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Wer ist hier nutzlos und ekelhaft?!

Der Ostschweizer «Stilexperte» Jeroen van Rooijen beschwert sich über die Abfallberge am Openair Frauenfeld. Mit Stil hat das allerdings wenig zu tun, findet Ruben Schönenberger.
Von  Gastbeitrag

Das Openair Frauenfeld hatte in diesem Jahr für einmal kein Wetterglück. Der Regen brachte den Schlamm, was wiederum zu dreckigen Zelten, Pavillons und Campingstühlen führte – also unweigerlich zu mehr Abfall. Rooijer regt sich darüber auf beim Joggen.

Es spricht nichts dagegen, das zu kritisieren. Es gäbe ja auch Ansätze: Warum fällt es der heutigen Gesellschaft so leicht, Dinge wegzuwerfen? Warum sind Zelte mittlerweile so billig, dass es niemandem mehr wehtut, sie stehen zu lassen? Warum interessieren sich viele nicht dafür, dass andere hinterher aufräumen müssen? Und wieso helfen nicht mehr bei der Zeltrettungsaktion für Flüchtlinge?

Das wären durchaus angebrachte Fragen, Jeroen van Rooijen stellt sie nicht. Stattdessen holt er zum Rundumschlag aus. Die Openair-Gänger seien nur «Musikbegeisterte» in Anführungszeichen, «Festival-Horden mit ideenlosen Gesichtern». Die Musik am Openair Frauenfeld sei generell nur «dumpfer Sound». Tausende, ja zehntausende meist Jugendliche bezeichnet er als «Generation Zero» ohne Ideen, ohne Style.

Alles sei «Normcore» sagt derjenige, der pausenlos der Welt erklären will, wie man sich zu kleiden hat. Der auch schon mal dafür plädiert hat, dass es nur eine Art gibt, eine Umhängetasche zu tragen. Wenn das nicht «Normcore» ist…

Vielleicht realisiert van Rooijen aber auch langsam, dass er nicht mehr dazu gehört, dass ihn Openair-Fans verwirren, weil sie echten, dreckigen Stil an den Tag legen, ohne dafür ins faltenfreie Hemd zu schlüpfen. Dass er mittlerweile beim Frühsport an Leuten vorbeijoggt, die noch nicht mal im Bett waren, dass er eigentlich «Normcore» ist. Oder besser: «Bünzlicore», wie der hässliche Schluss seines Textes vermuten lässt:

«Fazit: Wir erklären uns offen und erbarmungslos zum Feind dieser verantwortungslosen Art von Grossveranstaltungen, welche der ich-fixierten Generation der Digital Natives, deren grösste kreative Leistung es ist, die Zunge zu einem Selfie herauszustrecken, das Geld aus der Tasche zieht. Statt ihnen Ideen zu vermitteln. Mit solchen Junioren ist kein Staat zu machen. Sie sind unsympathisch, nutzlos und ekelhaft. Ausser Konsum haben sie keine Ideale. Wir hoffen, dass die Nachgeborenen verantwortungsbewusster handeln. Inzwischen werden wir bei jedem dieser grauenvollen Hiphop-Songs demonstrativ das Radio ausschalten, denn das, was da in Frauenfeld auf der Bühne war, war nur eines: der Soundtrack der Verblödung.»

«Unsympathisch, nutzlos und ekelhaft» sind sie also, die Openair-Fans. Die Musik in Frauenfeld nur der «Soundtrack der Verblödung». Zu Beginn des Pots schreibt Van Rooijen, er sei nicht dafür, dass man online seinen Frust ablädt und über andere ablästere. Er tue es jetzt aber doch.

Ich bin eigentlich auch nicht dafür, die Aussagen eines überforderten, alten Mannes in einen Kontext zu stellen. Aber die Wortwahl van Rooijens erinnert mich an dunkle Zeiten. Zum Glück darf nicht der Stilexperte entscheiden, wer alles «nutzlos und ekelhaft» ist. Das hatten wir nämlich schon mal.

