wieder ausgeschafft und schliesslich im KZ vergast.

Die Musical-Band mit Piano (Susanne Bolt, Leitung), Akkordeon (Joëlle Rüdisüli), Klarinette (Fiona Saladin), Kontrabass (Raphaela Vogel) und Schlagzeug (Nicola Inauen) trägt und prägt die Stimmung des Musicals und verliert sich auch in den lüpfigeren Klezmer-Momenten nie in unangebrachter Ausgelassenheit.

Grossartig, was die PHSG nach zweijähriger Musical-Zwangspause hier auf die Beine gestellt hat, und schade, gibt es insgesamt nur vier Vorstellungen.

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Michael Zwahlen,  

Vielen Dank für diesen vortrefflich recherchierten Beitrag, welcher den Sinn des Stücks und das Vorhaben als Ganzes wunderbar verdichtet in Worte fasst und verortet.
Als Am-Rande-in-das-Projekt-Involvierter freut mich das sehr.
Und: Alle Mitwirkenden freuen sich auf zahlreiches Publikum, gerade auch vor dem Hintergrund der "derartigen Dringlichkeit" der Thematik.
Auf bald im Stella Maris!

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