Das Openair Frauenfeld hatte in diesem Jahr für einmal kein Wetterglück. Der Regen brachte den Schlamm, was wiederum zu dreckigen Zelten, Pavillons und Campingstühlen führte – also unweigerlich zu mehr Abfall. Rooijer regt sich darüber auf beim Joggen.
Es spricht nichts dagegen, das zu kritisieren. Es gäbe ja auch Ansätze: Warum fällt es der heutigen Gesellschaft so leicht, Dinge wegzuwerfen? Warum sind Zelte mittlerweile so billig, dass es niemandem mehr wehtut, sie stehen zu lassen? Warum interessieren sich viele nicht dafür, dass andere hinterher aufräumen müssen? Und wieso helfen nicht mehr bei der Zeltrettungsaktion für Flüchtlinge?
Das wären durchaus angebrachte Fragen, Jeroen van Rooijen stellt sie nicht. Stattdessen holt er zum Rundumschlag aus. Die Openair-Gänger seien nur «Musikbegeisterte» in Anführungszeichen, «Festival-Horden mit ideenlosen Gesichtern». Die Musik am Openair Frauenfeld sei generell nur «dumpfer Sound». Tausende, ja zehntausende meist Jugendliche bezeichnet er als «Generation Zero» ohne Ideen, ohne Style.
Alles sei «Normcore» sagt derjenige, der pausenlos der Welt erklären will, wie man sich zu kleiden hat. Der auch schon mal dafür plädiert hat, dass es nur eine Art gibt, eine Umhängetasche zu tragen. Wenn das nicht «Normcore» ist…
Vielleicht realisiert van Rooijen aber auch langsam, dass er nicht mehr dazu gehört, dass ihn Openair-Fans verwirren, weil sie echten, dreckigen Stil an den Tag legen, ohne dafür ins faltenfreie Hemd zu schlüpfen. Dass er mittlerweile beim Frühsport an Leuten vorbeijoggt, die noch nicht mal im Bett waren, dass er eigentlich «Normcore» ist. Oder besser: «Bünzlicore», wie der hässliche Schluss seines Textes vermuten lässt:
«Fazit: Wir erklären uns offen und erbarmungslos zum Feind dieser verantwortungslosen Art von Grossveranstaltungen, welche der ich-fixierten Generation der Digital Natives, deren grösste kreative Leistung es ist, die Zunge zu einem Selfie herauszustrecken, das Geld aus der Tasche zieht. Statt ihnen Ideen zu vermitteln. Mit solchen Junioren ist kein Staat zu machen. Sie sind unsympathisch, nutzlos und ekelhaft. Ausser Konsum haben sie keine Ideale. Wir hoffen, dass die Nachgeborenen verantwortungsbewusster handeln. Inzwischen werden wir bei jedem dieser grauenvollen Hiphop-Songs demonstrativ das Radio ausschalten, denn das, was da in Frauenfeld auf der Bühne war, war nur eines: der Soundtrack der Verblödung.»
«Unsympathisch, nutzlos und ekelhaft» sind sie also, die Openair-Fans. Die Musik in Frauenfeld nur der «Soundtrack der Verblödung». Zu Beginn des Pots schreibt Van Rooijen, er sei nicht dafür, dass man online seinen Frust ablädt und über andere ablästere. Er tue es jetzt aber doch.
Ich bin eigentlich auch nicht dafür, die Aussagen eines überforderten, alten Mannes in einen Kontext zu stellen. Aber die Wortwahl van Rooijens erinnert mich an dunkle Zeiten. Zum Glück darf nicht der Stilexperte entscheiden, wer alles «nutzlos und ekelhaft» ist. Das hatten wir nämlich schon mal.
Bild: Openair Frauenfeld
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