 

Bild: Openair Frauenfeld

Jetzt mitreden: 16 Kommentare
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Wer ist hier nutzlos und ekelhaft?! - ruben.sg,  

… Text ist am 15. Juli 2014 auf dem Blog des Ostschweizer Kulturmagazins Saiten …

Stilexperte vs. Fussballfan – … kurz verbloggt,  

… Die Antwort von Ruben Schönenberger - Wer ist hier nutzlos und ekelhaft?! …

Andreas Niedermann,  

http://songdog.at/blog/?p=10075

Lukas Bossart,  

Ja, die liebe Ironie. Zwischen Wien und St. Gallen liegt halt schon eine grosse Distanz, dass da die Ironiewellen synchron verlaufen kann man wirklich nicht erwarten, aber versuchen sollte man es doch... Im diesen Sinne: Wir werden kalt und immer kälter...

Andreas Niedermann,  

War eigentlich ironisch gemeint …

Lukas Bossart,  

Ich sehe wir verstehen uns...Muss wohl unbedingt mal Ihre Bücher lesen... Diese Jugend die Ihren Müll liegen lässt ist sehr gut gebildet in Sachen Liberalismus. Im Sinne von: Ich mache mit meinem Zelt was ich möchte und wenn ich es kaputtmachen möchte dann mach ich es auch kaputt, schliesslich hab ich dafür bezahlt. Irgendwo haben Sie das wohl gelernt. Und ja, wenn der Putztrupp aus Pfadfindern besteht, die damit Ihre Vereinskasse sanieren hab ich ehrlich gesagt kein Problem wenn Sie überbezahlt sind. Hab mit Leuten ein Problem die unter Umweltschutz die Erweiterung der Grünzone um Ihr Einfamilienhaus verstehen. Umweltprobleme sollte man doch überall anpacken, aber vorallem dort wo sie am gravierensten sind.

Andreas Niedermann,  

Ja, das seh ich genauso: Wenn Italien mit seinem Müll nicht klar kommt, dann brauch ich mich um meinen auch nicht zu kümmern, wenn es irgendwo Müllinseln gibt, dann kann ich meinen getrost irgendeinem Putztrupp (der vermutlich auch noch überbezahlt ist) überlassen, und wenn es mich ankommt jemandem die Fresse zu polieren, dann mach ich das frohen Herzens, denn in der Ukraine werden Passagierflugzeuge mit Raketen abgeschossen. Geile Einstellung. Hat mich schon immer beeindruckt …

Lukas Bossart,  

Warum regen Sie sich über das hinterlassen von Abfall auf, in einem Land wo es ein geschlossenes Abfallkreislaufsystem gibt. Dass Sie es sind, der sich so sehr darüber aufregt nervt mich hingegen gewaltig, denn Ihren Kampf für einen besseren Umweltschutz sollten Sie wohl vor Ihrer Haustüre führen. Da Sie in Wirtschaftsthemen hoffentlich bewandet sind wissen Sie ja sicher auch in welchen Gebieten die grossen Schweizer Konzerne zu Hause sind. Meines Wissens gehört das Verpacken und Verarbeiten von Lebensmittel in grossen Mengen, damit man sie von A nach B transportieren kann dazu. Wenn nicht mal ein Land wie Italien, dass zu den G7 Ländern gehört die Abfallbewirtschaftung im Griff hat, wäre es nicht besser man würde aus umwelttechnischen Überlegungen nur noch in die Länder exportieren, die die Abfallbewirtschaftung seriös betreiben? Auf den Malediven soll es eine Insel geben, die zur Mülllagerung dient. Von der Müllinsel auf dem Meer ganz zu schweigen. Dass es auch Zeitungen gibt, die immer mal wieder zum Kauf von Gold raten (Quecksilber in den Flüssen?) ist wohl auch Tatsache. Wie wäre es, wenn Sie sich nützlich machen und sich über diese Themen empören? Das hintelassen von Dreck nach einem Open Air in einem doch eher isolierten natürlichen Lebensraum scheint mir da ein doch eher kleines Problem zu sein.

