Vor 40 Jahren putschte in Argentinien das Militär und enthob Isabel Perón ihres Amtes. Eine Militärjunta unter Oberbefehlshaber Jorge Rafael Videla knebelte das Land bis 1983 mit Staatsterror.
Die Generäle inszenierten sich als Retter der Nation: «Es müssen so viele Menschen wie nötig in Argentinien sterben, damit das Land wieder sicher ist», verkündete Videla nach der Machtübernahme. Massenverhaftungen, Folter und die Methode des «Verschwindenlassens» gehörten zum Alltag. In den sieben Jahren ermordeten die Militärs ca. 30’000 Menschen.
Ausstellung Kunst-Geschichten mit Werken von Alfons K. Zwicker und anderen: bis 13. November, Museum im Lagerhaus St.Gallen
Ende der 80er-Jahre fand ich in Ribaux’s Antiquariat in St.Gallen einen Roman aus Argentinien mit dem Titel Morgen ist ein anderer Tag, verfasst von Rubén Gallucci. An diesen Roman erinnerte ich mich zu Beginn der Arbeit am Opernlibretto von Der Tod und das Mädchen und konnte Komponist Alfons Karl Zwicker damals ein weiteres Exemplar zuspielen.2003 überraschte Alfons Karl mich damit, dass es zu einem Treffen mit Rubén Gallucci komme. Er hatte Rubén über Amnesty international suchen lassen. Es stellte sich heraus, dass der Gesuchte am Institut für systematische Botanik an der ETH arbeitet.
An dieses erste Treffen erinnert sich Alfons Karl scharf: «Es fand am 11. Dezember 2003 in der ‹Oepfelchammer› Zürich statt. Dort hielt Rubén einen separierten Tisch reserviert.» Er habe gesagt, es falle ihm heute besonders schwer zu sprechen, da es sich um den Jahrestag seiner damaligen Entführung durch das Militär handle. «Auffällig ist das viele Schweigen gewesen», erzählt Alfons Karl. Immer wieder Schweigen. Lange Pausen.
Erinnerungen im Ohr
Alfons Karl und ich beschliessen, in die vierte Szene unserer Oper Der Tod und das Mädchen ein «Fenster», basierend auf Rubéns Text, einzufügen. In Alfons Karls Werknotizen zur Oper findet sich am 13. Juli 2005 der Vermerk: «4. Szene: Verhör-Methoden in die Paulina- Arie hineingewoben. Dieses Verhör – mit Foltersequenzen – um den Gefangenen zum Reden zu bringen, endet mit dessen Tod. Die härteste Szene der Oper. Weiter kann man nicht gehen. Danach erfolgt die Rückkehr nach innen. Reduktion und Sprachlosigkeit».
Rubén besucht Ende 2011 in St.Gallen eine Aufführung der Oper am Theater St.Gallen und ist offenbar nachhaltig beeindruckt.
In konsequenter Weiterführung komponiert Alfons Karl drei Instrumentalstücke mit dem Titel Erinnerungen im Ohr, die im Dezember 2012 in der Lokremise St.Gallen uraufgeführt werden. In der Komposition verarbeitet er Teile aus Rubéns Roman Morgen ist ein anderer Tag. Nach eigenen Worten sind die Erinnerungen im Ohr ein «Konglomerat von auditiven Traumata». So steht, stellvertretend über dem Mittelstück Der Irre: «Ich höre die Schreie des Irren. Die Musik wird aufgedreht. Das Halleluja von Händel. Der Messias. Der Irre. Händel. Der Messias. Der Irre. Halleluja. Halleluja. Der Irre. Saukerl. Die Tür geht auf. Die Musik platzt in den Raum.» Die Komposition ist Rubén Gallucci gewidmet.
Rubén, der Film
Die Regisseurin Eva Danzl realisiert 2014 den Film Rubén – Fragmente aus dem Exil. Ein Film über ein Exilleben in der Schweiz, das bleibende Trauma der Folter und den lebenslangen Kampf für Gerechtigkeit.
Film Rubén – Fragmente aus dem Exil: 1. Oktober, 20 Uhr, Kultbau St.Gallen
Lesungen: 7., 14. und 21. Oktober, 19.30 Uhr, Keller der Rose St.Gallen
Entstanden ist ein erstaunlich stiller, fast poetischer Film. Mit unaufgeregter Kameraführung begleitet die Regisseurin ihren «Hauptakteur» in seinem Alltag, bei der Arbeit, mit Freunden. Ein Dokumentarfilm mit vielen Zwischentönen. Rubén reist im Sommer 2015 nach über 20 Exiljahren in der Schweiz nach Argentinien zurück. Ein Heimatloser, der hier wie dort um und für das Überleben kämpft – und für das «Nicht-Vergessen».
Torturada
Mit der dreiteiligen Installation Torturada, die in Zusammenhang und im Nachklang der Oper Der Tod und das Mädchen entworfen wurde, setzt Alfons Karl Zwicker ein weiteres Zeichen in der Auseinandersetzung mit der Thematik von Opfern und Tätern, die seit Jahren sein kompositorisches Werk mitbestimmt.
Torturada – Installation zur Oper: bis 23. Oktober, Keller der Rose St.Gallen, Vernissage: 30. September, 19.30 Uhr
Torturada ist eine begehbare Installation, die den Betrachter zu Nähe und Konfrontation auffordert.Mit dem Keller der Rose sei der ideale Raum gefunden, um nun eine definitive Version zu präsentieren, vermutet er. Ein zellenartiger Raum mit zerrissenen Stoffbahnen, eine neun Meter lange Namensliste von «Desaparecidos» und Instrumental-Installationen sollen den Betrachter zu einem geschichtlichen Gedächtnis hinführen.
In seinen jüngsten Emails berichtet Rubén von «chaotischen Zuständen» in Argentinien, doch spricht aus ihnen auch die Hoffnung, endlich Ruhe zum Schreiben in einer neuen Form von Texten zu finden.
Dieser Beitrag ist auch im Oktoberheft von Saiten zu finden.
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
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Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
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Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
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Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
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Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.