Jeroen van Rooijen,  

So klingt das dann heute nach, nach fünfmal schlafen. Danke für die Schelte, Ruben S. – man lernt nie aus. Aber ich bleibe bei meiner Erkenntnis: Die Hinterlassenschaften dieses Publikums sind widerlich und beschämend. http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/muell-als-ausdruck-des-jugendlichen-protestes-1.18345776

Lukas Bossart,  

Kann sein, dass der Autor "dunkle Zeiten" nicht kennt. Aber er kennt wohl die Zeit wo Produktionssteigerung und Konsum über allem steht und man so tut als ob mit Abfallverbrennung nachhaltig Energie gewonnen werden kann. Wir Normalbürger haben keinen Job bei der NZZ aber müde sind wir am Abend auch, nur leider haben wir dann keine Lust mehr um unser Zelt zu putzen. Aktion Reaktion kommt mir da in den Sinn. Wirre Gedanken in der Nacht, Sorry!

Urs Müller,  

Das Problem ist, dass der Autor wohl "dunkle Zeiten" nicht wirklich kennt. Für ihn bestehen sie wohl darin, dass die Alten gesagt haben, was sich gehört. Und jeder, der etwas vernünftig denkt, weiss, dass sich die Sauerei auf der Fraruenfelder Allmend nicht gehört. Egal von welchem Publikum sie hinterlasen wurde.

Stilexperte vs. Fussballfan | Marcel Baur,  

… Die Antwort von Ruben Schönenberger - Wer ist hier nutzlos und ekelhaft?! …

Ruben Schönenberger,  

Merci fürs Feedback. Ich kenne den Begriff Normcore und natürlich kann der auch einfach beschreibend gemeint sein. Bei van Rooijens Text habe ich aber Schwierigkeiten, das zu glauben. Und der Schluss meiner Replik scheint zu polarisieren. Ich kann die Kritik im Grundsatz verstehen, weshalb ich auch nur selten zu solchen "Vergleichen" greife (und natürlich auch niemanden als Person auf diese Stufe stelle!). Aber insbesondere bei "nutzlos" wirds mir schlecht und die Tonalität erinnert mich halt an dunkle Zeiten.

Sascha Erni,  

Gute Replik, van Roijens Rumdumschlag war unnötig und zu polemisch. Aber drei Punkte: 1) Dass sich ein Stilberater und Kolumnist (auch) über »Style« aufregt dürfte nicht wirklich überraschen. ;) 2) »Normcore« ist ein Fachbegriff aus der Mode- und Stilbranche, und ist nicht wertend gemeint. Normcore ist eine Kleidungs-Bewegung, die vorwiegend als Reaktion auf die (Neo-)Hipster entstanden ist. Van Roijen hat hier recht; es fanden sich zumindest im Umfeld des Openairs sehr viel mehr gummistiefeltragende Normcore-Menschen als Hipster, Punks, »klassische« Hiphopper etc. Siehe auch http://en.wikipedia.org/wiki/Normcore Die Leute, die im Tele-Top-Videoclip die Zelte kurz und klein schlagen tragen z.B. Standard-Normcore-Kleidung. 3) Der Godwin am Schluss wäre nicht nötig gewesen. Ansonsten, wie gesagt: Gute Replik. Nicht seinen Frust abladen zu wollen, dann aber genau das zu tun, kann in einer beißenden Glosse ein Mittel zum Zweck sein. Aber eigentlich ist’s unsinnig. Van Roijen hätte besser noch eine Nacht darüber geschlafen, statt sich zu seinem Blogbeitrag hinreißen zu lassen.

Linus,  

Am Ende gegen die Alten noch die Nazi-Keule zu schwingen ist zwar sehr verführerisch, aber reichlich plump. Schade, dafür.

Inge Lütt,  

Spätestens, wenn der Herr Stilexperte seine Rente beziehen will, ist die Generation Zero ganz bestimmt nicht mehr nutzlos in seinen Augen, vermute ich mal.

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